Presse/Rezensionen

  • Aus Oetwil in die Welt: Der grösste Spinner Europas
    06.11.2021, Zürichsee-Zeitung, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos, von Colin Bätschmann

    Aus Oetwil in die Welt: Der grösste Spinner Europas

    Aus Oetwil in die Welt: Der grösste Spinner Europas

    Neues Buch über Industriepionier   Heinrich Kunz (1793–1859) war vieles: Spinnerkönig, inhaftierter Straftäter, Feindbild. Die erste Biografie über den Mann schafft Klarheit.

    Ob das gigantische gläserne Gewölbe des Kristallpalasts im Hyde Park den reichsten Zürcher seiner Zeit zu beeindrucken vermag, ist ungewiss. Sechs Millionen Menschen besuchen die «Great Exhibition», die erste Weltausstellung 1851 in London. Der reichste Zürcher ist als Aussteller vor Ort, und das verwundert kaum: Der Oetwiler Heinrich Kunz (1793–1859) gilt damals als grösster Spinnereibesitzer Europas.

    Nur ein Jahr zuvor hat Kunz statt mit viktorianischem Prunk noch mit dem «Kerker» von Uster
    vorliebnehmen müssen. Acht Tage lang war er dort eingesperrt. Bei der amtlichen Gewalt machte sich der «Spinnerkönig» nicht immer beliebt. Ebenso wenig bei seiner Arbeiterschaft, die zu den besten Zeiten aus mehr als 2000 Personen bestand. Die Mischung aus Erfolg und Rücksichtslosigkeit formte aus dem Menschen Kunz den Mythos, von dem man bis heute spricht: den eines kaltherzigen, geizigen, erfolgreichen Unternehmers.

    Nie gesehene Quellen

    «Heinrich Kunz war im eigenen Haus gefürchtet und bei vielen Zeitgenossen verhasst», schliesst
    auch Werner Bosshard das Kunz-Kapitel in seinem Buch zur Oetwiler Ortsgeschichte, das bereits
    2020 erschienen ist. Doch was hat Kunz eigentlich so falsch gemacht, dass man derart schlecht
    von ihm denkt?, fragte sich Bosshard später. Der pensionierte Bankfachmann und einstige Oetwiler Gemeinderat ging der Frage nach und legte kürzlich die erste Biografie von Heinrich
    Kunz vor.

    Dabei konnte Bosshard auf bislang unbeachtete Quellen zurückgreifen: Briefe von und an Kunz. Dessen angeheiratete Verwandtschaft, die Meilemer Familie Wunderly, stellte diese erstmals einem Forschenden zur Verfügung. «Das war für mich wie ein Sechser im Lotto», sagt Bosshard. Die Briefe geben nämlich Einblick in Gedanken- und Gefühlswelten des Verfassers, die bislang verborgen waren.

    Erfahrung im Elsass

    Heinrich Kunz wächst in Oetwil in gehobenen Verhält-nissen auf, die ihm im Alter von 16 Jahren eine kaufmännische Ausbildung in einem Textilbetrieb im elsässischen Guebwiller ermöglichen.
    Er weiss seine Privilegien zu nutzen. Bald ist der junge Mann bestens über Branche und Maschinen orientiert und knüpft fleissig Kontakte. Als sein Vater um 1810 vom Betrieb einer Spinnerei im Dachstock eines Doppelwohnhauses in der Oetwiler Gusch träumt, ist es der Sohn, der ihm in einem Brief detaillierte Kalkulationen und Preisvergleiche vorlegt. Der 17-jährige Heinrich kümmert sich auch um die Anschaffung von Maschinenteilen und spediert diese in die Schweiz, wohin er bald zurückkehrt. Mit der ersten handbetriebenen Spinnerei in der Gusch legen Vater und Sohn Kunz den Grundstein eines Imperiums.

    Wochenlange Reisen

    Das Kapital des Vaters, der Ehrgeiz und das Fachwissen des Sohnes – eine Erfolg versprechende
    Kombination. Doch wollen die beiden das Wirkungsfeld handbetriebener Spinnereien verlassen, braucht es noch etwas Viertes: Wasser. Am Standort in Oetwil sind die Bäche zu klein, um genug Wasser für die Energieproduktion zu führen. Vater und Sohn ziehen weiter.

    Nach gescheiterten Projekten in Schaffhausen und Wetzikon erfolgt 1817 der Umzug in ein fünfstöckiges Fabrikgebäude am Aabach in Oberuster. 15 mechanische Spinnstühle mit je 104 Spindeln werden im ersten Jahr betrieben, ein paar Jahre später sind es mehr als fünfmal so viele.

    Der Erfolgsfaktor der kunzschen Spinnereibetriebe ist die hohe Qualität der Baumwollgarne, die sie produzieren. Mit diesen kann Heinrich Kunz, der das Geschäft 1825 von seinem Vater übernimmt, auch auf dem internationalen Markt höhere Preise erzielen als die Konkurrenz. Diese Qualität sichert der Patron, indem er sich im nahen Ausland über die neusten Technologien informiert und diese in seinen Fabriken anwendet. Kunz ist oft wochenlang mit Kutschen und
    zu Fuss unterwegs.

    Unmenschliche Umstände

    Bosshard nennt einen weiteren Erfolgsfaktor: «Kunz gab keinen Rappen mehr aus, als er musste.» Das galt für Steuern, den Einkauf von Baumwollfasern, Abgaben für Wasserrechte, aber auch für die Löhne seiner Arbeiterinnen und Arbeiter. Gegenüber diesen soll er zudem keinerlei Empathie gezeigt haben. Im Buch nennt Bosshard ein Beispiel: Als eine 13-jährige Arbeiterin von einem Wendelbaum an den Kleidern ergriffen und zu Tode gedrückt wird, findet Kunz, jeder Arbeiter sei für sich selbst verantwortlich und bei einem Unfall selber schuld. Schutzvorrichtungen gibt es keine.

    Wenn die Arbeitsumstände – düstere, enge Räume, offen stehende Maschinen, Kinderarbeit und 13-Stunden-Schichten – aus heutiger Sicht auch unwürdig erscheinen, sind die kunzschen Betriebe längst nicht die einzigen ihrer Art. Unmenschliche Arbeitszeiten und tiefe Löhne sind laut den Fabrikanten zwingende Faktoren für die internationale Konkurrenzfähigkeit der damaligen
    Schweiz, des «Armenhauses Europas».

    Und doch scheint der Patron Kunz besonders hart gewesen zu sein. «Soziale Kompetenz lässt sich aus den Quellen kaum erkennen, und so hatte er auch kein Verständnis für die Sorgen und Nöte seiner Arbeiterschaft», schreibt Bosshard. Kunz zieht sich derweil mit dem Standpunkt «Lieber Brot statt Not» aus der Verantwortung.

    Erfolgreich und einsam

    Dass Heinrich Kunz zeit seines Lebens kinderlos bleibt und nur wenige Vertraute hat – etwa zwei
    Schwestern und eine Nichte –, passt ins Bild des herzlosen Industriekapitalisten, wie es Kunz’ politische Gegner zeichnen. Mit der Bildungselite, vor allem Lehrern und Pfarrern, liefert er sich
    regelmässig lange Schlagabtausche, die die NZZ abdruckt. Seinem wirtschaftlichen Erfolg kann das aber kaum etwas anhaben. Kunz baut oder übernimmt weitere Fabriken in Niederuster, Windisch, Linthal, Rorbas, Oberkempttal, Adliswil und Unter-Aathal. 1853 betreibt er an acht Standorten zusammen rund 132’000 Spindeln – das sind doppelt so viele wie der nächstgrössere
    Konkurrent in der Schweiz und 15 Prozent aller Spindeln im Land.

    Nicht nur das: Kunz ist wohl auch der grösste Spinnereibesitzer Europas. Der Übername «Spinnerkönig» haftet ihm schon lange an. Der Gang an die Weltausstellung in London 1851 ist keine unternehmerische Pflicht, sondern die Kür.

    Aber da ist noch die Geschichte mit dem «Kerker» in Uster, in dem Kunz acht Tage verbringt. Grund für die Gefängnisstrafe ist ein Wasserrechtsstreit in Adliswil, wie sie der Unternehmer ständig auszufechten hat. 1849 lässt er seine Arbeiter ein Wehr zur besseren Nutzung der Sihl errichten. Im Sood betreibt er seit ein paar Jahren eine Fabrik. Dieses Wehr hätte er aber nicht bauen dürfen, befindet der Statthalter des Bezirks Horgen, der Thalwiler Müller Jacob Kölliker. Als Kunz’ Arbeiter den Aushub wieder rückgängig machen sollen, widersetzen sie sich. Statthalter Kölliker sieht dahinter den Patron Kunz als «intellektuellen Urheber» dieses Widerstands. Und das tut auch das Zürcher Obergericht, das Kunz wegen Beihilfe zur Widersetzung gegen amtliche Gewalt zu acht Tagen Gefängnis verurteilt.

    «Mir ist nicht mehr zu helfen»

    Nach einer Vergnügungsreise nach München im Sommer 1859 erliegt Heinrich Kunz im Alter von 66 Jahren einer Darminfektion. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: «Mir ist nicht mehr zu helfen.» Kunz hinterlässt ein Vermögen von 17 Millionen Franken, was heute einem Geldwert von etwa 250 Millionen Franken entspricht.

    Anders als in seinem Buch zur Ortsgeschichte zieht Werner Bosshard in seiner Kunz-Biografie
    eine wohlwollende Bilanz. Industriepioniere wie Kunz hätten enorme Leistungen erbracht, um in der Bevölkerung Hunger und Not durch Arbeit und Brot zu ersetzen. «Mein Bild von Kunz hat sich durch die neu aufgetauchten, persönlichen Dokumente geändert», sagt Bosshard.

    Bewunderung hin oder her – Werner Bosshard hat mit der Biografie ein differenziertes, trans-parentes Standardwerk geschaffen. Die zusätzliche Quellenedition mit den bislang unveröffentlichten Briefen ist besonders wertvoll und ermöglicht Anschlussforschung, die dem Mythos Kunz weiter auf den Grund geht.

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  • Neue Biographie über den "Spinnerkönig" aus Oetwil
    29.10.2021, Maurmer Post, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos, von Annette Schär

    Neue Biographie über den "Spinnerkönig" aus Oetwil

    Heinrich Kunz: Historische Persönlichkeit aus der Region

    Neue Biographie über den „Spinnerkönig“ aus Oetwil

    Heinrich Kunz (1793-1859) war einer der grössten Industriepioniere der Schweiz, der die Industrialisierung im Zürcher Oberland prägte. Er wuchs in Oetwil am See auf, wurde zum grössten Spinnereibesitzer Europas seiner Zeit, galt zugleich aber auch als Einzelgänger und rücksichtsloser und streitbarer Kapitalist. Um ihn ranken sich zahlreiche Mythen und Halbwahrheiten.

    Der Oetwiler Autor Werner Bosshard hat für die Reihe „Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik“ eine lesenswerte Biographie verfasst, die soeben erschienen ist. Neue Dokumente – darunter Briefkorrespondenz von Heinrich Kunz – sowie eine aufwendige Recherche in den Regierungsratsprotokollen und Zeitungsarchiven ermöglichen neue Erkenntnisse über Kunz, der bei seinem Ableben 1859 der vermutlich reichste Bürger im Kanton Zürich war mit einem Vermögen von rund 17 Millionen Franken.

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  • Der König in Linthal
    28.10.2021, Fridolin, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos, von Werner Bosshard

    Der König in Linthal

    Der König in Linthal

    „Die grosse Mehrheit will nun einmal Fabriken!“ – so steht es in Werner Bosshards Biographie über den erfolgreichen, rastlosen und rücksichtslosen Spinnerkönig Heinrich Kunz, der auch in Linthal eine grosse Spinnerei eröffnete. Heute steht am Platz dieser Spinnerei der LINTHPARK GLARUS SÜD. Das Buch erscheint in der Serie „Pioniere der Wirtschaft und Technik“, parallel gibt es eine Edition der „Heinrich Kunz“-Briefe. Beides unter www.pioniere.ch

    Heinrich Kunz war der grösste Spinnereibesitzer in Europa und prägte die Industrialisierung der schweizerischen Textilindustrie. Der Erfolg gründete auf seinen technischen Kenntnissen, seinem Verständnis des Marktes und seinem rastlosen Bestreben, das Unternehmen profitabel weiterzuentwickeln. Das führte zu Auseinandersetzungen mit Behörden, anderen Fabrikanten und der Arbeiterschaft; so auch in Linthal, wo Kunz 1839 eine Fabrik eröffnete, die er auf 35’000 Spindeln ausbaute.

    Die Fabriken als Segen …

    Sie waren Segen und Fluch zugleich, die Spinnereien, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an unzähligen Wasserläufen in der Schweiz errichtet wurden. Denn auf der einen Seite brachten sie Arbeit und Auskommen für eine Bevölkerung, die sonst zur Auswanderung gezwungen gewesen wäre, und sie standen am Anfang der Industrialisierung, dank der sich die Schweiz vom Armenhaus zum reichsten Land Europas entwickelte. Der Linthaler Gemeinderat zögerte darum nicht, grosszügige Bedingungen zu gewähren, als Heinrich Kunz zusammen mit dem bedeutenden Glarner Zeugdrucker Egidius Trümpy das Baugesuch für eine Spinnerei einreichte. Und die „Glarner Zeitung“ schrieb am 29. Juli 1841: „Dem so stark bevölkerten Linthal sind seit einigen Jahren schöne Erwerbsquellen eröffnet worden. In der Spinnerei des Herrn Kunz finden eine Menge Arbeiter Beschäftigung, die früher entweder dem Gassenbettel sich ergaben oder doch bei den Hausarbeiten entbehrlich gewesen sind.“

    … und Fluch zugleich

    Die Konflikte rund um die Spinnerei in Linthal begannen schon mit dem Bau. Kunz und Trümpy konnten sich bei der Wahl des Standortes nicht einigen, worauf Trümpy aus dem Projekt ausstieg. Später beschwerte sich der Gemeinderat, weil Kunz das zugesicherte Holz für den Spinnereibau wahllos in den umliegenden Wäldern fällen liess. In den Zeitungen wurden später Missstände in den Fabriken, wie zu lange Arbeitszeiten und tiefe Löhne kritisiert. Heinrich Kunz wehrte sich, indem er auf die grundsätzlichen Vorteile der Fabrikarbeit verwies: „Was ist wohltätiger und humaner für den Arbeiter, wenn er des Tages etwas mehr arbeitet, um sich und seine Angehörigen vor Mangel und schlechter Nahrung zu schützen, ober umgekehrt, wenn er weniger arbeitet und darbt?“

    Biographie als ein Stück Wirtschaftsgeschichte

    Heinrich Kunz war schon zu Lebzeiten eine umstrittene Figur, nicht zuletzt wegen seiner unnahbaren Persönlichkeit. Heute bietet seine Biographie die Gelegenheit, die verschiedenen Seiten der Industrialisierung darzustellen und deren Akteure kennenzulernen. So spiegelt seine Geschichte auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte der Schweiz und speziell des Glarnerlandes.

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  • Als der König der Spinnereien Linthal eroberte
    23.10.2021, Südostschweiz, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos, rücksichtslos, von Ueli Weber

    Als der König der Spinnereien Linthal eroberte

    Als der König der Spinnereien Linthal eroberte

    Autor Werner Bosshard hat eine Biografie über den Gründer der Spinnerei Linthal geschrieben – eine Figur, die gerade wegen ihrer Ruchlosigkeit faszinierend sei.

    Der Linthpark in Linthal ist eines der ambitioniertesten Umnutzungsprojekte für Industriebauten im Glarnerland: Wo die Spinnerei Linthal bis in die frühen 2000er-Jahre noch Garne produzierte,
    findet man heute Ateliers, eine Arztpraxis und mit dem sogenannten «Co-Working-Co-Living» bald auch eine moderne Form des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit.
    Der Autor Werner Bosshard hat eine Zeitreise 200 Jahre zurück in die Anfangszeit der Linthaler Spinnerei gemacht. Er hat eine Biografie über den Mann verfasst, der die Fabrik einst gründete: Der Industrielle Heinrich Kunz, grösster Spinnereienbesitzer Europas, Herr über 2000 Arbeiter – und schon zu Lebzeiten (1793 bis 1859) eine höchst umstrittene Person. Mit den «Glarner Nachrichten» hat Bosshard über den «Spinnerkönig» getauften Kunz gesprochen:

    Herr Bosshard, der Protagonist Ihrer Biographie könnte der Bösewicht in einem Roman von
    Charles Dickens sein: Ein gefühlloser, geiziger Fabrikherr, der so unbeliebt ist, dass es sogar im
    Nachruf heisst, er habe keinen einzigen Freund gehabt. Haben Sie gerade darum ein Buch über
    Heinrich Kunz geschrieben?
    Über einen Langweiler ein Porträt zu schreiben, wäre langweilig. Kunz ist aber eine faszinierende Figur. Dieser gerecht zu werden, ist aus dieser zeitlichen Distanz nicht ganz einfach. Dafür, dass sein Leben 200 Jahre zurückliegt, findet man aber erstaunlich viele Informationen, die ihn zu einer lebendigen Figur machen.     

    Kunz bewies schon früh Geschäftssinn: Mit 16 Jahren schrieb er aus seinem Lehrbetrieb im Elsass Briefe an seine Eltern mit Berechnungen und Instruktionen für die Eröffnung einer Spinnerei im Zürcher Oberland. Was machte ihn zum erfolgreichen Geschäftsmann?
    Ich weiss nicht, ob es den Begriff gibt, aber Kunz hatte so etwas wie eine praktische Intelligenz, auch wenn er eine gute, aber nicht die allerbeste Schulbildung genossen hatte. Und er hatte einen angeborenen Geschäftssinn. In einem Nachruf stand, sein grosser Irrtum sei gewesen, zu denken, alle anderen Leute seien mit den gleichen Kräften gesegnet wie er.

    Kunz baute seine Fabriken überall nach einem identischen Muster auf und interessierte sich sehr für die Technik. Das klingt nach einem sehr modernen Unternehmer.
    Er setzte früh auf Maschinen und kannte sich auf diesem Gebiet bestens aus. Kunz sah früh, wie wichtig die Technik für eine kostengünstige Produktion grosser Mengen sein konnte. Dass er auf Maschinerie setzte, war wichtig für seinen Erfolg.

    1838 war Kunz schon ein erfolgreicher Unternehmer und besass mehrere Fabriken mit Tausenden Arbeitern. Warum eröffnete er da in Linthal eine grosse Spinnerei?
    Wieso genau in Linthal liegt für mich auch im Dunkeln, das müsste man noch aufarbeiten. Klar war aber, dass man die Fabrik an einem geeigneten Fluss bauen musste, denn die Maschinen wurden mit Wasserkraft angetrieben. Dieser Fluss musste gewisse Eigenschaften haben: Er durfte nicht zu reissend sein und musste über das ganze Jahr gleichmässig Wasser führen. Ausserdem gab es in Linthal viele Menschen, die Arbeit brauchten, weil die in der Gegend verbreitete Handweberei in einer Krise steckte. Der Aufbau einer Fabrik brauchte viel Kapital, und das konnte Kunz mitbringen. Kunz hat das Gesuch für den Bau der Spinnerei in Linthal zusammen mit dem Glarner Zeugdrucker Egidius Trümpy eingereicht. Vielleicht hatte er die Zusammenarbeit mit Kunz gesucht. Trümpy zog sich aber nach einem Streit über den genauen Standort aus dem Projekt zurück.

    Nach zwei Jahren arbeiteten schon 300 Menschen in der Spinnerei in Linthal. Kunz war schon zu dieser Zeit berüchtigt, von Arbeiterrechten nichts zu halten. Wie muss man sich die Arbeit in seiner Spinnerei vorstellen?
    Es gab damals noch nicht viele Gesetze, welche die Arbeit geregelt hätten. Da war man sich manches gewohnt, das heute verrückt klingt. 1854 war die Arbeitszeit gesetzlich auf 13 Stunden
    am Tag beschränkt. Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche. Ferien kannte man noch nicht. Die häufig monotone Arbeit in den Fabriken war sicher nicht angenehm. Aber viele Leute haben ausser dem Auswandern kaum eine Alternative gesehen. Im kargen Bergtal hatten sie nicht viele Optionen und waren für so eine Arbeitsgelegenheit dankbar.       

    Es kam ja trotzdem zum Streik in Linthal, weil die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Kunz 18 Stunden lang pro Tag arbeiten sollten.
    Kunz hat sich in solchen Fällen öfter mal herauszureden versucht, dass sich die anderen Fabrik-besitzer ja auch nicht an die Gesetze hielten. 

    Sein schwieriges Verhältnis zu seinen Arbeitern zeigt sich auch in einer Geschichte, die Sie in ihrem Buch schildern. Als Kunz seinen Geldsäckel verlor, fand eine Linthaler Arbeiterin diesen
    und brachte ihn zurück. Als sie nach einem Finderlohn fragte, soll er sie angeherrscht haben, sie brauche diesen offensichtlich nicht, sonst hätte sie das Geld für sich behalten. War er tatsächlich so ein Unsympath?
    Zu den Arbeitern hatte er ein distanziertes Verhältnis und misstraute ihnen wohl oft. Seine Äusserungen waren direkt und schroff. Kunz hatte aber auch sehr hohe oder zu hohe Erwartungen und wurde von anderen Menschen oft enttäuscht.
    Kurz nach der Eröffnung der Spinnerei in Linthal verbot der Kanton Glarus im Jahr 1846 die
    Kinderarbeit in Spinnereien. Weiss man, was Kunz davon hielt?
    Er hat sich wiederholt nicht an solche Gesetze gehalten. Das war auch in seinen Fabriken im Raum Uster so. Seine Konkurrenten aber genauso wenig. Kunz war wohl ein dankbarer Sündenbock, weil er so unzugänglich war. Man darf nicht vergessen: Die Branche war einem sehr harten internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Das führte dazu, dass man die Kosten streng im Griff behalten musste. Wenn ein Unternehmer Konkurs ging, endete das häufig in Dramen – gesellschaftlich war er damit erledigt. Das war wohl eine grosse Angst von Kunz: auf
    der Strecke zu bleiben.

    In den Jahren vor seinem Tod schien Kunz vom Glück verlassen. Er sass wegen eines Streits
    um Wasserrechte acht Tage im Gefängnis, verkaufte zwei Fabriken und war in einen Skandal
    verwickelt, als in seinen Fabriken im grossen Stil gestohlen wurde. Ging es bergab mit ihm?
    Ich habe schon den Eindruck, dass ihm das Gefängnis und der Skandal mit den Diebstählen von 1856 zugesetzt haben. Zu dieser Zeit war er schon 63 Jahre alt, ein vergleichsweise hohes Alter. Ausserdem war er wohl ziemlich einsam. Seine Schwestern Susanna und Elisabetha sowie seine Nichte Susette waren bis in die 1840er-Jahre seine engsten Bezugspersonen. Die Nachfolge-regelung war sein Drama, weil er keine Frau hatte und keine Kinder. Er konnte wahrscheinlich
    nicht loslassen. Aber das geht noch vielen Unternehmern so.

    Kunz hinterliess 17 Millionen Franken, eine unglaubliche Summe für die damalige Zeit. Das viele Geld alleine machte ihn aber nicht glücklich?
    Er hat sicher zeitlebens nirgends mehr gezahlt, als er musste – sei das beim Garn oder beim Personal. Er hat auch kaum etwas gespendet. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er geldgierig war.
    Er hat schon das Geld gesucht, doch er hat es wieder investiert. Kunz war sehr reich, aber er hat nicht im Luxus geschwelgt. Seine Unterkunft in Uster war an die Fabrik angebaut und eher bescheiden. Er war Unternehmer, das war sein Lebensinhalt.

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  • Wie sich Europas «Spinnerkönig» Rorbas einverleibte
    23.10.2021, Zürcher Unterländer, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos, rücksichtslos, von Christian Wüthrich

    Wie sich Europas «Spinnerkönig» Rorbas einverleibte

    Wie sich Europas «Spinnerkönig» Rorbas einverleibte

    Die ersten Fabrikarbeiter von Rorbas bauten ab 1840 das Imperium von Heinrich Kunz, dem damals wohl reichsten Schweizer, auf. Jetzt hat die Gemeinde ein Buch über ihn mitfinanziert.

    Es muss ein knallharter Industriekapitalist und mitunter ruchloser Zeitgenosse gewesen sein, der im vorletzten Jahrhundert als «Spinnerkönig» auch in Rorbas für Furore gesorgt hat. Dort steht am Ufer der Töss noch heute ein geschichtsträchtiges Haus. Es ist nicht sonderlich schmuck, aber spielte in Rorbas’ Geschichte und ganz allgemein in der voll einsetzenden Industrialisierung der Schweiz einst eine grosse Rolle. Es war die Zeit, als das verschlafene Bauerndorf am Schattenhang unterhalb von Embrach plötzlich Fabrikarbeiter sah und dank dem Geschick eines gewissen
    Heinrich Kunz Teil eines Wirtschaftsimperiums von internationaler Ausstrahlung wurde. Auf den Namen dieses ominösen Unternehmers – Heinrich Kunz – angesprochen, weiss Rorbas’ Gemeindeschreiber Roger Suter zwar nicht allzu viel zu erzählen. Aber in Rorbas sei man sich der besonderen Geschichte durchaus bewusst, obschon die ehemalige Spinnerei heute keine Rolle mehr spielt im Dorf.
    Fabrikgebäude hat einen Brand überlebt
    Das stattliche Fabrikgebäude steht nach über 180 Jahren noch immer, aber nicht mehr ganz originalgetreu. Nach einem Brand in den 1990er-Jahren ist der Dachstock nicht mehr genau nach den früheren Plänen wiederhergestellt worden. Heute ist es schlicht ein Gewerbehaus im Gebiet Nauen, umgeben von zumeist neueren Wohnblocks und flachen Industriehallen. Zwei bewohnte
    Angestelltenhäuser aus der Entstehungszeit der Spinnerei, sogenannte Kosthäuser, bilden zusammen mit der Fabrik ein stimmiges Ensemble im Industriestil damaliger Prägung.
    «Die Spinnerei befindet sich im Inventar potenziell schützenswerter Bauten», erklärt Gemeindeschreiber Roger Suter. Soeben ist ein Buch über den Wirtschaftsführer unter dem Titel «Spinnerkönig Heinrich Kunz» erschienen. Die Gemeinde Rorbas hat das Projekt mit einer
    kleinen Spende unterstützt.
    Das neuste Werk basiert auch auf privaten Aufzeichnungen und dem Briefwechsel des Patrons
    mit seiner Familie. Es bietet Wirtschaftshistorie, die Wissen vermittelt und sich zuweilen liest wie ein Krimi. In sechs Kapiteln von den Wurzeln der wohlhabenden Familie aus Oetwil am See über den Aufbau der Spinnereien in drei verschiedenen Kantonen, den erbitterten Arbeitskampf, Kinderarbeit und Politkarriere bis zum Verkauf im Alter und dem millionenschweren Nachlass
    wird das Leben und Schaffen des Zürcher Oberländer Unternehmers detailliert nachgezeichnet.
    «Wir freuen uns über das Werk, und dass Rorbas darin auch eine interessante Rolle spielt», sagt Suter. Mit dem Erbe der Firma habe die Gemeinde heute allerdings nichts mehr zu tun. Ausser, dass man in einem Nebengebäude der Spinnerei den kommunalen Werkhof betreibt, gibt es keine weiteren Berührungspunkte mehr. Doch rückblickend weiss der Gemeindeschreiber
    sehr wohl um die Wichtigkeit der Kunz’schen Tätigkeit vor Ort. «Er war wohl der bedeutendste Arbeitgeber von Rorbas zu seiner Zeit.» Nebst Landwirtschaft gabs plötzlich eine dreistellige Zahl an Fabrikjobs im Dorf.
    Wie bedeutend die Spinnerei war, beschreibt Autor Werner Bosshard auf über 140 Seiten gut dokumentiert mit alten Bildern und gestützt auf verlässliche Zahlen. Wie zum Beispiel die Angaben zum beeindruckenden Vermögen von insgesamt rund 17 Millionen Franken. Das geht
    aus den Nachlassakten nach seinem Ableben in Uster hervor. So viel hatte Kunz im Laufe seines 66 Jahre langen Lebens (1793–1859) angehäuft, was ihn gemäss Buch zum damals wohl reichsten
    Schweizer machte.

    Doppelt so gross wie der grösste Konkurrent

    Es ist auch nachzulesen wie Heinrich Kunz 1853 an seinen acht Fabrikstandorten total rund 132’000 Spindeln zur Garn-herstellung betrieb. Das seien mehr als doppelt so viele gewesen wie beim nächstkleineren Konkurrenten in der Schweiz. Der produktionstechnische Marktanteil lag gemäss Bosshard somit bei 14,5 Prozent des gesamtschweizerischen Bestandes an Spindeln. Die grosse Produktionsmenge kombiniert mit einer hohen Qualität sollen den Schweizer gar zum angeblich wichtigsten Garnspinner Europas gemacht haben.
    Nicht weniger beeindruckend ist auch diese Zahl: Etwa 3,5 Millionen Franken habe der Unternehmer während seines ganzen Lebens allein in Fabriken investiert. Eine unvorstellbar hohe
    Summe für die damalige Zeit. Das zahlte sich allerdings aus. Die ganze Unternehmensgruppe habe mit ihren mehr als 2000 Arbeitern zuweilen einen Umsatz von 3,5 Millionen Franken erzielt. Währenddessen habe der Patron eine Lohnsumme zwischen 650’000 bis 700’000 Franken im Jahr ausbezahlt. Kunz habe ein gutes Gespür für Investitionen gehabt, liest man im Buch weiter.

    Erbitterter Streit landete vor Bülacher Bezirksgericht
    Aber dass der Wirtschaftsführer zu einem Produktionsstandort im Zürcher Unterland kommen sollte, war gar nicht geplant. Zumal Rorbas die zweitkleinste Fabrik im Firmennetzwerk war mit nur 8000 Spindeln gegenüber der grössten Niederlassung in Windisch im Aargau mit über 30’000 Exemplaren. Kunz aber unterstützte zu jener Zeit auch andere beim Aufbau von Fabriken, und weil der damalige Geschäftspartner in Rorbas, Johann Conrad Nägeli, seine Maschinen nicht fristgerecht bezahlen konnte und Konkurs machte, ging dessen Betrieb an den mächtigen «Spinnerkönig» über. So kam Kunz auch zum Produktionsstandort
    Kemptthal.
    In Rorbas folgte im Anschluss ein erbitterter Rechtsstreit zwischen dem gefallenen Fabrikanten
    und seinem Nachfolger, der sich um die Nutzung der Wasserrechte drehte. Als Kläger beim Zürcher Regierungsrat seien dann plötzlich auch Gemeinderäte und der Gemeindeschreiber aufgetreten. Kunz unterlag und zog das Urteil gar ans Bezirksgericht weiter, was ihm aber auch nichts mehr brachte. Er durfte somit den Zufluss des Wassers aus der Töss nicht durch künstliche Mittel steigern und keine festen Gegenstände zur Erhöhung des Wasserstands im Flussbett anbringen. Das limitierte die Produktion, denn elektrischen Strom gab es noch nicht in den Fabrikhallen. Die Maschinen liefen nur dank der Antriebskraft des Wassers aus dem Fabrikkanal.
    Angefangen hatte alles in Oetwil am See, wo Heinrich Kunz aufwuchs und die Familie an der ersten wasserbetriebenen Spinnerei tüftelte. Im elsässischen Guebwiller bei Mülhausen nördlich von Basel trat der Jüngling 1809 mit 16 Jahren eine kaufmännische Ausbildung an und sah neue Spinnereien entstehen. Das Wissen nahm er mit nach Hause. Schon 1817 hatte Kunz zusammen mit dem Vater eine wasserbetriebene Spinnerei in Oberuster aufgebaut. Ab Mitte der 1820er-Jahre trieb er, nach dem Tod des Vaters, von Uster aus den Aufbau seines Imperiums voran. 1825 ging in Niederuster die erste eigene Spinnerei des Sohns in Betrieb. Später kamen Fabriken in Windisch (1829), Linthal (1839), Rorbas (1840), Kemptthal (1841), Adliswil (1842) und Unter-Aathal (1851) dazu.
    Clemens Fässler, Geschäftsführer vom Verein für wirtschaftshistorische Studien in Zürich, der das neue Buch herausgegeben hat, schreibt dazu: Der Erfolg sei nicht zuletzt auf Kunz’ «rastloses Wesen» zurückzuführen. Denn der Mann reiste viel durch ganz Europa und sei bestens informiert gewesen über den aktuellen Stand der Technik und die Situation am Markt. So sei er auch der Erste gewesen, der im oberen Glattal neue sogenannte Halbselfaktoren installierte und darauf hochfeine Garne herstellte. Der jüngste Band in der Reihe von Biografien bedeutender Schweizer Wirtschaftsführer beschreibt aber nicht nur einen «facettenreichen Industriepionier», wie es Fässler ausdrückt, sondern handle auch von starken Frauen und überdies von Heinrich Kunz’ hartnäckigen Widersachern.

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  • Die unbekannte Seite des Oberländer Spinnerkönigs
    23.10.2021, Anzeiger von Uster / Zürcher Oberländer / Regio R2, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos, rücksichtslos, von Christian Brändli

    Die unbekannte Seite des Oberländer Spinnerkönigs

    Die unbekannte Seite des Oberländer Spinnerkönigs

    Der Oetwiler Werner Bosshard hat eine Biografie über den berüchtigten Spinnerkönig Heinrich Kunz geschrieben. Bei seinen Recherchen lernte er auch bisher verborgene Seiten des Ustermers kennen.

    Er gilt Mitte des 19. Jahrhunderts als grösster Spinnereibesitzer Europas, zugleich aber auch als
    rücksichtsloser Industriekapitalist. Und er hat im Oberland mit seinen Fabriken zahlreiche Spuren
    hinterlassen: Heinrich Kunz, der 1793 in Oetwil auf die Welt kam und 1859 in Uster starb. Mit
    einem Vermögen von 17 Millionen Franken war er wohl nicht nur der reichste Zürcher, sondern
    gehörte auch zu den Reichsten der Schweiz.
    Uster im Zentrum
    Trotz dieser herausragenden Stellung ist bisher keine Biografie über Kunz erschienen. Diese Lücke hat nun der Oetwiler Werner Bosshard geschlossen. Am Donnerstag hat er in der Ustermer Villa Grunholzer sein Buch «Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos» vorgestellt.
    Uster ist mit Bedacht gewählt worden, liess Kunz doch in Oberuster seine erste grosse Fabrik er-stellen, und Uster war auch das Zentrum des Kunz‘schen Imperiums und Kern der Industrialisierung.
    Kein königlicher Lebensstil
    Die Titulierung als «Spinnfürsten» im Jahr 1844 durch den Pfarrer von Windisch, wo Kunz eben-falls eine Fabrik besass, ärgerte den Industriellen. Gegen den Begriff «Spinnerkönig», den die NZZ fünf Jahre darauf öffentlich verwendete, scheint er dann aber nichts mehr einzuwenden gehabt zu haben.                                                                                                                                                              Dabei war Kunz‘ Lebensstil«aber ganz und gar nicht königlich», wie sein Biograf nun festhält.
    Heinrich Kunz habe stets bescheiden gelebt, «aber vermutlich nicht ganz so spartanisch, wie das später in Legenden teilweise erzählt wurde», räumt Bosshard mit einer Fama auf, die den Gross-kapitalisten bisher umgab.
    Die meiste Zeit wohnte Heinrich Kunz in einem Anbau seiner ersten Fabrik in Oberuster. Sein
    Lebensstil habe seiner Herkunft aus einer vergleichsweise vermögenden Familie entsprochen. Immerhin war das damals für eine Landschaft aussergewöhnlich.
    Der Nachbar aus Oetwil
    Doch wie kommt Werner Bosshard, der aus einer Bauernfamilie entstammt, die ihr Heim nur rund 200 Meter von Kunz’ Geburtsort hat, dazu, sich einem «König» anzunehmen?
    Der pensionierte Bankfachmann während seiner Recherchen für das Oetwiler Ortsgeschichtsbuch
    Auch dieses stammt aus der Feder des langjährigen Oetwiler Gemeinderats und erschien im vergangenen Jahr.
    Der 67-Jährige hat seine Liebe zur Geschichte erst nach seiner Pensionierung entdeckt. Mittler-weile hat er bereits drei «Heimatspiegel» für den Zürcher Oberländer verfasst. Der jüngste widmet
    sich den Verkehrswegen im Oberland zur Römerzeit. In die Biografie über Heinrich Kunz investierte Bosshard rund ein halbes Jahr. Am Anfang standen intensive Quellenstudien im Staatsarchiv und in jenem der NZZ.
    Briefe als «Lottosechser»
    Während dieser Arbeiten erinnerte er sich an einen «Glücksmoment» zehn Jahre zuvor. Damals
    hatte er einen Auszug aus dem Archiv der Familie Wunderly kopiert. Die Wunderlys sind über die Schwester von Heinrich Kunz, Susanna Zollinger-Kunz, und deren Tochter Susette Wunderly-
    Zollinger Nachfahren des Ustermer Industriellen.                                                                                    Und so kam Werner Bosshard zu rund drei Dutzend Briefen von und an Heinrich Kunz. «Dieses Material ist wie ein Sechser im Lotto», meint Bosshard. Es erlaubte ihm ein differenziertes Bild des Industriellen zu zeichnen: «Erst durch diese Briefe können die menschlichen Züge von Kunz erfahren werden.» In der Öffentlichkeit zeigte der Fabrikherr keine Empathie für seine Arbeiter. Wie die anderen Fabrikanten setzte er Kinder als billige Arbeitskräfte ein. Er legte oft eine rücksichtlose Art an den Tag, die nach heutigen, teils aber sogar nach damaligen Massstäben unhaltbar war. Im Verkehr mit seinen Schwestern und seiner Nichte aber zeigte er eine weichere Seite. «Deine Zeilen haben mich einen Augenblick wehmütig gestimmt, was du fast nicht glauben
    wirst, da du mich für wenig gefühlvoll zu kennen glaubst», schrieb er Susette 1841.
    «Abstossend für jeden»
    Heinrich Kunz war sich offensichtlich bewusst, dass er von den Mitmenschen als wenig einfühlsam empfunden wurde. Sein Ustermer Arzt brachte es in einem Nachruf auf den Punkt: «Seine Art, Menschen zu behandeln, war rau bis zur äussersten Härte. Darum war es ihm auch
    nicht gegeben, jemanden an sich zu ziehen und zum eigentlichen Freund zu gewinnen. Er war abstossend für jeden. Sein Charakter war starrsinnig bis zur Härte.»
    Schwestern in der Führung
    Kunz war ein Einzelgänger. Doch wie Bosshard aufzeigt, setzte er bei der Führung des auf acht
    Spinnereien angewachsenen Unternehmens stark auf Familienangehörige. Das Besondere für die damalige Zeit war, dass er auch Frauen in Führungspositionen hob. Seine beiden Schwester Susanna und Elisabetha sowie seine Nichte Susette gehörten privat wie geschäftlich zu seinen
    Vertrauenspersonen. «Und seine Schwestern beteiligte Heinrich Kunz auch am wirtschaftlichen
    Erfolg», unterstrich Werner Bosshard an der Vernissage. Sie gehörten zu den wohlhabendsten
    Frauen.
    Unverständnis in Uster
    War Heinrich Kunz ein schlechter Mensch? «Er hatte eine schlechte und unangenehme Seite. Aber er war auch ein gewinnender Verkäufer, wie sein wirtschaftlicher Erfolg zeigt», meint
    Bosshard. Und zudem habe er schweizweit rund 2000 Personen Arbeit und Einkommen ver-schafft. Er sei aber wohl auch nicht verstanden worden, da man die internationale Geschäftstätigkeit, die Kunz betrieb, nicht kannte.                                                                                    Gerade in Uster eckte er immer wieder an. Für Unverständnis sorgte etwa seine Weigerung, sich an der Eingabe von 28 Fabrikanten der Gemeinde Uster für eine Zweigbahn der Linie Zürich– Winterthur nach Uster zu beteiligen. Diese schien ihm offenbar nicht lukrativ genug zu sein. Stattdessen beteiligte er sich lieber substanziell an anderen Bahnprojekten. Kunz führte zeitlebens viele und endlose Gerichtsprozesse. Die meisten betrafen Wasserrechte, die er beim Bau und Ausbau seiner Fabriken benötigte. Wegen eines solchen Streits landete er auch für acht Tage im Kerker von Uster.
    Architektonische Zeugnisse
    Noch eine Besonderheit vermag Bosshard in seinem Buch herauszuarbeiten: Den besonderen
    Baustil, den Kunz für seine Spinnereien vor allem entlang des Aabachs entwickelte. Er liess sie stets nach demselben Muster errichten, was Bau- und Betriebskosten senkte. Von den «Musterspinnereien» stehen diejenigen in Oberuster, Niederuster, Rorbas, Windisch und Unter-Aathal ganz oder teilweise noch. Ebenfalls erhalten ist das Spinnereigebäude in Kemptthal, das er
    einst aus einer Konkursmasse erworben hat. Das Gebäude in Fehraltorf, in welchem sich einst seine Wollmanufaktur befand, ist in einem baufälligen Zustand gegenwärtig auch noch erhalten. Wer diese Gebäude sieht, hat nun eine gute Möglichkeit, in der neu erschienenen Biografie mehr
    über deren Erbauer und einstigen Besitzer zu erfahren, den erfolgreichen, rastlosen und rücksichtlosen Spinnerkönig.

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  • "Ein Mensch mit viel Licht und viel Schatten"
    21.10.2021, General Anzeiger von Windisch, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos, rücksichtslos, von Annegret Ruoff

    "Ein Mensch mit viel Licht und viel Schatten"

    Werner Bosshard hat dem «Spinnerkönig» Heinrich Kunz (1793–1859) eine Biografie gewidmet:

    „Ein Mensch mit viel Licht und viel Schatten“

    Heinrich Kunz hat mit der Gründung der Spinnerei in Windisch einen grossen Coup gelandet. Davon erzählt eine soeben erschienene Biografie.

    Werner Bosshard, bis jetzt ist noch nie eine eigentliche Biografie über den «Spinnerkönig» Heinrich Kunz geschrieben worden. Für Ihr Buch haben Sie nicht nur bekannte Quellen und vorhandene Literatur erschlossen, sondern auch bisher noch kaum ausgewertete neue Quellen zugezogen, die über das private und wirtschaftliche Leben dieses ambivalenten Mannes berichten.
    Warum hat Sie dessen Persönlichkeit derart fasziniert?
    Ich bin in Oetwil aufgewachsen, war 28 Jahre Mitglied des Gemeinderats und habe eine starke Ortsverbundenheit. Mit 62 ging ich in Pension. Seither beschäftige ich mich intensiv mit der Geschichte des Orts. Die Familie Kunz errichtete ihre erste Spinnerei 200 Meter von meinem Haus entfernt, Sohn Heinrich war wie ich der Gemeinde Oetwil ein Leben lang verbunden. Man weiss jedoch so wenig über ihn. Dabei ist er eine ausserordentlich spannende Person! Also begann ich zu recherchieren. Das Resultat ist soeben in Form einer Biografie erschienen.

    Heinrich Kunz, so schildern Sie in Ihrem Buch, wurde ja in sehr jungen Jahren schon zum Geschäftsmann, unterstützt durch seinen vermögenden Vater. Inwiefern war der Jungunternehmer ein Pionier?
    Kunz hatte das Glück, eine Familie im Rücken zu haben, die nicht nur wohlhabend war, sondern ihn auch tatkräftig unterstützte. Seine Schwester Susanna beispielsweise wohnte später in der Fabrikantenvilla in Windisch und waltete da als Statthalterin. Heinrich Kunz besass nicht nur Know-how und einen riesigen Entwicklungswillen, sondern er gehörte am Ende seines Lebens europaweit zu den Erfolgreichsten seiner Branche. Sein Unternehmen ging nie pleite, er reiste in ganz Europa herum, um neue Kunden zu akquirieren, stritt um Wasserrechte, investierte und hinterliess bei seinem Tod ein Vermögen von rund 17 Millionen Franken. Verglichen mit heute, wäre das wohl eine Viertelmilliarde. Das muss man sich mal vorstellen!

    Die Spinnerei in Windisch war ja die zweite, die Heinrich Kunz gründete. Warum kam er als Oetwiler gerade auf den Aargau?
    Betrieb man damals Spinnereien, gings immer um Wasser. Die Gegend rund um Windisch bot sich also an. Durch die Spinnerei in Turgi, die bereits existierte, sprach sich die Erfolg versprechende Ausgangslage herum. Und so erwarb Heinrich Kunz die erforderlichen         Wasserrechte und begann mit dem Bau seiner grössten Fabrik.

    Wie wurde sein Vorhaben in Windisch aufgenommen?
    Am 29. Dezember 1827 berief der Gemeinderat von Windisch eine ausserordentliche Gemeinde-versammlung ein und informierte die Bürger, dass Heinrich Kunz plane, an der Reuss für eine mechanische Spinnerei Boden zu kaufen. Die Versammlung beschloss, Heinrich Kunz sofort einen Brief zukommen zu lassen, in dem sie die Freude über diese Pläne ausdrücken und ihm unentgeltlich das örtliche Bürgerrecht anbieten wollte. Im Jahr 1829 konnte die neue Spinnerei ihren Betrieb aufnehmen. Mit sechs Geschossen war sie das höchste Spinnereigebäude, das Heinrich Kunz je baute. Und bereits 1835 vollendeten seine Handwerker auf der anderen Seite des Wasserkanals die zweite Spinnerei. Die majestätische Doppelfabrik bildet heute den Kern einer modernen Wohn- und Gewerbesiedlung, wobei die Gebäude schon vor längerer Zeit von sechs auf vier Stockwerke umgestaltet wurden. Gemäss einer Zusammenstellung von 1846 wurden in Windisch 567 Personen beschäftigt. Das war rund ein Viertel aller Beschäftigten bei Kunz und etwa halb so viel, wie Windisch an Einwohnern zählte. Heinrich Kunz liess ein Kosthaus und später sogar eine Fabrikschule errichten. Ende der 1850er-Jahre wurden in Windisch rund 36 000 Spindeln betrieben.

    Das klingt auf der einen Seite alles wunderbar. Reagierte die einheimische Bevölkerung denn wirklich positiv auf diese vielen Zuzüger?
    Natürlich hatten die Bürger vor Ort Angst vor diesem immensen Zuzug, der ja zum Beispiel auch die Schulpflicht der Kinder der Arbeiterinnen und Arbeiter mit sich brachte. Der Bau der Spinnerei hatte nicht nur positive Folgen für die ansässige Bevölkerung, die ja eher bäuerlich war. Das Riesenunternehmen brachte auch eine grosse Abhängigkeit mit sich. Man war dieser Spinnerei auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

    In Ihrem Buch schreiben Sie sehr eindrücklich von den damaligen Arbeitsbedingungen. Kinder-arbeit, Züchtigungen, Nachtarbeit und sexueller Missbrauch prägten das Szenario. War Heinrich Kunz ein skrupelloser Arbeitgeber, oder gehorchte er bloss den Gesetzmässigkeiten seiner Zeit?
    Sowohl als auch, denke ich. Im frühen 19. Jahrhundert war Kinderarbeit der Normalfall. Das war da und dort auch Mitte des 20. Jahrhunderts noch so. Ich wuchs als Bauernsohn auf. Dass wir auf dem Hof mithalfen, war keine Frage. Die Arbeitsbedingungen bei Heinrich Kunz waren allerdings einen Zacken schärfer als zu seiner Zeit üblich. Sonst hätte er nicht so viel Unmut auf sich gezogen. Dass er zur Zielscheibe der Kritik wurde, hat aber meiner Meinung nach auch damit zu tun, dass er sich exponierte und in vielen Bereichen öffentlich Stellung nahm. Er hockte nicht aufs Maul, und das brachte ihm auch viele Feinde ein. Nicht nur durch seine gesellschaftliche Position, sondern auch durch seinen Reichtum wurde er zunehmend in eine Rolle hineingeschoben. Als ehemaliger Banker muss ich aber sagen: Dieser Mann liess sein Geld nicht einfach herumliegen. Er investierte, vergab Darlehen, wirtschaftete aktiv – und das im Kontakt mit Banquiers in verschiedenen Städten Europas.

    Keine Frage, die Persönlichkeit von Heinrich Kunz fasziniert und polarisiert. Was für ein Bild haben Sie durch Ihre intensive Auseinandersetzung von ihm gewonnen?
    Ich habe Respekt für die grosse Leistung, die er erbracht hat. Er war ein Mensch mit viel Licht und viel Schatten; er hätte sicher vieles anders machen können. Aber wenn man sieht, was er bis zu seinem Tod mit 66 Jahren alles geleistet hatte, wo er in dieser wirtschaftlich äusserst dynamischen Epoche überall war, wie viel Arbeit er den Leuten gebracht hat in einer für die Schweiz doch eher ärmlichen Zeit, wie viele öffentliche Debatten er geführt hat, dann zieht man den Hut. Zweifellos: Die persönliche Seite von Heinrich Kunz war schwierig, aber vielleicht auch eine Voraussetzung, um auf diese Art Erfolg zu haben.

    Wie nahe ging Ihnen die Person von Heinrich Kunz während des Recherchier- und Schreibprozesses? Haben Sie am Ende gar von ihm geträumt?
    Das nicht (lacht)! Aber wenn ich beim Spazierengehen am Haus der Familie Kunz in Oetwil vorbeikomme, überlege ich mir manchmal: Was wäre, wenn er jetzt zur Tür herauskäme?

    Heinrich Kunz ist – so empfand ich das als Leserin – durch Ihre Biografie wieder äusserst lebendig geworden.
    Ja, die Vielschichtigkeit des «Spinnerkönigs», wie man ihn zu Lebzeiten nannte, ist absolut faszinierend. Er war ein Multitalent, hatte in vielen Bereichen wahnsinnig viel Know-how – ausser auf der menschlichen Ebene. Sie sehen, er lässt mich nicht los! Und eins kann ich Ihnen versichern: Über einen Langweiler hätte ich keine so umfangreiche Biografie geschrieben!

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  • "Rau bis zur äussersten Härte"
    20.10.2021, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 119, Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos, rücksichtslos, von Stefan Hotz

    "Rau bis zur äussersten Härte"

    «Rau bis zur äussersten Härte»

    Die erste umfassende Biografie beleuchtet die Leistungen und Schattenseiten des «Spinnerkönigs» Heinrich Kunz

    Ihre Briefzeilen hätten ihn wehmütig gestimmt, schrieb der Textilunternehmer 1842 an seine Nichte. Aber das glaube sie wohl kaum, da «du mich für wenig gefühlvoll zu kennen glaubst». Der Autor Werner Bosshard setzt das Zitat mit gutem Grund an den Anfang seiner eben erschienenen
    Biografie über Heinrich Kunz (1793–1859). Der «Spinnerkönig» war sich offenbar bewusst, dass die Menschen ihn nicht mochten. Als Einzelgänger ordnete er sein Leben ganz dem wirt-schaftlichen Erfolg unter. Ihm fehlte jede Empathie, insbesondere für seine Arbeiterinnen
    und Arbeiter. Auf der anderen Seite übertrug er den Frauen in seiner Familie Verantwortung im Geschäft, was für die Zeit doch ungewöhnlich war.
    Nun hat der Bankfachmann Bosshard die erste umfassende Biografie über Heinrich Kunz geschrieben. Er gehörte bis 2018 dem Gemeinderat von dessen Heimatgemeinde Oetwil am See
    an. Dank bisher unerschlossenen Quellen wie Briefen der Familie räumt der Autor mit einigen Legenden auf, die sich um Kunz rankten. Etwa um seine angebliche Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, die sich in Erfolgsgeschichten jeweils gut macht.
    Ratschläge an den Vater
    In Wahrheit nahm sein Vater verschiedene öffentliche Ämter wahr und beschäftigte als sogenannter Baumwollverleger etwa dreissig Handweber. In Oetwil richtete er in einem herr-schaftlichen Haus erste mechanische Spinnstühle ein. Das Vermögen erlaubte es ihm, den Sohn zur Ausbildung ins Elsass zu schicken, wo sich die Textilindustrie früh entwickelte. Bereits hier zeigten sich der Ehrgeiz und das Talent von Kunz. Als 17-Jähriger erkannte er in der Fremde die Chancen der mechanischen Garnproduktion, überzeugte 1810 in Briefen seinen Vater davon und erteilte ihm Ratschläge für die Einrichtung der heimischen Spinnerei.                                              Doch die Bäche in Oetwil führten zu wenig Wasser, um die nötige Kraft für die industrielle Produktion zu erzeugen. Das Augenmerk richtete sich auf den Aabach zwischen Pfäffiker- und Greifensee. 1816 erwarb der Vater in Oberuster ein Wasserrecht und baute mit seinem Sohn einen ersten Betrieb für fünfzehn Spinnstühle. Das geschah während der Hungersnot nach dem «Jahr ohne Sommer» als Folge eines Vulkanausbruchs in Indonesien.                                                            Es war der Beginn eines beispiellosen Aufstiegs. Ebenfalls am Aabach in Niederuster und im Aatal, an der Sihl bei Adliswil, zuhinterst im Glarnerland in Linthal und in Oberkemptthal erstellte Kunz Spinnereien. In Windisch an der Reuss baute er 1829 und 1835 eine Doppelfabrik mit sechs Geschossen.Kunz entwickelte mit seinen Musterspinnereien
    einen eigenen Fabrikstil. Die mächtigen Gebäude mit zahlreichen Fenstern für die optimale Belichtung stellte er meist quer ins Tal. Die Hauptfassade befindet sich längsseitig unter einem markanten Quergiebel im flachen Satteldach.
    Kunz besass schliesslich acht Fabriken in drei Kantonen. 1853 betrieb er darin insgesamt über 130 000 Spindeln, sie sind die Währung in der Spinnereiindustrie. Das waren mehr als doppelt so viele, wie der nächstgrössere Konkurrent der Schweiz besass, und fast 15 Prozent aller Spindeln im Land. Der Marktführer Kunz war damals wahrscheinlich der grösste Spinnereiunternehmer in Kontinentaleuropa. Und er blieb seinem Metier treu. Zwar investierte er sein Vermögen in andere Branchen, vor allem in die Eisenbahn. Aber den naheliegenden Versuch, in die Weberei einzusteigen, gab er bald auf.
    Hartherziger Patron
    Heinrich Kunz reiste oft durch halb Europa, informierte sich über die Entwicklung des Marktes, technische Neuerungen und steuerte die Geschäfte mit Briefen aus der Ferne. Seine beiden Schwestern und eine Nichte gehörten zu seinen wichtigsten Vertrauenspersonen. Seine Schwester Susanna war mehr als zehn Jahre lang für den grössten Einzelbetrieb in Windisch verantwortlich. Der unverheiratete und kinderlose Kunz war geizig und gönnte sich selbst wenig. Er verzichtete auf eine Fabrikantenvilla und wohnte die meiste Zeit in einem an die Fabrik in Oberuster angebauten Haus. Wohltätige Institutionen, wie sie andere Industrielle ins Leben riefen, gab es von ihm nicht. Als er sich weigerte, einen Beitrag an die Eisenbahn von Wallisellen nach Uster zu leisten, empörte sich der «Anzeiger von Uster» über den reichen «Sackpatrioten».
    Vor allem fehlte Kunz jedes Mitgefühl für seine Arbeiter. Zu diesen zählten mehrere hundert Kinder zwischen 10 und 16 Jahren, die 13 Stunden am Tag schuften mussten. Er verteidigte ihre körperliche Züchtigung im Betrieb. Kunz war wohl der ausgeprägteste Manchester- Liberale der Schweiz, er kannte die englische Industriestadt. Armut hielt er für selbstverschuldet. «Soziale Kompetenz lässt sich aus den Quellen kaum erkennen», stellt sein Biograf fest.
    Dieser beleuchtet den sexuellen Missbrauch der 14-jährigen Arbeiterin Regula Ritter durch Kunz. Das Opfer wurde schwanger und klagte die Vaterschaft ein. Dem befragenden Pfarrer gelang es nicht, die Jugendliche in Widersprüche zu verwickeln. Da traf es sich gut, dass ihr Kind kurz nach der Geburt starb und der Täter «mangels Beweisen» freigesprochen werden konnte.
    Gleichwohl sass Kunz 1850 acht Tage lang im Gefängnis von Uster, bezeichnenderweise jedoch wegen Widersetzung gegen amtliche Gewalt im Streit um ein Wasserrecht in Adliswil. Der prozessfreudige Unternehmer legte seinen Standpunkt jeweils gerne in Zuschriften an die Zeitungen dar, wobei ihm die NZZ die Spalten gerne öffnete. Etwa hundert NZZ-Artikel von und über Kunz flossen in die Biografie ein.
    Bei seinem Tod am 21. August 1859 war er wohl der reichste Zürcher. Der Nachlass belief sich auf 17 Millionen Franken. Davon entfielen nur 5 Millionen auf seine Fabriken, der grössere Teil bestand aus Wertpapieren. Die Würdigungen fielen durchaus ehrlich aus. Sein Arzt bezeichnete ihn als starrsinnig und «rau bis zur äussersten Härte». Die NZZ setzte unter ihren dreiteiligen Nachruf als Untertitel ein Wort von Heinrich Kunz: «Besser Neider als Mitleider.» Er sei nicht fehlerfrei gewesen, schrieb sie, doch sein Name werde «noch lange fortleben, nachdem das Andenken derer verschwunden ist, die jetzt Steine auf sein Grab werfen». Das Buch schildert
    die Leistungen und Schattenseiten.

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  • Heerbrugg als Hightech-Epizentrum
    26.07.2021, St. Galler Tagblatt, über
    Band 118, "Brennpunkt Heerbrugg". Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley, von Marcel Elsener

    Heerbrugg als Hightech-Epizentrum

    Heerbrugg als Hightech-Epizentrum
    «Brennpunkt Heerbrugg»: Ein Buch untersucht die Geschichte des Rheintaler Unternehmensclusters in der Präzisionstechnik.

    Heerbrugg ist ein Kuriosum: Der Ort ist einer der wichtigsten Schweizer Industriestandorte, ohne ihn wäre der Kanton St. Gallen nicht viel und hätte die Schweiz nicht so früh in die Welt hinaus-gestrahlt. Dabei hat Heerbrugg, anders als vergleichbare englische oder deutsche Industrieorte, noch nicht mal einen Fussballclub und gibt es den Ort politgeographisch nicht: Er gehört zer-stückelt den Gemeinden Au, Balgach, Berneck und Widnau.

    Keine Gemeinde, obwohl Heerbrugg als Industrie-, Verkehrs- und Dienstleistungszentrum des Mittelrheintals gilt und der Ort auf jeder Karte eingezeichnet ist und freilich Ortsschilder, eine Postleitzahl, einen Bahnhof, Schul- und Kirchgemeinden und eigene Vereine hat. Und eine Kantonsschule, das einzige Kino in der Region (Madlen) und einen Kulturort (Stellwerk), um den ihn grössere Städte beneiden könnten. Nicht umsonst hätte die Stadt, zu der die genannten Gemeinden verschmelzen wollten, Heerbrugg heissen sollen; die Fusion scheiterte 2007 am Volksnein, die Rheintaler tun sich schwer mit Urbanität.

    Die Ziegelei des Drainagepioniers war die Keimzelle
    Nun schreibt das Buch «Brennpunkt Heerbrugg», verfasst vom St.Galler Historiker Dieter Holenstein und erschienen in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», dem Dorf die industriegeschichtliche Bedeutung für die Schweiz erstmals umfassend zu. Anlass ist das hundertjährige Bestehen jener Firma, die die Region zu einem der wichtigsten Industrie- Ballungszentren der Ostschweiz, ja zu einem weltbedeutenden Cluster von Präzisionstechnik-unternehmen machte: Wild Heerbrugg oder Leica Geosystems AG, wie ihre Nachfolgefirma unter dem Mantel des schwedischen Hexagonkonzerns heute heisst.

    Warum ausgerechnet Heerbrugg dem Rheintal den Weg «vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley» ebnete, verdankt sich dem deutschen Flüchtling Karl Völker, der nach mehreren Umzügen und einem Aufenthalt in England 1830 das Schloss Heerbrugg erwarb – ein Zufall, weil die Schwester seiner Gattin in Altstätten lebte und das kinderlose Ehepaar statt von Liverpool nach Nordamerika auszuwandern im letzten Moment in die Schweiz zurückkehrte. Im Schloss unterhielt Völker eine Privatschule, auf seinen Grundstücken experimentierte er mit exotischen Produkten: Er züchtete Merinoschafe (Wolle), pflanzte Maulbeerbäume (Seide) und stellte Tonröhren her. Letztere benötigte er für die Entwässerung des oft überschwemmten Wieslands.

    Die Ziegelei des Drainagepioniers Völker ist die Keimzelle des Mittelrheintaler Industrieclusters sowie eines Familienimperiums: 1867 erwarb sie der Weber Jacob Schmidheiny und lancierte damit seinen Aufstieg zum ersten Industriellen der Familie. 1921 beteiligt sich Schmidheiny zusammen mit dem Extrembergsteiger und Photogrammetrie-Pionier Robert Helbling an der
    Gründung jener Firma, mit der alles beginnen sollte: der Werkstätte für Feinmechanik und Optik von Heinrich Wild, einem Erfinder und Entwickler vermessungstechnischer Instrumente. Noch im selben Jahr bezieht sie das vom Rheintaler Architekten Johann Labonté geplante Fabrik-gebäude – der Grundstein des Unternehmens, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit über 4000 Beschäftigten zum weltweiten Marktführer in Photogrammetrie und Vermessung aufsteigt. Wild-Instrumente sollten für Gipfel- und Bergbauvermessungen, Polarexpeditionen oder Weltraumflüge und freilich auch für viele militärische Zwecke eingesetzt werden.

    Rheinkorrektion machte Sümpfe zu Bau- und Kulturland
    Warum Heerbrugg zum Motor der Entwicklung wurde, lag aber auch an seiner guten Erschliessung: Als Kantonsrat hatte Völker für die Eisenbahn im Rheintal und einen eigenen Bahnhof gekämpft, dazu kam ein Tram in die umliegenden Gemeinden. Und der früher abwertend als Schollen- oder Wasserloch bezeichnete Ort hatte grosse Baulandreserven im durch Rhein-korrektion und Melioration nutzbar gemachten Gelände: Die in Etappen realisierte Kanalisierung des Rheins und der 1906 fertiggestellte Rheintaler Binnenkanal sei die «wichtigste Basis für die Erfolgsgeschichte», hält Holenstein fest. Weil damit die bis dahin verheerenden Überschwemmungen des Stroms und seiner Zuflüsse eingedämmt wurden und in der Talebene
    neues Kultur- und Bauland zur Verfügung stand. Von wegen Überschwemmungstal: Dass man dort heute über das Hochwasserschutzprojekt Rhesi mit Flussaufweitungen nur mässig begeistert
    ist, liegt auch im Konflikt zwischen Natur und Wirtschaft begründet. Im Mittelrheintal habe jede Familie eine Verbindung zu «Wild Heerbrugg», heisst es. Neben Wild entstand in Heerbrugg die mit weltweit über 10 000 Beschäftigten grösste Rheintaler Firma: die SFS-Gruppe, 1960 als Presswerk Heerbrugg AG gegründet. Zum Cluster der Präzisionsindustrie tragen zudem die Leica-Spin-offs sowie eine Reihe von Firmen bei, die oft von früheren Wild-Fachleuten aufgebaut wurden, wie Berhalter, WZW Optic, Zünd Precision Optics, Heule Werkzeug.

    Das Rheintal gehört zu den exportstärksten Regionen der Schweiz, in der Hochtechnologie belegt es einen europäischen Spitzenplatz. Heerbrugg stehe für ein lehrreiches Kapitel Schweizer Industriegeschichte mit zukunftsweisender Bedeutung, schreibt Bundesrätin Keller-Sutter im Geleitwort. Dabei kam das Wirtschaftswunder zunächst nur dank Fachkräften aus dem kriegs-versehrten Deutschland in Gang und ist bis heute auf Tausende Grenzgänger angewiesen. Grund genug für Keller-Sutter, den freien Personenverkehr als eines der Rezepte für den hiesigen Wohl-stand hervorzustreichen. Ein anderes ist das durchlässige Bildungssystem: Die meisten Heer-brugger Pioniere kamen aus bescheidenen Verhältnissen. Heinrich Wild bildete schon früh eigene Lehrlinge aus und ebnete der dualen Berufsbildung den Weg. Die lehrreiche Lektüre sei einem Publikum weit über das Rheintal hinaus empfohlen – und erst recht als fachübergreifender Stoff an der 1975 eröffneten Kanti Heerbrugg. Schliesslich sollten die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wissen, warum die Strasse, an der die Kanti (wie auch die Rheintaler Oberstufen-schule) liegt, Karl-Völker-Strasse heisst.

     

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  • Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley
    26.04.2021, Rheintal24, über
    Band 118, Brennpunkt Heerbrugg. Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley, von Gerhard M. Huber

    Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley

    Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley

    Der neuste Band in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», geschrieben von Dieter Holenstein, untersucht erstmalig die Geschichte des Unternehmensclusters Heerbrugg in der Rheintaler Präzisionsindustrie.

    Ausgangspunkt und Zentrum der heutigen präzisionstechnischen Industrie bildet Heerbrugg, wo der deutsche Flüchtling und Eisenbahnförderer Karl Völker ab den 1860er Jahren mit der Drainage des nassen Landes begann und damit verbunden eine Ziegelei gründete. Diese bildete die Keimzelle des späteren Weltkonzerns der Familie Schmidheiny. Wie deren Stammvater Jacob Schmidheiny (1835–1905) kamen viele der folgenden Unternehmensgründer aus einfachen Verhältnissen und profitierten von einem erfreulichen Mass an sozialer Durchlässigkeit.

    Das St. Galler Rheintal stellt in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte einen faszinierenden, ja einzigartigen Spezialfall dar. Innerhalb von lediglich Jahrzehnten durchlebte es nämlich den dynamischen Wandel von der armen Überschwemmungs- zur florierenden Hochtechnologie-Region.

    Vor 100 Jahren: Gründung der Wild Heerbrugg

    Beim Schlossgut der Familie Schmidheiny in Heerbrugg und mit ihrem Geld entstand 1921 die später in Wild Heerbrugg umbenannte Firma «Heinrich Wild, Werkstätte für Feinmechanik und Optik», die mit den Konstruktionen ihres genialen Chefs die Vermessungstechnik gleich mehrfach revolutionierte. Auch nach Wilds Abgang konnte das Unternehmen mit seinen Vermessungsgeräten weltweit überzeugen, gleichzeitig aber auch in anderen Bereichen Fuss fassen. Heute gehört es als Leica Geosystems AG nach wie vor zur Weltspitze.

    Ein eindrücklicher Industriecluster

    Ausgehend von Wild Heerbrugg entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein faszinierender Unternehmenscluster der Präzisionstechnologie. Dazu gehört die SFS, die vom Schraubenhändler zum grössten Rheintaler Unternehmen avancierte. Insbesondere in Nischenbereichen, dort aber an der Weltspitze, sind die Unternehmen Plaston, Heule, Berhalter, WZW, Zünd Precision Optics, Oertli Instrumente und Zünd Systemtechnik tätig. Weiter wird dieser Cluster durch Abspaltungen von Leica Geosystems ergänzt, die von Heerbrugg aus den Weltmarkt bedienen: Swiss Optic, Escatec Switzerland, Vectronix, APM Technica und Polymeca. Sie alle pflegen vielseitige Beziehungen in personeller, technischer und unternehmerischer Sicht.

    Über den Autor

    Dr. phil. Dieter Holenstein, St. Gallen, studierte Geschichte und Französische Literatur an den Universitäten Freiburg i. Ue., Bern und der Sorbonne in Paris. In Freiburg arbeitete er am Institut für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte drei Jahre lang als Assistent von Professor Urs Altermatt, bei dem er 1993 über ein wirtschafts- und sozialgeschichtliches Thema doktorierte. Nach längeren Studien- und Weiterbildungsaufenthalten in Südamerika, unter anderem in Bogotá, arbeitete er als Gymnasiallehrer auf dem ersten und zweiten Bildungsweg und unterrichtete daneben auch als Dozent für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Ausserdem beteiligte er sich immer wieder an historischen Forschungsprojekten. Dieter Holenstein ist ausgewiesener Kenner der Ostschweizer Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Er verfasste zahlreiche Beiträge in Fachbüchern, so auch der neuesten St. Galler Kantonsgeschichte, sowie geschichtliche Themenseiten in der «Neuen Zürcher Zeitung», dem «St. Galler Tagblatt», der «Ostschweiz am Sonntag» und anderen Printmedien. Zudem war er mehrere Jahre Vorstandsmitglied des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen. Mit dem St. Galler Rheintal ist der Autor von seiner familiären Herkunft her eng verbunden.

    https://www.rheintal24.ch/articles/62693-vom-ueberschwemmungstal-zum-hightech-valley

  • Kohn und der Kaiseraugst-Krimi
    09.04.2021, VSE Bulletin, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Clemens Fässler

    Kohn und der Kaiseraugst-Krimi

    Kohn und der Kaiseraugst-Krimi

    Neuerscheinung | Als einer der profiliertesten Exponenten der Schweizer Wirtschaft
    stand Michael Kohn (1925–2018) wie kein anderer für die Atomenergie. Die
    Kernkraftwerke Kaiseraugst und Gösgen sind unzertrennlich mit seinem Namen
    verbunden – als grösste Niederlage und als grösster Erfolg seiner Karriere. Karl
    Lüönd hat über den Sohn jüdischer Einwanderer eine Biographie verfasst.

    Michael Kohn studierte von 1944 bis 1948 Bauingenieurwesen an der ETH Zürich und fand anschliessend eine Stelle bei der Empa, wo er sich mit der Stabilität von Beton auseinandersetzte. Nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren fiel sein beruflicher Start also mit dem wirtschaftlichen Aufbruch, mit dem Start ins Wirtschaftswunder zusammen. Kohn war denn auch geprägt von dieser Aufbruchstimmung, die er wie folgt kommentierte: «Ich hatte nie Angst, arbeitslos zu werden. Ich sah ja, dass Geld investiert wurde, da fühlten wir uns sicher. Wir wussten doch: Jetzt geht’s los, jetzt werden wir gebraucht.»

    Von Ziegelstein-Experimenten zu den Staumauern
    An der Empa beschäftigte sich Michael Kohn mit der statischen Prüfung von Ziegelsteinen und Betonwänden. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er unter anderem in Artikeln in der «Schweizerischen Bauzeitung». Mit ihren Materialkenntnissen spielte die Empa eine wichtige Rolle bei den grossen Kraftwerkprojekten der Nachkriegszeit. So kam Kohn in Kontakt mit Motor Columbus und den grossen Staumauerbauten in den Alpen. In Zervreila war er für die Berechnung der Staumauer zuständig.

    Ein Inserat machte ihn auf eine Stelle in Israel aufmerksam, wo mit dem National Water Carrier die Wasserversorgung im ganzen Land verbessert werden sollte. Rund vier Jahre verbrachte er daraufhin hauptsächlich «im Wüstensand», wo er sich internationale Erfahrung aneignen konnte. Diese brachte ihn, als er nach Baden zur Motor-Columbus zurückkehrte, bald an die Spitze des Unternehmens. Neben seinem technischen Wissen zeichnete sich Kohn insbesondere durch einen ausgeprägten kaufmännischen Sinn sowie durch sein Kommunikationstalent aus. Er selbst verwies dabei immer wieder auf seine Kindheit, in der er im väterlichen Geschäft an der Langstrasse Hosen verkauft hatte: «Da lernt man mit den Leuten reden, damit sie einen verstehen.»

    Die Energiewende 1960–1980: Vom Kernkraft-Hype …
    In den 1960er-Jahren vollzog die Schweizer Energiepolitik eine Wende. Die Zeit der Wasserkraftwerke ging zu Ende; jedes Ausbauvorhaben begegnete erbittertem Widerstand von Naturschützern. Doch der Strombedarf stieg weiterhin. Eine Alternative wären thermische Kraftwerke auf der Basis von Kohle oder Erdöl gewesen, doch die wollte niemand: zu dreckig und erst noch zu teuer! So lag der Fokus voll und ganz auf der Atomenergie. Noch erschien diese als sauber und unproblematisch. So entstanden die ersten Kernkraftwerke in der Schweiz: Beznau I und II (1969 respektive 1972) sowie Mühleberg (1972).

    … zur vernichtenden Atom-Kritik
    Ebenfalls in den 1960er-Jahren ereigneten sich aber auch die ersten Unfälle mit Kernreaktoren. In der Schweiz war es der Vorfall von Lucens, wo in Folge einer Explosion im Versuchsreaktor die
    unterirdische Kavernenanlage radioaktiv verseucht wurde. Doch es waren nicht diese Unfälle, die zum Meinungsumschwung in breiten Teilen der Bevölkerung führten. Der Widerstand regte sich erst, als die immer grösseren Reaktoren nicht mehr mit Flusswasser gekühlt werden konnten, sondern Kühltürme notwendig wurden. Nun vereinigten sich Landschaftsschützer, Atomkritiker und Kapitalismusgegner zu einer wirkungsvollen Gegnerschaft. Das definitive Aus für neue Kernkraftwerke in der Schweiz besiegelte dann aber der Super-GAU in Tschernobyl.

    Michael Kohn und das Projekt Kaiseraugst
    Michael Kohn erlebte diese Entwicklung nicht nur hautnah mit, sondern war die prägende Figur auf Seiten der Kernkraftbauer. 1962 stieg er in die Direktion der Motor-Columbus AG auf, die von der Brown, Boveri & Cie. (BBC, heute ABB) zur Finanzierung und Ausführung grosser Energieinfrastrukturprojekte gegründet worden war. Von Beginn an setzte er auf die Atomenergie, und 1966 wurde das Projekt eines Kernkraftwerks in Kaiseraugst öffentlich angekündigt. Der begnadete Kommunikator Kohn sorgte mit regelmässigen Informationsveranstaltungen für eine gute Information der Öffentlichkeit, den Behörden wurde das Projekt unter anderem mit Reisen zu ausländischen Kernkraftwerken vorgestellt. So begrüssten die Standortgemeinden das Vorhaben bedenkenlos.

    Als aber aufgrund eines Gutachtens der Bau von zwei 115 Meter hohen Kühltürmen notwendig wurde, kippte die Stimmung. In der Folge verhärteten sich die Fronten. Während Vertreter aus der Finanzwirtschaft im Verwaltungsrat von Motor-Columbus bereits Anfang der 1970er-Jahre einen Abbruch des Projekts Kaiseraugst ins Spiel brachten, hielt Michael Kohn am Plan fest. Für ihn war Kaiseraugst mehr und mehr eine Schicksalsfrage. Ein Verzicht würde die
    Realisierung von Kernkraftwerken in der Schweiz um zehn Jahre zurückwerfen: «Wenn es hier nicht geht, geht es überhaupt nirgends.»

    Besetzung und Brandanschläge
    Mit den Atomkraftgegnern suchte Michael Kohn den Dialog. Als sie 1975 eine Besetzung des brach liegenden Baugeländes ankündigten und bei Motor-Columbus um eine Bewilligung ersuchten, wurde ihnen diese gegeben. Doch die Konfrontation spitzte sich zu. Die Besetzung wurde zu einem mehrwöchigen «Happening» mit Unterstützung in der breiten Bevölkerung. In der Folge kam es zu weiteren Demonstrationen und zu verschiedenen politischen Vorstössen gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst, womit der Projektfortschritt mehr und mehr gelähmt wurde. Der Höhepunkt der Konfrontation war 1979 gekennzeichnet durch einen Bombenanschlag auf einen Informationspavillon sowie einen Brandanschlag auf das Auto von Michael Kohn in seiner Tiefgarage.

    Und dann kam Tschernobyl …
    Durch die Verzögerung um die Kühlwasserfrage und die immer neuen Auflagen verzögerte und verteuerte sich das Projekt Kaiseraugst zusehends. Damit war das Projekt in einer ersten Krise, noch bevor der öffentliche Widerstand richtig aufflammte. Ab 1979 wurde ein Projektabbruch dann auch öffentlich diskutiert. Aber noch bis Mitte der 1980er-Jahre hielt Michael Kohn daran fest. Die endgültige Wende brachte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Verweise von Michael Kohn, wonach sich Tschernobyl von westlichen Kernkraftwerken grundsätzlich unterscheide, nützten nichts. Auf Initiative von Christoph Blocher wurde ein Abkommen in die Wege geleitet, mit dem der Bundesrat und die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG einen Projektabbruch unter Entschädigung abschlossen. Für Michael Kohn war dies die grösste Niederlage in seiner Karriere.

    Bei Gösgen lief alles anders als in Kaiseraugst
    Eine «Erfolgsstory» spielte sich dagegen im Solothurnischen Bezirk Gösgen ab. Die Voraussetzungen, aber auch das Vorgehen waren gänzlich andere. Mit dem späteren Bundesrat Willi Ritschard hatte Michael Kohn nicht nur einen persönlichen Freund in der Solothurner Regierung, sondern auch eine volksnahe und angesehene Persönlichkeit, die als SP-Mitglied auch in linken
    Kreisen zu überzeugen vermochte. Taktisch klug wurden die künftigen Steuereinnahmen auf alle umliegenden Gemeinden verteilt, was den Kreis der Unterstützer automatisch erhöhte. Zwar regte sich auch hier Widerstand, doch war er zu klein und zu spät. Die grössten Demonstrationen fanden vor dem Kühlturm statt, also vor vollendeten Taten. Nach nur sechsjähriger Bauzeit nahm das KKW Gösgen-Däniken 1979 seinen Betrieb auf.

    Wie Michael Kohn zum «Energiepapst» wurde
    Mit den Projekten in Kaiseraugst und Däniken (der Standortgemeinde des KKW Gösgen-Däniken) wurde Michael Kohn zum national bedeutenden Energiemanager. Der Höhepunkt seiner Karriere stellte das Präsidium der Kommission zur Erarbeitung einer Gesamtenergiekonzeption dar, in das ihn Bundesrat Willi Ritschard berief. Von 1974 bis 1978 wendete Kohn rund zwei Tage in der Woche auf, um alle möglichen Szenarien durchzurechnen und zu beurteilen. Am Schluss präsentierten er und seine Kommissionsmitglieder 13 Szenarien für eine zukünftige Energiewirtschaft. Alt Bundesrat Adolf Ogi bilanzierte: «Michael Kohn kann mit Fug und Recht als Wegbereiter einer zukunftsfähigen schweizerischen Energiepolitik bezeichnet werden.»

    Der «Drei-Tage-Jude» im Einsatz für die jüdische Gemeinde
    In seiner aktiven Zeit als Energiemanager spielte Michael Kohns jüdische Herkunft keine Rolle. Nicht einmal beim Jordan-Wasserwerk war sein Judentum anfänglich bekannt. Zudem war Kohn religiös nicht besonders aktiv. Er bezeichnete sich als «Drei-Tage- Juden», der aus Respekt gegenüber Tradition und Herkommen die höchsten Feiertage hielt. Das änderte sich nach seinem Rückzug aus der Privatwirtschaft, als er das Präsidium des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes übernahm. Während vier Jahren versuchte er, die oft zerstrittene jüdische Gemeinde für ein pragmatisches Miteinander zu gewinnen – dann gab er das Amt entnervt ab.
    Trotzdem blieb Michael Kohn für die jüdische Sache aktiv. Als in den 1990er-Jahren die nachrichtenlosen Vermögen zum Top-Thema avancierten und sich der Streit zwischen den USA und der Schweiz anbahnte, engagierte sich Michael Kohn in eigener Mission und auf höchster Ebene. Zusammen mit anderen jüdischen Vertretern versuchte er, den aggressiv auftretenden Amerikanern den schweizerischen Standpunkt verständlich zu machen. Einmal mehr setzte sich Kohn für den Dialog ein und versuchte, im Gespräch Brücken zu bauen und gegenseitiges Verständnis zu fördern.

    Die Erfahrung des Antisemitismus
    Seine Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft lag auch in Kindheitserfahrungen begründet. «Wir gehörten eben doch nicht wirklich dazu!» So kommentierte Michael Kohn die antisemitischen Aktionen, die auch das Geschäft seines Vaters in den 1930er-Jahren betrafen. Die
    Kriegsjahre bedeuteten zusätzlichen Kummer. Auch Michael Kohn und seine Familie konnten nie wissen, wie lange sie noch sicher sein könnten.

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  • Von Hasler über Ascom zur Erosion
    13.04.2021, QuartierMagazin Stadtteil 3 Bern, über
    Band 116, Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom, von Christof Berger

    Von Hasler über Ascom zur Erosion

    Von Hasler über Ascom zur Erosion

    Der Mattenhof ein Industriestandort? Für Millenials ist das wohl eher schwer vorstellbar. Und doch war der Stadtteil 3 während des gesamten 20. Jahrhunderts geprägt durch einen weltweit tätigen Konzern, die Firma Hasler AG, später Ascom. Eine neue Publikation aus der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» widmet sich nun der spannenden Geschichte dieser Schweizer Firma, welche es zum grossen Player gebracht hat… und welche einen ebenso rasanten Abstieg hinlegte.
    Die Geschichte der Firma Hasler begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Telegrafie war eben erst erfunden worden und der noch junge Bundesstaat Schweiz plante ein landesweites Telegrafennetz. Und weil Ausschreibungen zur Beschaffung der erforderlichen Telegrafenapparate erfolglos blieben, entschloss sich der Bund 1852, eine eigene «Eidgenössische Telegraphenwerkstätte» (ETG ) einzurichten. Die Leitung dieses Bundesbetriebs übernahm der Württemberger Uhrmacher und Erfinder Matthäus Hipp. Die Werkstätte war erst an der Speichergasse stationiert und musste mehrmals vergrössern und umziehen, über die Metzgergasse an die Vannazhalde. 1855 begann der Aargauer Juristensohn Gustav Adolf Hasler bei der ETG zu arbeiten und wurde schnell Hipps rechte Hand. Die Werkstätte verkaufte bald Telegrafen und meteorologische Messinstrumente in alle Welt und verlagerte zudem 80% der Produktion ins Ausland. Und da es der Bund nicht als seine Aufgabe ansah, eine internationale Firma zu betreiben, verkaufte er die ETG 1865 an Hasler. Hipp seinerseits ging nach Neuenburg und gründete dort die Favag SA.

    Die Telefonie bringt den Durchbruch
    Haslers Werkstätte entwickelte sich in der Folge prächtig. 1895 wurde der Fabrikbetrieb im Mattenhof (heute Schwarztorstrasse 50) bezogen. Als Gustav Adolf Hasler 1900 starb, übernahm sein erst 22-jähriger Sohn Gustav den Betrieb und begann ab 1924 automatische Telefonzentralen zu bauen, erst mit einer Lizenz des Schweden Lars Magnus Ericsson, bald dann mit eigenen Entwicklungen. Diese verkaufte er ab 1931 an die PTT (schweizerische Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe) und schafft so die Voraussetzung für die Automatisierung des Telefonnetzes. Die Zeiten, in denen Telefonistinnen die Verbindungen noch stöpseln mussten, waren damit vorbei.

    Die PTT war bis weit in die Neunzigerjahre ein Monopolbetrieb. Im Bereich der Telefonie ging das so weit, dass nur die PTT Telefonapparate zur Verfügung stellen und montieren durfte. Die Hasler AG baute auch diese Telefonapparate für die PTT. Es gab nur diejenigen Modelle, die der Bundesbetrieb im Sortiment hatte, lange Zeit schwarze und graue Bakelitkästen. Und die konnte man auch nicht kaufen; einmal montiert verblieben sie das Eigentum der PTT. Diesen Monopolmarkt teilten sich neben Hasler noch die Firmen Gfeller, Autophon, Zellweger Uster, STR und Siemens-Albis als Hoflieferanten auf. Und versorgten allesamt während Jahrzehnten die PTT mit Geräten. Geräte, die strapazierfähig und langlebig, aber auch etwas langweilig waren.

    Das Fehlen von Konkurrenz macht träge
    Dieser Zustand dauerte nicht ewig. Digitalisierung und wirtschaftsliberale Ideologie führten ab den Achtzigerjahren zur Erosion des Monopols. Als Reaktion schlossen sich Hasler, Autophon und Zellweger 1987 zur Ascom zusammen – zu einem Konzern mit 18000 Mitarbeitenden, davon 10000 im Raum Bern in den Werken Schwarztorstrasse, Liebefeld und Bodenweid. Als Hauptsitz wurde ein palastähnliches Bluffgebäude an die Belpstrasse 37 hingeklotzt. Doch die Hoflieferantenideologie hielt sich hartnäckig. Ascom war nicht in der Lage, ein massentaugliches Mobiltelefon oder gar ein Smartphone zu entwickeln. Der Abstieg war nicht aufzuhalten. Immer mehr Geschäftsbereiche mussten abgestossen, Mitarbeitende entlassen werden. Heute ist die Ascom Holding AG ein KMU mit Sitz in Baar. Sie fokussiert sich auf Kommunikationsgeräte für den Gesundheitsbereich und beschäftigt noch knapp 1300 Mitarbeitende. In Bern war 2012 endgültig Feierabend und so erinnern noch die allesamt umgenutzten Gebäude sowie eine Tramhaltestelle an die einstige Renommierfirma.

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  • Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom
    25.03.2021, Berner Zeitschrift für Geschichte, über
    Band 116, Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom , von Christoph Zürcher

    Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom

    Lüönd, Karl: Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom

    Karl Lüönd, bekannter Schweizer Journalist und Publizist, verfasste schon über 60 Biografien und Sachbücher zu wirtschafts- und medienhistorischen Themen. Für Sachkunde, Spannung und gediegenen Stil ist also gesorgt.

    1963 publizierte der ehemalige Hasler-Mitarbeiter Walter Keller in dieser Reihe (Band 14) eine Doppelbiografie der Hauptprotagonisten der Hasler-Geschichte. Lüönd erweitert in seinem Nachfolgewerk die Personengeschichte zur Firmengeschichte. Damit ergibt sich eine klare Gliederung des Bands in vier Teile: I. Gustav Adolf Hasler (1830 – 1900) – Wurzeln und Wachstum; II. Gustav Hasler (1877 – 1952) – Von der Werkstätte zur Industrie; III. Neue Trägerschaft, neue Horizonte und eine grosse Fusion; IV. Turbulenzen und Neustarts.

    Für den Aufbau eines Telegrafennetzes gab es keine privaten Anbieter in der Schweiz. Deshalb schuf der Bund 1852 die Eidgenössische Telegraphenwerkstätte. Hier begann der 24-jährige Handwerker Gustav Adolf Hasler 1855 seine Karriere. Mit 30 Jahren war er bereits Chef des Betriebs, und 1865 wurde er dessen Eigentümer, da der Bund sein «Start-up» privatisierte. Die folgenden Jahre zeigten: Harte Zeiten für Unternehmer sind innovative Zeiten. Um Auslastungs-schwankungen abzufedern, musste diversifiziert werden. Hasler konstruierte Wasserstandsanzeiger, meteorologische Geräte, Ausrüstungen für Sternwarten, Geschwindigkeits-messer für Züge und vieles mehr. Um 1880 stieg er in die Telefonie ein mit Apparaten, Zentralen und Verteilanlagen. Erst jetzt wurde aus der Werkstätte das Industrieunternehmen.

    Als der Firmengründer Anfang 1900 starb, übernahm der Sohn Gustav mit 22 Jahren ohne höhere technische Ausbildung die Firma. Ein Treiber der weiteren Erfolgsgeschichte war der Siegeszug des Telefons. Hasler automatisierte die Zentralen und bot Hauszentralen an. Dazu kam die Hoch-frequenztelefonie. Ein Höhepunkt der Firmengeschichte war der legendäre Kurzwellensender Schwarzenburg. Der Diversifizierung dienten die neuen Sparten der Frankiermaschinen und der elektrischen Zugsicherung.

    Gustav Hasler blieb kinderlos. Er erwog deshalb 1927 die unkonventionelle Idee, den Konzern seinem wichtigsten Kunden zu schenken, nämlich der PTT. Das war politisch zu heikel. So über-trug er 1948 die Firma testamentarisch der Stiftung Hasler-Werke. Wie wäre wohl die Hasler-Geschichte verlaufen mit einer dritten Generation der Gründerfamilie?

    Der Stifter legte zwei Stiftungszwecke fest. Mit den Kapitalerträgen sollte in Zusammenarbeit mit den Hochschulen das schweizerische Fernmeldewesen gefördert werden. Die Stiftung wurde schnell zum wichtigsten Treiber der Aus- und Weiterbildung. Sie vergab Stipendien und engagierte sich unter anderem für den Aufbau einer schweizerischen Softwareschule.

    Zum Zweiten hatte der Stiftungsrat zusammen mit dem Verwaltungsrat den Konzern zu führen. Konnte das auf die Dauer gut gehen? Zunächst ging es gut, man stiess ins Gebiet der Halbleiter-technik vor, baute Registrierkassen und war auf vielen Gebieten innovativ. Aber der Konzern war ein «Gemischtwarenladen». Er profitierte davon, dass die Schweiz vom Krieg verschont geblieben war, bediente einen riesigen Markt mit schwachem Wettbewerb und verschlief die Digitalisierung – die Uhrenindustrie lässt grüssen! Kritisch wurde es, als in den 1990er-Jahren das PTT-Monopol zu wanken begann und von aussen GATT, EFTA und EU Druck machten für eine liberale globale
    Wirtschaftsordnung. Typisch ist das Scheitern des digitalen Grossprojekts Integriertes Fern- meldesystem (1969 – 1983). Es kostete 220 Millionen Franken. Die einzige Erkenntnis: Liberali-sierung zwingt zur Grösse. Das führte 1986 zur Fusion von Hasler, Autophon und Zellweger zur Ascom. Doch der Schritt, von den Zeitgenossen als radikal empfunden, kam zu spät. Eine wirk-liche Integration der vormaligen Konkurrenten fand nicht statt – und unterdessen ging der Über-gang von der Elektromechanik zur Elektronik mit rasanter Geschwindigkeit weiter. Investoren, Risikokapitalisten und Raider übten am Konzern, unter anderen die Schweizer Financiers Ernst Müller-Möhl und Tito Tettamanti.

    Heute beliefert die Ascom als «One Company» praktisch ausschliesslich Spitäler mit Kommunika-tionslösungen und erwirtschaftete 2017 noch einen Jahresumsatz von 324 Millionen Franken (1987 waren es noch rund 2 Milliarden Franken). Was blieb, ist bis heute die starke bauliche Prä-senz der einstigen Weltfirma im Berner Stadtbild. Diese Entwicklung – ein Lehrstück der jüngsten Schweizer Industriegeschichte – wird geschickt visualisiert mit vielen Abbildungen von Produktionsstätten und Produkten, aufgelockert durch gut ausgewählte Originalzitate aus den Archiven und bereichert durch Kurzbiografien von handelnden Personen. Alles wird gestalterisch sehr ansprechend serviert.

  • Der Energiepapst – die neue Biografie über Michael Kohn
    10.03.2021, Bulletin Nuklearforum Schweiz, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Lukas Aebi

    Der Energiepapst – die neue Biografie über Michael Kohn

    Der Energiepapst – die neue Biografie über Michael Kohn

    Vielen Lesern des Bulletins dürfte der Name Michael Kohn längst bekannt sein und nicht wenige Mitglieder des Nuklearforums dürften ihn persönlich gekannt oder gar mit ihm zusammengearbeitet haben. Nun ist eine neue Biographie in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» erschienen, die das Wirken und Schaffen dieses aussergewöhnlichen Pioniers der Schweizer Energiewirtschaft näher beleuchtet und insbesondere eindrücklich beschreibt, wie Kohn zu einer der prägendsten Persönlichkeiten der Schweizer Atomwirtschaft werden konnte.

    Geschrieben hat das Buch der renommierte Journalist Karl Lüönd, der schon zahlreiche und vielbeachtete Werke zur Schweizer Wirtschaftsgeschichte wie etwa über die Ems Chemie oder über Gottlieb Duttweiler vorgelegt hat. Das Buch basiert auf einer Vielzahl von Einzelinterviews, die Karl Lüönd mit Michael Kohn bis kurz vor dessen Tod im Jahr 2018 geführt hat. Entstanden ist dabei nicht nur eine Biografie über einen aussergewöhnlichen Mann als vielmehr auch eine hochinteressante Zeitreise in die Schweizer Energiepolitik der letzten siebzig Jahre. Das Nachwort zum Buch hat alt-Bundesrat Adolf Ogi beigesteuert, der als Vorsteher des Energiedepartementes viele Male eng mit Michael Kohn zusammengearbeitet hat, insbesondere als es darum ging, das Kernkraftprojekt Kaiseraugst Ende der Achtzigerjahre zu «beerdigen».

    Das Buch beginnt nicht etwa mit der Kindheit und Jugend Kohns, sondern mit dem Erdölpreisschock der Siebzigerjahre und der Gesamtenergiekonzeption unter Bundesrat Willi Ritschard, die Kohn als Vorsteher der entsprechenden Expertenkommission massgeblich mitprägte. Man ist also sogleich mittendrin in einer der spannendsten Epochen der Schweizer Energiegeschichte. Das Buch lässt aber auch zahlreiche wichtige Stationen in Kohns Kindheit und Jugend Revue passieren. Besonders eindrücklich schildert der Autor die Schulzeit Kohns im Zürich der Dreissiger- und Vierzigerjahre. Kohn, der jüdischen Glaubens war, bekam die Wellen antisemitischer Hetze aus dem nördlichen Nachbarland hautnah mit und diese Erfahrungen sorgten zeitlebens für eine starke Identifikation mit dem Staat Israel, wo Kohn dann in den Fünfzigerjahren als gestandener Bauingenieur mit ETH-Diplom erfolgreich Wasserbauprojekte im Wüstensand am See Genezareth für den noch jungen Staat planen sollte. In dieser Zeit in Israel wandelt sich Kohns Bezug zum Ingenieurwesen von einer rein technischen Disziplin hin zu einem ganzheitlichen Schaffen, dass sowohl technische als auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte gewinnbringend vereint und damit zu Fortschritt und Wohlstand der Bevölkerung beiträgt. Diese Denkansätze vom technischen Fortschritt im Sinne eines gesamtheitlichen gesellschaftlichen Auftrages, den es zu erfüllen gilt, sollten Kohn in seinem künftigen Wirken beim Kernkraftwerk Gösgen und den Planungen rund um das nie verwirklichte Werk Kaiseraugst noch sehr zugute kommen. Wesentlich später wird Kohn zu diesen disziplinenübergreifenden Themen auch einen Vorlesungszyklus an der ETH Zürich zu «Technik, Geschichte und Gesellschaft» organisieren, aus dessen Streitgesprächen mit der SP Präsidentin und Kernenergiekritikerin Ursula Koch im Nachgang zu den Vorlesungen gar ein vielbeachtetes Buch entsteht.

    Als Kohn Anfang der Sechzigerjahre zurück aus Israel in die Schweiz zur Firma Motor-Columbus kam, vollzog sich in der hiesigen Energiepolitik sogleich eine drastische Wende: Grosse Sprünge in der alpinen Wasserkraft mit den entsprechenden Ausbauvorhaben gestalteten sich aufgrund des erstarkenden Natur- und Landschaftsschutzes zunehmend schwierig. Eine neue Energiequelle musste her, um den ungebremsten Energiehunger der Schweizer Bevölkerung zu stillen und so stürzte sich die Schweiz ins Abenteuer Kernenergie. Auf dem Umstand, dass aus Gründen des Landschaftsschutzes die Natur- und Umweltschutzverbände den Bau von neuen Kernkraftwerken damals explizit befürworteten, sei an dieser Stelle noch einmal hingewiesen. Kohn prägte in den folgenden Jahren als Direktionsvorsitzender und späterer Präsident des Verwaltungsrates von Motor-Columbus die Entwicklung der Kernenergie in der Schweiz wie kein Zweiter.

    Eingehend behandelt wird im Buch die Projektierung und der weitere Verlauf des schlussendlich nie gebauten Kernkraftwerks Kaiseraugst. So legt Karl Lüönd im Buch eindrücklich dar, wieso eigentlich das geplante Werk so umstritten war, obwohl im Jahr 1966 doch eine eigentliche Atom-Euphorie in der Schweizer Bevölkerung herrschte, als der favorisierte Standort Kaiseraugst von Motor-Columbus und Michael Kohn kommuniziert wurde. So war auch nicht der Unfall in Lucens (1969) Ursache des Stimmungswandels in der Lokalbevölkerung als vielmehr der als überdimensioniert und bedrohlich empfundene Kühlturm des geplanten Werkes. Mit Achtundsechzig und der Gründung von Greenpeace im Jahre 1971 liefen die Manifestationen und Besetzungen der Gegner in und rund um Kaiseraugst derart aus dem Ruder, dass einzelne Bundesräte gar einen Militäreinsatz forderten. Für Kohn, der als Verwaltungsratspräsident der Motor-Columbus im Kreuzfeuer der Kritik stand, gingen die persönlichen Anfeindungen gar so weit, dass er nach einem Brandanschlag auf sein Auto unter Polizeischutz gestellt werden musste. Schlussendlich waren es wahrscheinlich die Vorfälle rund um Three Mile Island (1979) und Tschernobyl (1986), die den Planungen des Kernkraftwerks Kaiseraugst das Ende bereiteten. Der spätere Bundesrat und langjährige Verwaltungsrat von Motor- Columbus Christoph Blocher «beerdigte» letztendlich in einer denkwürdigen Pressekonferenz im Berner Hotel Schweizerhof das Projekt Kaiseraugst im Jahr 1988, nachdem er mit Angelo Pozzi, dem Nachfolger von Michael Kohn bei der Motor-Columbus, eine für die Firma einigermassen verkraftbare Ausstiegsstrategie entworfen hatte. Weit weniger bekannt ist hingegen, dass Kohn in dieser Zeit aufgrund seiner hohen Öffentlichkeitspräsenz und Bekanntheit gleich von mehreren Parteien umworben wurde, auf deren Nationalratslisten für ein Parlamentsmandat zu kandidieren. Kohn lehnte dies zeitlebens ab, da er sich eine kritische Distanz zur Politik in Bundesbern bewahren wollte, und so wurde er erst im hohen Alter Mitglied der freisinnigen Partei.

    Ein eigentlicher Höhepunkt der Biografie ist das Kapitel rund um die erfolgreiche Projektierung des Kernkraftwerks Gösgen, das zunächst eigentlich nur als «Plan B» gedacht war, falls Kaiseraugst nicht verwirklicht werden konnte. Kohn wirkte hier über die Aare-Tessin AG (Atel), einer Tochtergesellschaft der Motor-Columbus, im erfolgreichen Tandem mit dem Solothurner Finanzdirektor und späteren Bundesrat Willi Ritschard, der im Kernkraftwerk Gösgen eine willkommene Gelegenheit sah, das solothurnische Niederamt volkswirtschaftlich voranzubringen. Aus diesem «atomaren» Tandem entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, die bis zum Tod von Ritschard im Jahr 1983 anhielt. Das Kernkraftwerk Gösgen wurde dann auch nicht zuletzt dank dieser erfolgreichen Zusammenarbeit von 1973 bis 1978 in relativ kurzer Bauzeit errichtet und ein Jahr später in Betrieb genommen.

    Spannend ist auch, dass sich Kohn nach seinem Ausscheiden bei Motor-Columbus intensiv mit dem Umwelt- und Klimaschutz zu beschäftigen begann, wo er sich ebenfalls alsbald als wegweisender Pionier hervortat. Bereits Anfang der Achtzigerjahre hat Kohn auf dem Wolfsberg energiepolitische Seminare für Manager organisiert, um die Wirtschaft für Energie- und Klimafragen zu sensibilisieren. In diesen Seminaren wurden bereits unter Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien Lösungsansätze für das Klimaproblem erarbeitet, die heute vierzig Jahre später immer noch zentrale Pfeiler des CO2-Gesetzes sind wie beispielsweise die Einführung von handelbaren Emissionsrechten. Ausserdem schlug Kohn schon damals die Einführung kurzfristiger Subventionen als Verstärker für erwünschte Innovationen vor. Dieses Instrument wurde dann wesentlich später als zentraler Pfeiler der Energiestrategie 2050 übernommen. Kohn brachte als Vorsitzender der Energiekommission der internationalen Handelskammer diese Vorschläge und Überlegungen auch erfolgreich in zahlreiche UNOKongresse und Umweltgipfel wie Rio (1992), Tokyo (1995) und Kyoto (1997) ein.

    Die Biografie von Karl Lüönd überzeugt nicht nur dadurch, dass das Wirken Kohns präzise analysiert und in den Verlauf der Geschichte eingeordnet wird. Lüönd entwirft auf faszinierende Weise und sprachlich sehr gekonnt das Profil einer hochengagierten Persönlichkeit, die all ihre Talente und Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft und des Fortschritts stellt und damit gleichsam einem tief verinnerlichten Auftrag folgt. In Zeiten, wo die Schweiz mit der auf Sand gebauten Energiestrategie 2050 in eine unsichere Zukunft steuert, wünscht man sich als Leser deshalb wieder vermehrt Persönlichkeiten wie Michael Kohn an den Schaltstellen der Energiepolitik unseres Landes.

     

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  • Energiepapst, aber nicht unfehlbar
    15.02.2021, Aargauer Zeitung/Schaffhauser Nachrichten, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Karl Lüönd

    Energiepapst, aber nicht unfehlbar

    Energiepapst, aber nicht unfehlbar

    Michael Kohn war eine Instanz in der Stromindustrie und lobbyierte für die Atomenergie – bei Atomkraftgegnern machte ihn dies alles andere als beliebt. Nun liegt eine Biografie über Kohn vor.

    Er war der Chef-Lobbyist der Atomenergie und die Hassfigur für manche Umweltschützer. Aber anders als die meisten Strippenzieher wich er keiner öffentlichen Diskussion aus. Der gelernte Bauingenieur Michael Kohn (1925–2018) verstand es, das Wesentliche seines Fachs in die Öffentlichkeit und vor allem in die Politik zu tragen. Und er erlernte die wirtschaftliche Seite der Stromindustrie. Jetzt ist die Biografie des Mannes erschienen, den alle den «Energiepapst» nannten. Das Buch lebt von den vielen, von Kohn noch autorisierten Selbstzeugnissen. Leider blieb ihm nicht mehr die Zeit, das gesamte Manuskript gegenzulesen. Die entscheidende Wende in Kohns Leben war, dass der Ingenieur zum Manager, später zum Unternehmensleiter von Motor-Columbus (1975–1985) wurde. Wesentlich dafür waren die drei Jahre, die er als Ingenieur beim Jordan-Wasserwerk in Israel verbrachte. Dort knüpfte er wertvolle Kontakte für die Schweizer Maschinenindustrie und lernte, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden. Das erste, was er am See Tiberias hörte, war der wohlmeinende Rat: «Tragen Sie hier nie ein weisses Hemd! Sie würden es den Scharfschützen zu einfach machen.»

    Leben auf gepackten Koffern

    Später, nach einer schnellen Karriere, versuchte Michael Kohn als Unternehmensleiter die Diversifikation von Motor-Columbus in neue, nicht elektrizitätsbezogene Arbeitsbereiche. Da zeigte sich, dass der Papst nicht unfehlbar war. Er scheiterte auch mit dem Kernkraftwerk Kaiseraugst und setzte sich dafür – mit Hilfe seines Freundes, dem SP-Bundesrat Willi Ritschard – mit dem «Plan B» in Gösgen durch. Dabei lernte er den Einfluss der Politik kennen. Der Aargauer Regierung war das Schicksal des Projekts im entlegenen Kaiseraugst ziemlich egal. Dagegen setzten sich die Solothurner mit aller Macht für Gösgen ein. Am Ende seiner Laufbahn kehrte Kohn als kurzzeitiger Präsident des Israelitischen Gemeindebunds und als Vermittler zwischen den angriffigen jüdischen Organisationen aus den USA und dem Schweizer Staat zu seinen Wurzeln zurück. Zugleich bemühte er sich als gesuchter Berater, die grünen Klimaziele mit den wirtschaftlichen Zwängen in Einklang zu bringen. Michael Kohn gehörte zur zweiten Generation jüdischer Einwanderer aus Ostpolen. Sein Vater wurde nach La Chaux-de-Fonds geschickt, um den Uhrmacherberuf zu erlernen. Aber er fand keine Stelle und tat sich mit seinem jüngeren Bruder zusammen. Sie wurden «Schmattes-Jiden», Tuchjuden, die mit ihren Kleiderkollektionen die Jahrmärkte abklapperten. Nach einigen schwierigen Jahren hatten die beiden das Glück, an der Langstrasse in Zürich ein Geschäftshaus kaufen zu können. Michael war das einzige Kind. Seine Mutter stammte aus Bessarabien. Als Halbwüchsiger half Michael gern im Laden aus. Einmal musste er zäh klebende Plakate vom Schaufenster abkratzen, auf denen unbekannte Fröntler den Spruch gedruckt hatten: «Kauft nicht beim Juden!» Kohn sagte später: «An der Langstrasse habe ich gelernt, mich mit den einfachen Leuten zu verständigen.» Die Kohns, nicht besonders religiös, sondern eher zionistisch eingestellt, wohnten weit weg von der Synagoge in Zürich-Unterstrass. Der Vater, bekümmert darüber, weil sein Sohn studieren wollte, leistete noch mit 50 Jahren Aktivdienst. Michael Kohn erinnerte sich: «Die Aussicht, bald an Leib und Leben bedroht zu sein, war für uns Alltagsrealität. Wir lebten jahrelang auf gepackten Koffern. Aber wir sprachen nie darüber.»

    Bauen als patriotische Pflicht

    Einige Blocks von der elterlichen Wohnung entfernt, an der ETH, machte Michael in Rekordzeit sein Diplom. Die Professoren kümmerten sich um Praktikumsplätze. 1952 kam er zu Motor-Columbus, der Ingenieur- und Finanzierungsgesellschaft des BBC-Konzerns. Auf der Kraftwerksbaustelle Zervreila arbeitete Kohn im Stollen. Ihm und seiner ganzen Generation fiel es nicht im Traum ein, den Sinn ihrer Tätigkeit in Frage zu stellen. «Für uns war das Bauen eine patriotische Pflicht. Die Schweiz hatte viel nachzuholen.» Die Mentalität der ersten Manager-Generation nach dem Krieg! 1974 trat Michael Kohn als Präsident der Kommission für die Gesamtenergie-Konzeption hervor: 114 ganztägige Sitzungen in vier Jahren! Hoch angerechnet wurde ihm, dass er nicht einfach ein Patentrezept verkündete, sondern sorgfältig 13 Szenarien – von ultraliberal bis total verstaatlicht – zur Auswahl vorlegte. Kohns Kommissionsbericht war lange eine wichtige Grundlage der Schweizer Energiepolitik.

  • Ein Ingenieur, ein Held seiner Zeit
    30.01.2021, Sonntagszeitung, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Markus Somm

    Ein Ingenieur, ein Held seiner Zeit

    Ein Ingenieur, ein Held seiner Zeit

    Die Biografie von «Energiepapst» Michael Kohn ist nicht nur die Geschichte eines ausserordentlichen Mannes. Es ist auch eine kleine Geschichte der Schweizer Energiepolitik.

    Die Polizei hatte Michael Kohn geraten, seinen Chevrolet nicht vor dem Haus in Höngg stehen zu lassen, wo er wohnte, sondern in der Tiefgarage zu verstauen, und doch half es nichts. Attentäter drangen in der Nacht ein und zündeten das Auto an. Es brannte vollständig aus. Zwei Tage später wurden ähnliche Anschläge auf die Autos von Vertretern der Stromwirtschaft verübt, es brannten die Wagen in Ennetbaden, Locarno, Seengen, Arlesheim, St. Gallen und Hägendorf. Dass niemand verletzt wurde, war Zufall. Es hätte viel schlimmer ausgehen können. In Bekennerschreiben teilten die Täter mit, dass es ihnen darum gegangen sei, die «Geldgeber und Händler des neuen Todesmarktes» zu bestrafen, womit sie darauf anspielten, dass ihre Opfer sich für Atomkraftwerke einsetzten. Gefasst wurden die Täter nie.
    Was im Mai 1979 die Schweiz erschütterte, war nicht die erste Attacke von Atomkraftgegnern. Immer wieder war es in den 1970er-Jahren dazu gekommen: Es wurden Pavillons von AKW abgefackelt, Strommasten in die Luft gesprengt, es wurden Transporte blockiert, es wurde auf Mitarbeiter geschossen. Das alles war nicht harmlos, das alles war
    Gewalt von links, an die heute sich kaum jemand mehr erinnern mag. Und keiner schien mehr bedroht als Kohn, ein intelligenter, energischer und mächtiger Manager. Jahrelang hatte er Motor-Columbus geführt, eines der damals besten Engineering-Unternehmen des Landes. Man nannte ihn den Energiepapst. Aus Respekt, aber auch aus Hass.
    Er hat es mit Fassung getragen, hat mit der Linken geredet und gestritten, und am Ende, so meine Erinnerung, war er nie verbittert. Der Energiepapst blieb immer ruhig und erteilte den AKW den Segen, als ob er gewusst hätte, dass das letzte Gericht in der Energiepolitik noch nicht angebrochen war. Karl Lüönd hat diesem einflussreichen Mann ein ausserordentlich dichtes, gut erzähltes, ja glänzendes Porträt gewidmet, das einem nicht nur Kohn näherbringt, sondern sich liest wie eine kleine Geschichte der schweizerischen Energiepolitik.
    Michael Kohn lernte an der Langstrasse, wie man einfache Leute von etwas Gutem überzeugte. Von Anzügen zuerst, später von Atomkraftwerken.
    Kohn war 1925 in Zürich als Sohn von jüdischen Eltern geboren worden, die noch vor dem Ersten Weltkrieg aus Osteuropa in die Schweiz einwandern konnten, was nicht ganz selbstverständlich war, denn auch die schweizerischen Behörden versuchten zu jener Zeit, die Zuwanderung von Juden zu drosseln, oft aus einer Mischung von Antisemitismus und Panik um die einheimischen Arbeitsplätze. Moritz Kohn, der Vater, betrieb an der Langstrasse ein Kleidergeschäft. Es hiess Union und bot den Arbeitern und Bauern billige, aber solide Kleidung an. Sein grösster Hit bestand aus zwei Anzügen, die er zum Preis von einem verkaufte, ein Sonntags- und ein Werktagsanzug. Wenn man bedenkt, dass damals ein Anzug ein Zehntel eines Monatslohns kostete, kann man sich vorstellen, wie beliebt Moritz Kohn bei seinen Kunden war. Sein Sohn lernte hier an der Langstrasse, wie man einfache Leute von etwas Gutem überzeugte. Von Anzügen zuerst, später von Atomkraftwerken.
    Michael Kohn studierte an der ETH Bauingenieur – auf Anraten seiner Mutter Marjem: «Ingenieure braucht es überall auf der Welt.» Sie rechnete fest damit, dass sie irgendwann weiterflüchten mussten. In ihrer Heimat, dem Zarenreich, hatte sie erlebt, wie Juden von russischen Truppen massakriert worden waren.
    Vor diesem Hintergrund verlief Kohns Leben glücklich. In den 1950er-Jahren wurde gebaut, was das Zeug hielt: Brücken, Staudämme, Kraftwerke, Kohn hatte viel zu tun. Es war eine gloriose Zeit, weil man an den Fortschritt glaubte und niemand diesen mehr verkörperte als der Ingenieur. Nach einem längeren Aufenthalt in Israel stieg Kohn bei Motor-Columbus zum Chef auf. Dass er hier so viele Jahre an einem einzigen Projekt leiden würde, das hätte er sich wohl nie vorgestellt. Es hiess Kaiseraugst. Es war das AKW bei Basel, das nie entstand. Der politische Widerstand, der friedliche, war zu gross.
    Hinterher ist man klüger. Dass man ausgerechnet in dieser Region, die sich schon an den Chemischen rieb, ein AKW bauen wollte, war ungeschickt, wenn nicht dumm. Kohn ahnte das wohl. Aber konnte nicht mehr anders. Als es dann nach gut zehn Jahren kassiert wurde, verlor Motor-Columbus viel Geld. Und Kohn, wir wissen es nicht genau, vielleicht die Zuversicht.
    Nach dem Brandanschlag stellte die Polizei Kohn unter Personenschutz. Wenn er in die Stadt ging, begleitete ihn nun ein Polizist. Am Paradeplatz verabschiedete sich dieser: «Passed Si uuf.» Und liess ihn allein.

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  • Vom Patron zum CEO: Ein Porträt des Unternehmers
    06.01.2021, Die Volkswirtschaft, über
    Band 113, Fritz Ryff. Der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen, von Clemens Fässler

    Vom Patron zum CEO: Ein Porträt des Unternehmers

    Seit dem 16. Jahrhundert hat sich die Prägung des Unternehmers gewandelt: vom Verlagsherrn
    über den Patron zum gewieften Arbeiter, der mit seinem Fachwissen zum Geschäftsmann
    wird. Heute dominiert der kühl kalkulierende CEO. Wird er den Unternehmer
    verdrängen?

    Ein roter Faden zieht sich seit dem 16. Jahrhundert durch die Geschichte Zürichs. Ein Seidenfaden, wohlbemerkt. Denn die Seidenindustrie ist unweigerlich verwoben mit dem Aufstieg Zürichs zur Handelsstadt. An ihrem Anfang standen die Gebrüder David und Heinrich Werdmüller, die als erste Zürcher Verlagsherren die Seidenindustrie in Zürich einführten. Das Wort «Verlag» hatte damals noch nichts mit Medienprodukten zu tun, sondern meint das Verlagssystem, in dem die beiden Brüder ihre Waren in Heimarbeit herstellen liessen. Die prächtigen Seidenstoffe machten die Stadt zu einer Seidenmetropole mit internationaler Ausstrahlung. Ihr Unternehmertum war ein gänzlich privates. Die Seidenhöfe dienten sowohl als Manufaktur wie auch als Wohngebäude, und die Einkünfte mehrten direkt ihr Privatvermögen, das mit über 500 000 Gulden alle damaligen Verhältnisse in der Stadt sprengte. Als typische Unternehmer der frühen Neuzeit waren die Werdmüllers reine Kaufleute ohne spezielle technische Kenntnisse oder handwerkliche Fähigkeiten, wohl aber mit fundiertem Wissen
    über das Textilwesen.

    Spinnen, weben und drucken

    Aus dem Verlagswesen heraus entstanden in der Zeit der Industrialisierung ab etwa 1800 die ersten Textilfabriken in der Schweiz. Beispielhaft zeigt sich der Wandel bei Bartholome Jenny-Becker, der als gelernter Handweber 1808 zusammen mit seinen Brüdern Kaspar und Fridolin den Handwebereibetrieb Barth. Jenny & Cie. im glarnerischen Ennenda eröffnete. Auch bei ihm diente das Haus gleichzeitig als Geschäft, wie es in einer Firmenfestschrift steht: «In den oberen Kammern wurden riesige Mengen von englischem Baumwollgarn in Bündeln aufbewahrt, im Unterzug die von den Handwebern eingehenden Tücher aufgestapelt; in der grossen Küche wurde das Zettelgarn in Leimwasser gesotten, getrocknet, gehaspelt und zu ’Wirpfen’ aufgewunden.» Gewoben wurde das Garn aber noch im Verlagssystem von Handwebern zu Hause.

    Bald begannen die Gebrüder, ihre Produkte selber zu vermarkten, und errichteten dazu eine Filiale in Lugano, um von dort den Export nach Italien zu koordinieren. Durch Fusion kam eine Stoffdruckerei zum Familienbetrieb hinzu, und in der zweiten Generation baute Jakob Trümpy-Jenny eine mechanische Weberei und Spinnerei. Damit vollzog er den Schritt zum grössten Vertikalunternehmen des Glarnerlandes: Das Spinnen, das Weben, das Drucken und das Verkaufen waren in einem Unternehmen zusammengefasst. Nachdem die erste Generation noch als Handwerker mit einem entsprechenden Betrieb ihr Unternehmertum begonnen hatte, entwickelte sich daraus innerhalb zweier Generationen eine Handelsfirma und schliesslich eine Fabrik. Als Daniel Jenny & Co. konzentriert sich das Unternehmen heute auf die Herstellung von hochwertigen Heimtextilien wie Bettstoffen, Tischwäschestoffen und Baumwollmoltons sowie von Gewebe für Bekleidung, Hygieneartikel und technische Zwecke.

    Fritz Ryff: Der liberale Patron

    Mit fortschreitender Industrialisierung änderte sich das Bild des Unternehmers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Industriebetriebe vermehrt als grosser Wurf gegründet. So baute Fritz Ryff zusammen mit seinem Compagnon Arnold Wiesmann 1890 und nur drei Jahre nach der Unternehmensgründung einen stattlichen Fabrikbau im Berner Marzili für rund 200 Arbeiterinnen. Auf den grossen Strickmaschinen wurde vornehmlich Unterwäsche für alle Welt produziert. Das Gebäude an der Sandrainstrasse 3 nahe der Dampfzentrale steht noch heute und beherbergt das Kino Lichtspiel.

    Ryff verkörperte nicht den Unternehmer, der selber in der Fabrik Hand anlegte oder der Arbeiterschicht entstammte, wie es in der Frühzeit der Industrialisierung häufig der Fall war. Was ihn aber mit zahlreichen Unternehmern vor und nach ihm verband, war seine Rolle als Patron. Das Fehlen staatlicher Vorsorgeeinrichtungen bewog viele Unternehmer, über die Lohnzahlung hinaus für die Arbeiterschaft zu sorgen (das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass damals in vielen Fabriken noch immer katastrophale Arbeitsbedingungen herrschten). Fritz Ryff hatte gar eine ausgeprägte Verbindung zu seinen Arbeiterinnen. So bot er ihnen Bademöglichkeiten, unentgeltliche Arztvisiten und eine Kinderkrippe an. Firmenausflüge führten die bis zu 400 Personen starke Belegschaft quer durch die Schweiz, und Weihnachten feierte der «Prinzipal» ebenso mit den Arbeiterinnen wie seine eigene Hochzeit.

    Die bislang vorgestellten Unternehmer waren allesamt Pioniere in ihrem Gebiet. Sie mussten es auch sein. Denn sie betätigten sich in einem jungen Wirtschaftsbereich, erschlossen unbekannte Märkte und führten neue Produktionstechniken ein. Mit dem Aufkommen von Märkten und Produktionsabläufen traten dann aber vermehrt sogenannte Nichtpionier-Unternehmer auf. Sie sind nicht selber innovativ, sondern versuchen vorhandene Innovationen bestmöglich umzusetzen. Am Beispiel der Chemischen Fabrik in Uetikon am Zürichsee lassen sich diese beiden Unternehmerformen exemplarisch beobachten. Seit der Gründung 1818 bestand für über 150 Jahre die Haupttätigkeit in der Herstellung chemischer Grundstoffe wie Schwefelsäure, Salzsäure und Soda sowie Dünger, die zunächst in der Textil- und allgemein in der chemischen Industrie Verwendung fanden. Die erste Generation Schnorf, die Seite an Seite mit den Arbeitern die anstrengenden und gefährlichen Arbeiten ausführte, war bestrebt, mit technischen Innovationen die Produktionsprozesse zu optimieren. So entwickelte sich die Fabrik der Schnorfs ab 1870 zu einer der technisch modernsten Chemiefirmen in ganz Europa. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging diese Innovationskraft ein Stück weit verloren, auch weil die ungünstige Lage abseits von Verkehrswegen und Kraftwerken eine grössere Mengenverarbeitung und neue Produktionsmethoden verunmöglichte. Die Chemische Fabrik Uetikon konzentrierte sich vermehrt auf das Ausschalten unliebsamer Konkurrenz, indem Firmen aufgekauft oder Kartellverträge geschlossen wurden. Die der Familientradition verpflichteten Unternehmer sorgten einerseits dafür, dass auch längere Krisen durchgestanden werden konnten. Andererseits verzögerte die für Familienfirmen typische Kontinuität in der Führung den Schritt weg von der Grundchemie. Erst ab den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts und nicht ohne Rückschläge konnten mit Silicagel, Molekularsieben und Deuteroprodukten neue Gebiete erschlossen und eine neue Innovationskraft gewonnen werden. Interessanterweise endete parallel dazu «eine lange Periode schöner Familientraditionen mit patriarchalischem Gepräge», wie es der Verwaltungs-ratspräsident Paul Schnorf ausdrückte. Die Familienmitglieder konzentrierten sich vermehrt auf den Verwaltungsrat, während in der Geschäftsleitung externe Fachkräfte das Sagen hatten. Nun ist das Unternehmen, das heute mit «CPH Chemie + Papier Holding AG» firmiert, seit sieben Generationen  n Familienbesitz, was höchst selten ist; nur drei Prozent der Familienunternehmen schaffen den Wandel in die vierte Generation.

    Ein Notar als Firmensanierer

    Die Schnorfs widerspiegeln damit einen Trend im Unternehmertum. Während die Industrialisierung aufgrund der Technisierung zunächst den technischen Unternehmertyp förderte, konzentrierten sich Geschäftsmänner im 20. Jahrhundert vermehrt wieder auf den kaufmännischen Aspekt. Dieser Wandel zeigte sich auch in der Geschichte des Berner Druckmaschinenbauers Wifag. Dessen Gründer Carl Winkler war ein technisch versierter Drucker, der vor der Wifag-Gründung 1904 unter anderem als Velohändler tätig war. Technisch waren auch die Produkte der Wifag tadellos. Bald kamen Eigenkonstruktionen auf den Markt, denen die ersten Schnellpressen und schliesslich Rotationsdruckmaschinen folgten. Doch
    in wirtschaftlicher Hinsicht verfehlte die Wifag oft die angestrebten Ziele.

    Nach mehreren Sanierungen – Winkler musste inzwischen aus der eigenen Firma austreten – übernahm Notar Otto Wirz, Vizepräsident der Spar- und Leihkasse Bern, zusammen mit dem Techniker Karl Bretscher die Firma. Während Bretscher mit technischen Innovationen das Unternehmen auf Kurs hielt, sorgte Wirz für die Modernisierung des Maschinenparks, für Fabrikerweiterungen und für eine zeitgemässe Personalvorsorgeeinrichtung. Nach jahrelangen Spannungen zwischen den beiden führenden Köpfen demissionierte Bretscher. Auf einen technisch versierten Nachfolger im Verwaltungsrat wurde verzichtet und dafür ein leitender Direktor eingestellt. Der Kaufmann Otto Wirz dagegen war nun Mehrheitsbesitzer eines der grössten Unternehmen der Stadt Bern. Ihm folgte nach seinem Tod Tochter Ursula, ebenfalls eine Juristin mit wenig Sinn für technische Details. Trotzdem gelangen unter ihrer Führung unzählige technische Neuerungen, sodass die Wifag-Druckmaschinen als Rolls-Royce in der Branche galten. 2011 hat die Firma den Betrieb eingestellt.

    Gewagt, gewogen, gewonnen

    Wenn in etablierten Märkten vermehrt kaufmännische Unternehmer auftreten, so bleiben neue Wirtschaftsbereiche technisch versierten Unternehmern vorbehalten, die ihr technisches Genie mit unternehmerischen Fähigkeiten zu kombinieren vermögen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Erhard Mettler. Nach einer Mechanikerlehre in Winterthur und einigen Jahren als Feinmechaniker beim optischen Instrumentenhersteller Wild Heerbrugg AG verspürte er den Drang, selbstständig zu werden. Er besuchte die Handelsschule, um auch den kaufmännischen Teil des Unternehmertums zu erlernen, und suchte sich dann ein Tätigkeitsgebiet. Sein Bruder riet ihm: «Mach etwas für die Chemie, die haben Geld.» Erhard Mettler befolgte den Rat und untersuchte Laborinstrumente auf Verbesserungspotenzial. Seine Wahl fiel auf Waagen, bei denen er am meisten Modernisierungspotenzial feststellte und die relativ einfach herzustellen waren.

    Damit nahm das Unternehmen Mettler im Sommer 1945 seinen Anfang, und nach den ersten harten Jahren begann die Wachstumskurve steil nach oben zu zeigen. Bald gehörten die Mettler-Waagen im internationalen Vergleich zu den besten, und mit der Entwicklung der ersten elektronischen Waagen der höchsten Genauigkeitsstufe erreichte Mettler in den Siebzigerjahren einen weiteren bahnbrechenden Erfolg. Aus der Werkstatt wurde bald eine Fabrik, und die Mitarbeiterzahl stieg weltweit auf über 2000. Mettler blieb dabei der einfache Mann, den die Fabrikarbeiter auch mal mit einem Arbeitskollegen verwechselten. Nichts zeigt die unkomplizierte Art aber besser als der Vertrag, mit dem der kinderlose Mettler seine Firma 1980 an Ciba-Geigy verkaufte: Er umfasste eine A4-Seite! Mit der Übernahme des amerikanischen Industriewaagen-Herstellers ist das Unternehmen heute zu Mettler-Toledo geworden und beschäftigt weltweit über 16 000 Mitarbeiter. Sein Umsatz betrug 2019 rund 3 Milliarden Dollar.

    Konkurrenz durch Manager?

    Waren die bisher porträtierten Unternehmen in der chemischen, der Textil- oder der Maschinenindustrie tätig, so erklärt sich das auch damit, dass diese Wirtschaftsbereiche zu den bedeutendsten in der Schweiz gehörten. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Seit 1970 ist der grösste Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor zu finden, was sich auch in den Unternehmensgründungen widerspiegelt. 2017 wagten etwa im Bereich Information und Kommunikation wesentlich mehr Menschen den Schritt ins Unternehmertum als im Bereich Industrie und Energie. Zusammen gab es im Dienstleistungssektor fast siebenmal mehr Unternehmensgründungen als im Industriesektor.

    Wenn wir die Entwicklung des Unternehmers betrachten, so darf auch jene Figur nicht unerwähnt bleiben, die mit der «Erfindung » der juristischen Person ihren Auftritt erhielt: der Manager. Denn waren bis ins 19. Jahrhundert sämtliche wirtschaftlichen Führungspersonen Unternehmer, so müssen Führungspersönlichkeiten von Aktiengesellschaften kein finanzielles Risiko übernehmen. Und doch: Die Schweiz ist ein Land von innovativen Unternehmern. Pro Kopf wurden hier 2019 europaweit am meisten Patente angemeldet, und auch die Zahl der Unternehmensgründungen ist mit über 44 000 vergleichsweise hoch, Tendenz steigend. Das lässt vermuten, dass das Unternehmertum insgesamt nach wie vor eine grosse Attraktivität besitzt. Dafür spricht auch, dass über 95 Prozent aller Unternehmen weniger als zehn Personen beschäftigen und 14 der 25 grössten Firmen der Schweiz nicht börsenkotiert sind, also Familiengesellschaften, Genossenschaften oder Partner- und Privatunternehmen sind.

    Wo sind die Frauen?

    Alle hier porträtierten Unternehmer waren, mit der Ausnahme von Ursula Wirz, Männer. Das ist kein Zufall. Frauen wurden bis ins 20. Jahrhundert durch die Männer bevormundet, die rechtliche Gleichberechtigung der Eheleute trat als Grundsatz bekanntlich erst 1988 in Kraft. Frauen konnten also lange Zeit gar kein Unternehmen gründen. Zudem waren sie auch in Sachen Bildung benachteiligt, was selbstredend Auswirkungen auf die Pionier- und Unternehmenstätigkeit hat. Trotzdem gab es sie, die Pionierinnen und Unternehmerinnen. Am häufigsten kamen sie durch Erbe in den Besitz einer Firma, so wie die erwähnte Ursula Wirz nach dem Tod ihres Vaters Otto; oder Emma Stämpfli- Studer, die nach dem Tod ihres Mannes ab 1894 für 30 Jahre die Buchdruckerei Stämpfli in Bern führte. Pionierrollen konnten Frauen darüber hinaus nur dort wahrnehmen, wo die Gesellschaft ihnen den Platz zuwies: im sozialen Bereich. Dass dabei aber auch eindrückliche unternehmerische Leistungen erbracht wurden, zeigt das Beispiel von Else Züblin-Spiller, die in den Jahren des Ersten Weltkriegs Soldatenstuben betrieb und daraus die heute noch erfolgreich tätige SV Group formte, die Hotels, Restaurants und Kantinen betreibt.

    http://pioniere.ch/…02/Artikel_Volkswirtschaft

  • Er war Feindbild der Atomgegner
    24.12.2020, Lokalinfo/Züriberg/Züri Nord, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Pascal Turin

    Er war Feindbild der Atomgegner

    Einst stellte die Kernenergie eine Hoffnungsträgerin dar, heute ist sie nicht mehr mehrheitsfähig. Einer der grossen Verfechter der Atomkraft war der Zürcher Michael Kohn. Nun beleuchtet ein neues Buch sein Leben und Wirken.

    Seine rhetorische Eleganz, gewürzt mit Humor, hatte sich Michael Kohn bis ins hohe Alter bewahrt. «Diese verlor der frühere Manager eines Energiekonzerns trotz schweren Anfeindungen nie», so die «Neue Zürcher Zeitung» 2015 über den ETH-Bauingenieur. Kohn, 1925 geboren, stand damals kurz vor seinem 90. Geburtstag und lebte in einer Altersresidenz am Zürichberg.

    «Der Energiepapst – Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn» heisst ein neues Buch von Karl Lüönd, einst Chefredaktor der ehemaligen Wochenzeitung «Züri- Woche». Es wirft aus verschiedenen Perspektiven einen interessanten Blick auf den Mann, der in der Schweiz wie fast kein anderer für die Atomenergie stand.

    Kohn kämpfte an vorderster Front für die Atomkraft. Denn lange galt sie als umweltschonende und moderne Energiequelle. Wasserkraftwerke waren schon vor Jahrzehnten bei Naturschützern in Verruf geraten, doch der Energiebedarf stieg. Eine mögliche Lösung stellte die Atomenergie dar. Kaum Thema war hingegen die Sicherheit der Kernkraftwerke oder die Beseitigungen der Atomabfälle.

    Kohn stand unter Polizeischutz
    Sein Engagement brachte Kohn die Übernamen «Energiepapst» oder «Atompapst» ein – und viele Feinde. Als Direktor des Elektrounternehmens Motor- Columbus AG wirkte er federführend beim geplanten Kernkraftwerk Kaiseraugst im Kanton Aargau. Kohn erlebte den Widerstand gegen die Kernenergie in den 70er-Jahren hautnah mit. Die Atomgegner schreckten nicht einmal vor Gewalt zurück und verübten 1979 einen Brandanschlag auf einen Infopavillon auf der Baustelle.
    Doch auch privat musste sich Kohn fürchten. Er lebte damals in Höngg, als sein Auto in der Tiefgarage in Brand gesteckt wurde. Er stand anschliessend vorübergehend unter Polizeischutz. «Dieser bestand darin, dass Michael Kohn, wenn er abends in die Innenstadt ausging, von einem Polizisten bis zum Paradeplatz begleitet und dort mit dem Vertrauen erweckenden Rat verabschiedet wurde: ‹Passed Si uuf!›», schreibt Lüönd. Das Kernkraftwerk Kaiseraugst wurde am Ende nie gebaut, der katastrophale Super-GAU 1986 in Tschernobyl hatte die Stimmung endgültig auf die Seite der Atomkraftgegner gedreht.

    rfolgreich war Kohn hingegen mit dem Kernkraftwerkprojekt in Gösgen im Kanton Solothurn. Dort hatte man die Bevölkerung besser informiert und mit dem Solothurner SP-Bundesrat Willi Ritschard einen starken Verbündeten gewonnen, der lokal verankert war. Das Kernkraftwerk Gösgen-Däniken nahm 1979 den Betrieb auf – und läuft bis heute.

    Energieminister Ritschard war es, der Kohn 1974 zum Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für die Gesamtenergiekonzeption berufen hatte – trotz Protesten. Ritschard schrieb einem der Protestierenden: «Herr Ing. Kohn hat sich in der Vergangenheit darüber ausgewiesen, dass er das Energieproblem in umfassendem Sinne kennt.» Man könne ihm keine Voreingenommenheit vorwerfen, bevor auch nur ein Arbeitsergebnis vorliege. «Michael Kohn erfüllte Ritschards Erwartungen, indem er nach vier Jahren nicht einfach einen Bericht mit bestimmten, autoritären Empfehlungen vorlegte, sondern nicht weniger als dreizehn mögliche Szenarien präsentierte», so Autor Lüönd, dem es gelingt, Kohn den Lesenden
    näher zu bringen.

    Seine Wurzeln nicht vergessen

    Während Kohns jüdische Wurzeln in seiner Karriere kein Thema waren, hatte er in den 1930er Jahren in Zürich antisemitische Attacken erleben müssen. So wurden etwa die Schaufenster des Kleiderladens seines Vaters an der Langstrasse mit Plakaten beklebt, auf der die Hetzparole «Kauft nicht bei Juden!» stand. «Solche Zwischenfälle zeigten uns: Wir gehörten eben doch nicht wirklich dazu», kommentierte dies Kohn. Von 1988 bis 1992 engagierte er sich als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.

    Kohn brachte sich ein Leben lang in die Energiepolitik ein. «Es schmerzte ihn, dass er dabei am Schluss, beim Entscheid zum Atomausstieg, auf der Verliererseite stand», sagte Lüönd im Interview mit dem jüdischen Wochenmagazin «Tachles». Kohn starb 2018 im Alter von 92 Jahren.

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  • Wer war Michael Kohn?
    16.10.2020, Tachles, über
    Band 117, Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn, von Karl Lüönd

    Wer war Michael Kohn?

    Wer war Michael Kohn?

    Publizist Karl Lüönd legt mit «Der Energiepapst» eine übersichtliche Biografie über Wirken, Werk, Werte eines charismatischen Managers und Politikers vor.

    tachles: Michael Kohn war drei Jahrzehnte lang Topmanager und erfolgreicher Lobbyist in Bern. Dann 1988 stellte er sich als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. Weshalb?
    Karl Lüönd: Er wollte modernes Management in den SIG bringen, der damals zwar als respektable Institution für Religion und Innenpolitik galt, aber nicht wirklich wahrgenommen wurde. Aus den Kontakten mit Michael Kohn habe ich gemerkt, dass damals zwei Welten aufeinander stiessen. Die grosse Diskussion war: Sollte der Verband einfach der kleinste gemeinsame Nenner und die Lobby des sehr fragmentierten Schweizer Judentums sein, oder sollte er inhaltlich eine Mission haben?

    Kohn war Pragmatiker und Analyst. Was tat er schliesslich?
    Er tat, was er tun konnte: schuf Ressorts, sorgte für Sitzungen von zeitlich vernünftiger Länge, beschleunigte den Ablauf der Geschäfte, bildete Ausschüsse. Er machte Druck, setzte Termine und konnte unangenehm werden, wenn diese nicht eingehalten wurden.

    Kohns Zeit im SIG endete abrupt. Im Buch steht wenig darüber. Wie beurteilte er im Gespräch mit Ihnen seine Zeit?
    Er sagte offen: Ich bin gescheitert. Er bezeichnete sich selbst als zu fordernd – was mich überraschte, weil Selbstkritik sonst nicht eben seine Stärke war.

    Ein Skandal sorgte letztlich für den Rücktritt Kohns aus dem SIG und Sie selbst waren als Chefredaktor des «Züri Leu» involviert. Kohn war während Jom Kippur Gast bei einem innenpolitisch wichtigen Empfang. Sie berichteten darüber.
    Ja, und zwar in der Klatschkolumne von Suzanne Speich, die in meiner Zeitung eine grosse Rolle spielte. Die Rede war von einer Party am Vorabend von Jom Kippur, an der Michael Kohn teilgenommen hatte. Er versuchte damals, die Publikation zu verhindern, aber ich wies ihn ab. Bei unseren Gesprächen für das Buch war dieses Thema Michael Kohn gar nicht mehr so wichtig. Er betrachtete die Sache als Symptom der tiefer liegenden Differenzen.

    Die Probleme lösen konnte er während seiner kurzen Präsidentschaft ja nicht – die sind noch immer die gleichen. Die Liberalen jüdischen Gemeinden wurden nicht aufgenommen, auch 2004. Der Modus vivendi basiert auf dem Kooperationsgedanken, den Kohn damals konzipierte.
    Aber er machte sie bewusst und sichtbar, und einige Knöpfe löste er wohl auch, so etwa die Sache mit der Liegenschaft Berges du Léman, deren Verkauf er aufgleiste. Die Gemeinden arbeiten seither auch in Sachen Sicherheit und Antisemitismusbekämpfung zusammen.

    Kohn war dann einige Jahre spätere Akteur in der Holocaust-Debatte um die sogenannten nachrichtenlosen Vermögen. Wie kam das?
    Ja, zusammen mit Hans Bär, Rolf Bloch und zeitweise Sigi Feigel. Die vier hatten zwar kein offizielles Mandat dafür, fanden aber kraft ihrer Autorität und Persönlichkeit Gehör gerade bei den Amerikanern.

    Vier starke Persönlichkeiten, nicht alle mit der gleichen Agenda. Wie war das ?
    Michael Kohn war sicher derjenige, der politisch am besten vernetzt war und sich durch seine hervorragende Arbeit für die Gesamtenergiekonzeption in Bern Respekt verschafft hatte. Er fand bei den wesentlichen Bundes-räten stets offene Türen.

    Was war Kohns Ziel dabei?
    Verständigung zu schaffen und Brücken zu bauen. Das war immer sein Ansatz, auch zuvor in der Energiediskussion. Er ging stets auf die Leute zu und redete mit ihnen, auch mit erbitterten Gegnern wie der späteren Zürcher SP-Stadträtin Ursula Koch, die ab 1979 Geschäftsführerin der atomkritischen Schweizerischen Energiestiftung war.

    Wollte er sich jeweils durchsetzen oder war er letztlich bereit, Kompromisse zu machen?
    Letzteres. Er war derjenige, der versuchte, Gespräche in Gang zu bringen und die Gegenposition respektierte, wobei er aber unweigerlich in die Diskussion einbrachte, was die anderen ausgeblendet hatten.

    Kohn war ein strategischer Denker. Das ist in Ihrem Buch etwa in dem Kapitel feststellbar, in dem er die Vorschläge zum Energiepapier an den Bundesrat machen musste.
    Die 1970er- und 1980er-Jahre waren eine Zeit der Gesamtkonzeptionen (Verkehr, Medien, Energie). Im Gegensatz zu anderen solchen Kommissionen stattete Michael Kohn seine mit lediglich elf Leuten aus – sehr ungewöhnlich. Und er verlangte von den Mitgliedern, dass sie Arbeit leisteten, was sie alle auch taten, vor allem er, der während dieser Zeit Sieben-Tage-Wochen hatte. Und dann präsentierte er nicht eine Lösung, sondern eine Auswahl von 13 Szenarien, jedes genau beschrieben und analysiert, von völliger Liberalisierung bis zu völliger Regulierung des Energiemarktes.

    Sprach er sich für eine Lösung aus?
    Nein, er sagte einfach: Das sind unsere Optionen, und nun, liebe Politik, wähle bitte aus.

    Michael Kohn hielt jedoch bis zu seinem Lebensende daran fest, dass Atomenergie eigentlich die Grundlage der Energiepolitik der Schweiz sein müsse. Lag er da falsch?
    Ja, dies ist die wesentliche Frage, und sie wurde nun einfach – meiner Meinung nach überstürzt – unter dem Eindruck von Fukushima nicht in seinem Sinne entschieden. Michael Kohn hat sich dagegen immer gewehrt, schmuggelte sich quasi in die Rio-Delegation ein, sprach mit Bundesrätin Leuthard. Er versuchte, die Umweltforderungen und die wirtschaftlichen Aspekte irgendwie in Übereinstimmung zu bringen und den Ausstieg so zu gestalten, dass er auch zahlbar wäre.

    Wollte er sich damit nochmals selbst beweisen und Recht bekommen?
    In erster Linie ging es ihm sicher um die Sache. Aber wer ihn kannte, wusste, dass er sehr selbstbewusst war und die Aufmerksamkeit genoss.

    In seiner Biografie lässt sich dieses selbstbewusste und bisweilen brillante Auftreten mit Öffentlichkeitskompetenz nicht verorten.
    Doch. Der kleine Jude aus nicht allzu reichem, sozialdemokratisch-zionistisch orientiertem Haus und Einzelkind musste sich schon früh durchzusetzen lernen. Es gab zwei geografische Orte, die für ihn lebensentscheidend waren: die Langstrasse und Israel. Dort baute sich die Einzigartigkeit der Persönlichkeit Michael Kohns auf. Er war nicht nur Ingenieur und Technokrat, sondern legte sich darüber Rechenschaft ab, was er mit seiner Arbeit als Ingenieur und Manager gesellschaftlich und politisch anrichtete und wie er dazu kommunizieren müsse. Aber er sagte immer, er habe an der Langstrasse gelernt, mit den Leuten zu reden, als er im Geschäft seines Vaters den Limmattaler Bauern die Hosen abstecken musste.

    Er machte in Israel an sich gute Geschäfte, ging aber nach drei Jahren wieder. War er dort doch ein wenig gescheitert?
    Nein, sein Aufenthalt war von Anfang an befristet gewesen. Im Gegenteil, er wurde sogar um ein Jahr verlängert. Motor Columbus liess ihn ja gehen in der Hoffnung, dass er Aufträge nach Hause bringe. Als einer der wenigen Ingenieure der damaligen Generation hatte er auch wirtschaftlichen Sachverstand. Da sah er wohl die Karrieremöglichkeiten bei einer Rückkehr in die Schweiz. Wobei er auch Glück hatte. Bei Motor Columbus fielen damals gerade zwei der drei führenden Persönlichkeiten aus gesundheitlichen Gründen aus. In Israel realisierte Michael Kohn, dass die von ihm als Ingenieur gebauten Anlagen auch eine gesellschaftliche, politische und gesamtwirtschaftliche Auswirkung haben.

    Wie würden Sie das letzte Drittel seines Lebens, nach Berufskarriere und SIG, einordnen?
    Er zehrte von seiner Bekanntheit und versuchte, diese in die öffentliche Diskussion um die Energiepolitik einzubringen. Es schmerzte ihn, dass er dabei am Schluss, beim Entscheid zum Atomausstieg, auf der Verliererseite stand.

    Wobei er ja als «Energiepapst» und nicht als «Atompapst» in die Geschichte einging.
    Ja, aber «Papst» bedeutet ja auch Unfehlbarkeit, was gewisse Züge seiner Selbsteinschätzung durchaus traf …

    … an der Ihr Buch ab und zu rüttelt. Wie hat sich für Sie die Zusammenarbeit in dieser Hinsicht gestaltet?
    Natürlich gab es Diskussionen, er war mit dieser oder jener Einschätzung von mir nicht einverstanden. Seine nachlassende Gesundheit ab 2012 machte es zusätzlich schwierig, weil er für Rückmeldungen oft sehr lange brauchte. Letztlich ist das Buch in der vorliegenden Version aber einvernehmlich erschienen – in der Schweiz können solche Biografien ja nur mit dem Einverständnis des Betroffenen veröffentlicht werden.

    Konnte Michael Kohn noch alles gegenlesen?
    Nein, leider nicht, aber bis zum Kapitel über das Gesamtenergiekonzept kam er noch.

    Michael Kohn hatte eine für die damalige Zeit ausserordentliche Medienpräsenz. Wie wurde er in den 1970er- und 1980er-Jahren öffentlich wahrgenommen?
    Als kompetent in Energiefragen und als einer, der immer ansprechbar war. Dies im Gegensatz zur übrigen Energiebranche, die immer ein verschwiegener Haufen von Technokraten war. Kohns Kollegen wussten nicht viel über das Funktionieren des Marktes und waren durch und durch kartellisiert.

    Wie würden Sie ihn als Topmanager im Vergleich zu anderen sehen?
    Vor allem als sichtbare Persönlichkeit, als einen, der sich stellte und auch ohne Furcht exponierte. Von einigen anderen aus dieser Riege gab es damals noch nicht mal ein brauchbares Foto im Ringier-Archiv.

    Während dieser Zeit kam sein Judentum nicht zum Vorschein. Aber ab Ende der 1980er-Jahre äusserte er sich auch öffentlich sehr stark als jüdische Figur.
    Ja, da setzte er einen anderen Hut auf. Er erklärte das damit, dass seine Mutter ihm immer zugeredet habe, auch einmal etwas für die Juden zu tun. Vermutlich waren zuvor seine zeitlichen Kapazitäten einfach begrenzt. Darüber hinaus schien er jemand zu sein, der sein Leben gut geplant hatte. Als er die Verantwortung bei Motor Columbus abgeben konnte, hatte er Zeit.

    Wenn Sie über die Topmanager im 20. Jahrhundert der Schweiz ein Buch schreiben würden, wäre Michael Kohn einer der vorkommenden Namen?
    Ganz bestimmt, er wäre einer der ganz wichtigen Namen in Bezug auf die Schnittstelle zwischen Technik, Wirtschaft und Politik und würde für eine ganzheitliche, geerdete Sichtweise stehen.

    Und wie würden Sie als Aussenstehender ihn als Persönlichkeit im Schweizer Judentum einordnen?
    Soweit mir als Aussenstehendem dazu ein Urteil zusteht: ebenfalls als sichtbar und behaftbar. Und auch zu sprechen, wenn es für ihn unangenehm war. Ganz allgemein gesprochen und nicht speziell auf die jüdische Szene bezogen: Er unterschied sich stark von heutigen, von PR-Leuten gesteuerten Führungskräften, die den Kopf einziehen, wenn es zu stürmen anfängt. Ihm hat es sogar Spass gemacht, sich in den Gegenwind zu stellen.

    Wie würde Kohn reagieren, wenn er das Buch lesen würde?
    Er hat das bekommen, was er verdient und auch gewollt hat. Er wollte Spuren hinterlassen. Die Reihe, in der es erschienen ist – beim Verein für wirtschaftshistorische Studien –, ist eine gute Adresse. Auch wenn er sicherlich, seiner Art entsprechend, mit dem Rotstift darüber gehen und vieles anstreichen würde: Ich glaube, dass er Freude daran hätte.

    Was denken Sie, hätte er gerne auf seinem Grabstein geschrieben gesehen?
    «Er war ein Brückenbauer.»

    Interview Yves Kugelmann

     

  • Als noch niemand von Smartphones sprach
    23.07.2020, Lokalinfo/Züriberg/Küsnachter, über
    Band 116, Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom, von Pascal Wiederkehr

    Als noch niemand von Smartphones sprach

    Als noch niemand von Smartphones sprach

    Kein Touchscreen, dafür aber mit Wählscheibe: Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Schweizer Telekomindustrie. Die Spuren führen auch nach Zürich.

    Es war ein populäres Telefon: Die 1927 von der Firma Hasler entwickelte, Tisch-Station mit runder Wählscheibe fand man in vielen Schweizer Haushalten. Die Eidgenössische Obertelegraphendirektion, ein Vorläufer der Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) und der Swisscom, hatte es zum Normaltyp erklärt. Früher konnten Schweizerinnen und Schweizer nicht wählen, bei welchem Unternehmen sie ihr Telefonabonnement abschliessen wollten. Selbst die Auswahl an Telefonapparaten war eingeschränkt. Als einziger Anbieter wirkte der Staat – bis zur Liberalisierung 1998. Aus den PTT gingen damals die Schweizerische Post und die Swisscom hervor. Das neue Buch «Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom» beleuchtet die Geschichte der Firma Hasler aus Bern, über Jahre führender Lieferant für Telefonzentralen und Telefonapparate. Autor Karl Lüönd, einst Chefredaktor der ehemaligen Wochenzeitung «Züri- Woche», beschreibt den Aufstieg und den Abstieg des Unternehmens – und gibt interessante Einblicke in die Schweizer Telekomindustrie. 1987 fusionierte Hasler mit den Unternehmen Autophon und Zellweger zum Technologiekonzern Ascom. Die Vorgängerfirmen der Ascom und ihre Konkurrenten Standard Telephon und Radio AG Zürich sowie Albiswerk Zürich AG hatten den Telefonmarkt unter sich aufgeteilt. Standard produzierte einst in der Roten Fabrik in Wollishofen, später gehörte sie zur Alcatel. Aus dem Albiswerk in Albisrieden wurde die Siemens Schweiz. Die PTT teilten ihre Bestellungen bei den Herstellern so auf, dass alle genug ausgelastet waren.

    Anschluss nicht geschafft

    Die Digitalisierung der Telefonie und die Liberalisierung des Marktes stellte eine Zäsur dar. Schweizer Telefonhersteller verschwanden langsam vom Markt. Die Ascom wurde von Wirtschaftsjournalisten abwertend als «Gemischtwarenladen» bezeichnet. Heute ist das Unternehmen immer noch tätig, etwa im Gesundheitsbereich mit einem speziellen Smartphone
    fürs Pflegepersonal.

     

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  • Dieser Zürcher suchte rastlos nach Erdöl
    25.06.2020, Lokalinfo/Züriberg/Zürich Nord, über
    Band 97, Swiss Gang. Pioniere der Erdölexploration, von Pascal Wiederkehr

    Dieser Zürcher suchte rastlos nach Erdöl

    Vor 100 Jahren arbeiteten viele Schweizer Geologen für Erdölunternehmen. Einer von ihnen war Arnold Heim. Er reiste um die Welt, um Öl zu finden.

    Die Corona-Krise hat die Erdölbranche auf den Kopf gestellt. Die Abnehmer fehlten, die Nachfrage ging drastisch zurück, und die Preise fielen. Mittlerweile sind die Erdölpreise zwar wieder gestiegen, doch die Achterbahnfahrt hatte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft. Noch vor etwa 100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Ölproduktion kaum ausgebaut. Es herrschte wegen der Petroleumlampe oder der ersten Autos mit Verbrennungsmotoren Knappheit. Die Suche nach Öl versprach Reichtum. Ein Konkurrenzkampf zwischen Europäern und Amerikanern entflammte.

    Spezialisten waren gefragt

    Ab 1910 und in den 1920er-Jahren kam es zu einer Professionalisierung in der Erdölforschung. Die Nachfrage nach Spezialisten stieg. «Erdölunternehmen heuerten fortan regelmässig ausgebildete Geologen für verschiedene Teile der Welt an, zunächst überwiegend mit temporären Verträgen, später mit Festanstellungen», heisst es im Buch «‹Swiss Gang› – Pioniere der Erdölexploration». Auch Schweizer erhielten Jobs. Einer der Ersten, die sich im Ausland bewarben, war der Zürcher Arnold Heim. «Zahlreiche Aufträge für Ölexpertisen während fast 50 Jahren für die wichtigsten Erdölgesellschaften machten ihn zu einem bedeutenden Pionier und führenden Erdölgeologen seiner Zeit», schreibt Historikerin Monika Gisler.

    Der 1882 geborene Heim ging ins Ausland, weil es für Geologen im eigenen Land kaum Arbeit gab. International waren Schweizer Geologen – hauptsächlich Männer (siehe Kasten) – hingegen begehrt. Dies nicht nur wegen der guten Ausbildung an den Hochschulen. Für viele Unternehmen waren sie interessant, weil sie aus einem neutralen Land stammten. Das galt vor allem in Kolonien oder ehemaligen Kolonien als Vorteil. So wurde etwa in Niederländisch- Indien Öl gefördert. Das Land war ein Vorläufer Indonesiens und stand unter der Herrschaft der Niederlande. Arnold Heim hatte an der ETH studiert und trat in die Fussstapfen seines Vaters Albert Heim. Dieser gilt als einer der bedeutendsten Geologen seiner Zeit. Arnold Heims Mutter war die erste Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin. Mit Anna Heer gründete sie die erste Frauenklinik. Solch einflussreiche Eltern zu haben, dürfte für Arnold Heim auch eine Bürde gewesen sein. Er entwickelte sich zu einem Experten, blieb jedoch ein Umgetriebener. Den Wunsch des Vaters, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, erfüllte er nicht. Heim lehrte zwar als Privatdozent an der Universität Zürich und der ETH, war kurze Zeit Professor an der Sun-Yatsen- Universität im chinesischen Guangzhou. Mehrheitlich war er aber als Forscher und zeitweise im Auftrag von Erdölgesellschaften unterwegs. Sein Interesse galt nicht nur der Geologie, sondern der Naturbeobachtung. Heim kritisierte auch das Verhalten des weissen Menschen gegenüber anderen Völkern.

    Mit dem Auto durch die Sahara

    1909 nahm Heim an der ersten Schweizer Grönland-Expedition Alfred de Quervains teil, der das Landesmuseum aktuell eine Ausstellung widmet. In der Zeit zwischen den Weltkriegen, also ab Ende November 1918 bis September 1939, führte Heim für Shell geologische Untersuchungen durch, darunter in Neukaledonien, Australien und Tahiti. Der Geologe war für die «Eastern Syndicate » in Kuwait und Bahrain. «Arnold ölt scheint’s wieder», schrieb Berufskollege Daniel Trümpy 1920. Heim begleitete den Flugpionier Walter Mittelholzer auf dessen erster Nord-Süd-Durchquerung Afrikas in einem Wasserflugzeug oder durchquerte die Sahara in einem Citroën. Finanziell waren die Aussichten nicht rosig, die Suche nach Öl fand unter beschwerlichen Bedingungen statt und war nicht immer erfolgreich. Seine erste gesicherte Stelle erhielt Heim erst 1949. Der bald 70-Jährige wurde Chefgeologe der staatlichen Iran Oil Co. Mit fast 80 Jahren war der Zürcher nochmals als Experte tätig, dieses Mal für die Regierung von Taiwan. Zeitlebens hatte er sich dafür eingesetzt, auch in der Schweiz Erdöl zu finden. Er war überzeugt, man könne Mengen erzielen, um den Landesbedarf zu decken. Aus heutiger Sicht ist klar – «Erdöl aus der Schweiz bleibt ein Wunschtraum», wie es im Buch «‹Swiss Gang› – Pioniere der Erdölexploration» heisst.
    Heim starb 1965. Er wurde auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt.

     

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  • Industriekapitän, immer unter Strom
    12.11.2019, Der Bund, über
    Band 115, Gottfried Bangerter. Die Energie der Berner Industrialisierung, von Simon Wälti

    Industriekapitän, immer unter Strom

    Industriekapitän, immer unter Strom

    Geschichte Gottfried Bangerter (1847–1923) verlieh als Pionier Wirtschaft und Technik im Kanton Bern Schwung. Warum für den freisinnigen Industriellen ein starker Staat trotzdem wichtig war, zeigt eine neue Biografie.

    Ein Pionier setzt auf neue Technologien: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es Strom und Gas, die für Gottfried Bangerter (1847–1923) die Zukunft verkörperten. Als sein wohl liebstes Kind gilt die Kohlensäurefabrik Bern, die er mit Tatendrang und Schaffenskraft zur Carba, der nachmaligen Carbagas, aufbaute. Er stand auch an den Schalthebeln, als sich der
    Kanton Bern rasant elektrifizierte und industrialisierte.
    «Er ragt unter den bernischen Wirtschaftern heraus als alpiner Block aus der Moräne wohlfeiler Köpfe», hiess es in einer Laudatio zu seinem 70. Geburtstag. Auch die Bezeichnung «der Escher von Bern» sei nicht so falsch, schreibt Autor und Historiker Walter Thut über den Industriellen in «Die Energie der Berner Industrialisierung» in der Reihe «Schweizer Pioniere der
    Wirtschaft und Technik». Es ist die erste Biografie über den bedeutenden, aber fast vergessenen Berner.

    Aufstieg in Langenthal

    Allerdings wurde Bangerter rund eine Generation nach dem Zürcher Escher geboren, und der Umfang seiner Unternehmungen reichte nicht an den Eisenbahnbaron und Gründer der Kreditanstalt heran.
    Gross geworden war der in Lyss geborene Bangerter im Textilsektor. Erst betätigte er sich in der väterlichen Zement- und Steinfabrik und als Textilhändler, ehe er nach seiner Übersiedlung
    nach Langenthal zum Fabrikherrn aufstieg. Langenthal war das Zentrum der Textilherstellung und -veredelung. Die Fabrik, die er mit einem Partner aufgebaut hatte, verkaufte er später an die Gugelmann & Cie. 1893 erfolgte die Gründung der Kohlensäurefabrik Bern AG, die zuerst in einer alten Kupferschmiede im Marziliquartier domiziliert war. 1896 wurde auch in Zürich ein Werk gegründet und 1908 im Liebefeld eine neue Fabrik eröffnet. Das Sortiment für Gewerbe und Industrie wurde schrittweise erweitert auf Sauerstoff, Stickstoff, komprimierte Luft, Trockeneis und weitere Produkte, die für den Fortschritt der Technik standen. Brauereien und das Gastgewerbe gehörten zu den wichtigsten Abnehmern der Kohlensäure.
    Das Ende des 19. Jahrhunderts war für den Kanton Bern eine Zeit, in der die Modernisierung Fahrt aufnahm. Der Agrarkanton machte Boden gut. Als 1895 in Wynau das Flusskraftwerk gebaut wurde, war er mit von der Partie und wurde Vizepräsident. «Er repräsentierte die Langenthaler Wirtschaft und Öffentlichkeit und damit die künftigen Hauptabnehmer des Wynauer Stroms», schreibt Thut.

    Geburtshelfer der BKW

    Als die Verantwortlichen des Kraftwerks Hagneck an der Mündung der Aare in den Bielersee eine Expansion ins Auge fassten, schlug Bangerters Stunde. Er gehörte der Kommission an, die abklärte, ob ein Zusammenschluss mit dem Elektrizitätswerk in Spiez sinnvoll wäre. Als Bankrat der Berner Kantonalbank verfügte er zudem über Kontakte zu Geldgebern. 1903 wurde die Fusion vollzogen, und Bangerter bekleidete in den ersten Jahren das Präsidium der neuen Aktiengesellschaft. Der Strom ermöglichte unter anderem die Elektrifizierung der Eisenbahnen im Kanton Bern. Bangerter glaubte aber auch, dass der Strom ein Fortschritt für die kleineren Gewerbetreibenden und Handwerker sein würde.
    1906 übernahmen der Kanton Bern und die Kantonalbank das Aktienkapital, und die Kander und Hagneck-Werke mutierten zu den Bernischen Kraftwerken BKW. Bangerter war nicht nur
    Pionier, sondern auch «Geburtshelfer» des staatlichen Stromkonzerns. Bangerter häufte in dieser für den Kanton Bern stürmischen Zeit zahlreiche Mandate an. Er schien fast rastlos oder ständig unter Strom. Auch war der Umgang mit den Angestellten zum Teil barsch, die Rede ist von einer «etwas autoritären Art».
    Bei seinen Engagements stechen weiter die Papierfabrik Utzenstorf und die Kindermehlfabrik in Belp, Vorgängerin der Galactina, ins Auge. Im Falle der Papierfabrik war harte Aufbauarbeit zu leisten, denn der Einstieg erfolgte, nachdem über die Fabrik 1902 der Konkurs verhängt worden war. Der Aufbau verlief nicht ohne Mühen und Rückschläge, eine konstante Stromversorgung und der Anschluss an die Eisenbahn waren hilfreich. Die Kindermehlfabrik befand sich auf der Suche nach solventen und einflussreichen Investoren, als Bangerter einstieg, um während gut zwei Jahrzehnten den Kurs zu bestimmen. Die Fertignahrung mit Milch als Hauptbestandteil versprach gesunde Kinder und glückliche Mütter. Zusätzlich erwarb die Firma die Lizenz für das Kräftigungsmittel Biomalz.

    Wenig Einfluss als Politiker

    Schon früh stieg Bangerter auch in die Politik ein, so war er zuerst Gemeinderat in Langenthal, dann Mitglied im Grossen Rat des Kantons Bern und später, von 1890 bis 1902, auch Nationalrat. Er gehörte der Fraktion der Radikal- Demokraten an. Seit 1899 lebte er mit seiner Familie in Bern. Allerdings erzielte «der Schnelldenker», der immer nur die Richtung «vorwärts» kannte, in der Politik die geringere Wirkung als in der Wirtschaft. Er unterstützte und befürwortete ein starkes staatliches Engagement in wichtigen Sektoren der Wirtschaft wie Banken, Bahnen und Kraftwerken. Eigene Vorstösse reichte Bangerter während seiner zwölf Jahre im Nationalrat allerdings keine ein. In einem Nachruf in der «Neuen Berner Zeitung» hiess es, mit Bezug auf die Politik: «Aber dort war eben sein Herz nicht ganz dabei.»

    Ein «gewiegter Kaufmann»

    Der Tod kam plötzlich Ende Juli 1923. Noch mit 76 Jahren war er geschäftlich voll aktiv. In seinem Todesjahr beteiligte er sich an der Gründung einer Fabrik, die den Vertrieb von Maschinen zum Zweck hatte. Persönlich muss er ein zurückhaltender Mensch gewesen sein, existieren von ihm doch keine schriftlichen Zeugnisse und auch kaum Bilder – Umstände, die den Blickwinkel der Biografie weitgehend auf die Stationen seines wirtschaftlichen Wirkens beschränken. Immerhin schätzte ihn die «Neue Berner Zeitung» als «gewiegten Kaufmann von geradezu beispiellosem wirtschaftlichem Scharfblick und grosser Voraussicht» und einen der «allerbedeutendsten Volkswirtschafter» ein. Betont wurde auch sein Einsatz und seine Zähigkeit, die es ihm erlaubten, Widerstände zu überwinden.

    Seite_19_Der_Bund_2019-11-12

  • Das Wirken von Gottfried Bangerter lebt weiter
    08.11.2019, Der Unter-Emmentaler, über
    Band 115, Gottfried Bangerter. Die Energie der Berner Industrialisierung, von Liselotte Jost-Zürcher

    Das Wirken von Gottfried Bangerter lebt weiter

    Das Wirken von Gottfried Bangerter lebt weiter

    Mit dem Buch «Gottfried Bangerter – Die Energie der Berner Industrialisierung» hat der Autor und Historiker Walter Thut eine Lücke in der Wirtschaftsgeschichte des Oberaargaus insbesondere, aber auch des Kantons Bern und der Schweiz geschlossen. Das Buch wurde vom Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich, in Auftrag gegeben. Dank den aufwändigen Recherchen von Walter Thut und grosszügigen Donatoren kam das umfassende Werk zustande. Die Vernissage fand am Mittwochabend im Barocksaal des «Bären» in Langenthal statt.
    «Das Buch schliesst eine Lücke in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz und speziell des Kantons Bern. Denn ohne diesen Pionier wäre die Industrialisierung Berns anders verlaufen. Seine kaufmännischen Fähigkeiten und seine strategische Denkweise wurden zum Erfolg für unzählige Firmen und die Wirtschaft einer ganzen Region.» Mit diesen Worten würdigte der Langenthaler Hans-Jürg Käser, alt Regierungsrat des Kantons Bern und alt Stadtpräsident von Langenthal, im Vorwort der Buchs «Gottfried Bangerter – Die Energie der Berner Industrialisierung» das Wirken des grossen Schaffers. Gottfried Bangerter, in Lyss aufgewachsen und später in Langenthal wohnhaft, besass einen ausgezeichneten Spürsinn für den technischen Fortschritt, aber als beliebter Firmensanierer ebenso für schlummernde Möglichkeiten verschiedenster Unternehmen. Sein hart verdientes Vermögen floss, wo immer Bangerter Potenzial erkannte, in verschiedenste Projekte und wurde dadurch eine wichtige Triebkraft der Berner Industrialisierung.

    Der Pionier und der Mensch Bangerter

    An der feierlichen Vernissage im schmucken Barocksaal des Langenthaler «Bären» vermittelte der Autor Walter Thut in Ergänzung zum Buch-inhalt auch einen Blick auf den «privaten» Gottfried Bangerter (1847–1923). In Lyss aufgewachsen und Sohn eines Mühlenbauers, besuchte Bangerter in Le Locle die Sekundarschule und absolvierte anschliessend eine kaufmännische Lehre in einer Textilfabrik in Basel. Als Tuchgrosshändler, später als Tuchfabrikant, zog er nach Langenthal. In dieser Zeit war er Mitinhaber der Tuchfabrik Stettler und Bangerter in Langenthal und der Zementwarenfabrik Bangerter in Lyss. Nach dem Verkauf der Tuchfabrik 1899 widmete er sich der Gründung neuer Unternehmungen im Kanton Bern (unter anderem die Kohlensäurewerk AG in Bern) und prägte so die Industrialisierung nachhaltig. Unter anderem präsidierte Gottfried Bangerter die Verwaltungsräte der Carba AG, Hallwag AG und Maschinen AG in Bern, der Galactina und Biomalz AG in Belp sowie der Papierfabrik Utzenstorf. Unauslöschliche Spuren legte er mit der Gründung des Flusskraftwerks Wynau und damit als grosser Förderer der Elektrizitätswirtschaft, unter anderem auch als Verwaltungsrat des Werks Wynau-Langenthal 1895–1903 und der Kander-Hagneck-Werke 1903–1906, deren Mitbegründer er ebenfalls war. Mit gleichem Engagement – wenn auch nicht immer mit dem gleichen Herzblut – stand er an der Politspitze, war von 1877–1882 radikaler Berner Grossrat, 1890–1902 FDP-Nationalrat.

    Nebenbei nahm er sich die Zeit, während 20 Jahren, bis 1890, engagiert wie bei allen seinen Tätigkeiten im Männerchor Langenthal mitzuwirken und auch dort schnell zu einer treibenden, zuverlässigen Kraft zu werden. «Es ist allerdings nicht erstaunlich, dass sich Gottfried Bangerter für das Singen Zeit genommen hat. Damals gehörte sich das so», stellte Walter Thut fest. Es war der Ort, wo Bangerter das Netzwerk pflegte, wo er gesellige Stunden mit vielen seiner Wegbegleiter verbrachte.

    Gottfried Bangerter war mit Katharina Julia Bangerter verheiratet. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor. Der grosse Pionier starb 1923 im Alter von 76 Jahren, «quasi am Schreibtisch», wie Walter Thut seinen Blick auf die Persönlichkeit Gottfried Bangerter schloss. Das Buch selbst porträtiert vor allem den Macher.

    Dass es zustande kam, ist vor allem dem Auftrag des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, Zürich, zu verdanken. Dazu mit der Hilfe der Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung (siehe Kasten), die dem Autoren Walter Thut die umfassenden Recherchen und Einblicke in wert-volle Dokumentationen ermöglichte. Grosszügige Donatoren, nämlich BKW Energie AG, Carba Holding AG, Carba Immobilien AG, Bonny Stiftung für die Freiheit, Carba Stiftung Hofgut Gümligen, Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung, Jubiläums-Stiftung der Papierfabrik Biberist, Berner Kantonalbank, Burgergemeinde Langenthal und Stadt Langenthal, gewährleisteten die Finanzierung des grossen Werks, das nebst der «Hauptperson» auch die pionierhafte Industrialisierung in und um Langenthal sowie das Wirken weiterer Zeitgenossen neu ins Bewusstsein rückt.

    Langenthal – ein Zentrum der Industrialisierung

    Die vielen Facetten des Buches und des Umfelds, aus welchem heraus es entstand, wurden an der Vernissage von kundigen Referenten beleuchtet. Unter ihnen auch vom alt Stadtpräsidenten Thomas Rufener aus Langenthal, der ein eindrückliches Bild der Industrialisierung der Oberaargauer Metropole vermittelte. Dies auch aus besonderer Nähe zu Gottfried Bangerter, der ein enger Weggefährte seines Urgrossvaters war.

    Dr. Philipp Hänggi, designierter Leiter Produktion BKW (ab Januar 2020) blickte auf eine entscheidende Wende in der Industrialisierung und der Elektrifizierung zurück, in welcher die BKW und damit auch Gottfried Bangerter als Pionier eine entscheidende Rolle spielten. «Die Elektrifizierung kann nicht hoch genug eingeordnet werden», begann er sein Referat, bevor er einen spannenden Einblick in die rund 150-jährige Geschichte des Lebensnervs «Strom» vermittelte.

    Die Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung wurde vom Präsidenten Stephan Vögelin vorgestellt. Durch den Abend führte kompetent der Geschäftsführer des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, Zürich, Clemens Fässler. Für eine eindrückliche Umrahmung des Programms im gutbesetzten «Bären»-Saal sorgten zwei junge, hochtalentierte Musikerinnen, die 22-jährige Geigerin und Komponistin Johanna Kulke und die Pianistin Brenda Maiorini. Ein üppiges Apéro riche sowie der Kauf der von Walter Thut frisch signierten Bücher beschlossen den schönen Abend.

    Gut zu wissen

    Informationen: Verein für wirtschaftshistorische Studien Zürich, Vogelsangstrasse 52, 8006 Zürich, Telefon 043 343 18 40, E-Mail: info@pioniere.ch. Das Buch «Gottfried Bangerter – Die Energie der Berner Industrialisierung» ist auch in Buchhandlungen und unter pioniere.ch erhältlich.

    Die Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung

    Die Gottfried und Julia Bangerter-Stiftung ist 1970 von Paul Bangerter im Andenken an seine Eltern Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner gegründet worden. Der kinderlose Paul Bangerter wollte im fortgeschrittenen Alter und unter dem Eindruck seiner eigenen Krankheit sein Vermögen für die medizinische Forschung und für soziale Hilfswerke zur Verfügung stellen. Die Bangerter-Stiftung gehört seit rund 25 Jahren zu den grösseren Vergabeinstitutionen der Schweiz und hat eine ganze Reihe von zukunftsweisenden Projekten massgeblich unterstützt. Die Stiftung bezweckt insbesondere die Unterstützung der medizinischen Forschung, von Einrichtungen und Bestrebungen des Gesundheitswesens und von steuerbefreiten sozialen Hilfswerken. Dies mit Fokus auf Zuwendungen an medizinische Projekte, wobei der Förderung und Unterstützung von grösseren und mehrheitlich universitären Projekten Priorität eingeräumt wird. Bedeutende Destinatäre der vergangenen Jahre sind unter vielen anderen CHUV – Centre hospitalier universitaire vaudois, Lausanne; ETH Zürich – Eidgenössische Technische Hochschule Zürich; – Inselspital Bern; IRB – Institut für biomedizinische Forschung, Bellinzona; Rock Your Life! Schweiz GmbH, Bern; Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut, Basel; Theodor Koch Institut, Bern; Universitäre Psychiatrische Dienste, Universität Bern; Universitäts-Kinderspital Zürich; Universitätsklinik Balgrist; Klinik für Neonatologie; Wohnwerk Basel und weitere. In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat die Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung auch mehrjährige Grossprojekte realisiert, unter anderem in den Bereichen Nachwuchs in klinischer Forschung, Palliativ Care und Versorgungsforschung. Nachwuchs-Forscher-Beiträge, Stipendien und Darlehen sind weitere Wirkungsgebiete (www.bangerter-stiftung.ch).

    https://unter-emmentaler.ch

  • Alfred Escher. Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer
    01.07.2019, Eisenbahn-Amateur, über
    Band 114, Alfred Escher. Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer, von Anton Heer

    Alfred Escher. Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer

    Alfred Escher. Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer

    Alfred Escher erblickte vor genau 200 Jahren das Licht der Welt. Seine bedeutende, ja dominierende Rolle in der schweizerischen Wirtschaft und Politik wird durch den vorliegenden Band der Pioniere-Reihe kompakt dargestellt. Escher ist aus dem schweizerischen Eisenbahnwesen kaum wegzudenken. Seine Rolle im Unternehmen Nordostbahn und für die Gotthardbahn sind gut bekannt. Das Denkmal vor dem Zürcher Hauptbahnhof erinnert daran. Dass Escher auch treibende Kraft für den Bodenseetrajet war, ist im Zusammenhang mit der Vision einer international orientierten Ost-West-Transversalen folgerichtig – aber wenig bewusst. Der herausragende Kenner der Biografie Eschers, Joseph Jung, hält eine lesenswerte und hervorragend abgestützte Sicht auf die Persönlichkeit Alfred Escher bereit.

  • Der Zar von Zürich
    15.05.2019, Tagblatt der Stadt Zürich, über
    Band 114, Alfred Escher. Visionär – Grossbürger – Wirtschaftsführer, von Isabella Seemann

    Der Zar von Zürich

    Der Zar von Zürich

    Joseph Jung: «Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer», Verlag Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 114, April 2019, 31 Franken.

    Hunderttausende gehen täglich achtlos an ihm vorbei, wissen wenig über Leben und Wirken des Zaren von Zürich, des Eisenbahn-Barons und des Helden des Liberalismus, dem das Denkmal beim Hauptbahnhof gewidmet ist. Dabei hat Alfred Escher die Entwicklung der Schweiz geprägt wie vor und nach ihm kein anderer. Als er vor 200 Jahren geboren wurde, war das Land ein Armenhaus. Immer wieder kam es zu Hungersnöten, Massen wanderten aus. Erst mit der Bundesverfassung von 1848 wendete sich das Blatt. Die Schweiz wurde zum progressiven Hort Europas und zu einem der wichtigsten Industriestaaten der Welt. Der liberale Zürcher Politiker und Wirtschaftspionier stellte im eigentlichen Wortsinn die Weichen für eine prosperierende Zukunft der Schweiz. Escher-Experte Joseph Jung hat bereits eine mehr als 1000-seitige Escher-Biografie geschrieben. Für die Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» des Vereins für wirtschaftshistorische Studien hat der Historiker nun Eschers faszinierende Lebensgeschichte kompakt in einem lesefreundlichen 130-seitigen Band aufbereitet. In den vier Kapiteln des übersichtlichen Buches erklärt Jung konzise und verständlich Eschers kometenhaften Aufstieg in politische Spitzenpositionen, sein epochales Lebenswerk sowie sein tragisches Ende. Viele historische Aufnahmen, Zeichnungen, Karten, Pläne und Infokästen lockern den Text auf. Dabei trägt Jung nicht einfach Informationen zusammen, sondern vermittelt auf virtuose Weise die komplexen historischen Abläufe und vielfältigen Zusammenhänge.

    Das Buch ist erhältlich auf: www.pioniere.ch

    Seite_32_Zürcher_Tagblatt_2019-05-15

  • Es gibt eine Schweiz vor und nach Alfred Escher
    02.05.2019, Schaffhauser Nachrichten, über
    Band 114, Alfred Escher. Visionär – Grossbürger – Wirtschaftsführer, von Karl Hotz

    Es gibt eine Schweiz vor und nach Alfred Escher

    Es gibt eine Schweiz vor und nach Alfred Escher

    2019 jährt sich der Geburtstag des Zürcher Eisenbahnpioniers Alfred Escher zum 200. Mal. Einer seiner profundesten Kenner ist der in Ramsen geborene Joseph Jung. Er hat nun ein kompaktes Bändchen über den Aufstieg und Fall des Ausnahmepolitikers geschrieben.

    Ein Zürcher Regierungsrat, der nebenbei eine Privatbahn und eine Bank gründet? Ein Nationalrat, der buchstäblich in einer Nacht ein Gesetz (über die ETH) komplett umschreibt, das schon am anderen Tag vom Ständerat beraten wird? Das tönt ziemlich fantastisch. Doch alle diese Vorgänge zeigen ein Bild jener Jahre nach 1848, in denen die moderne Schweiz sich entwickelte wie nie danach. Der neue Bundesstaat, noch ohne Volksabstimmungen, eröffnete Möglichkeiten wie später nie mehr. Einer, der diese Möglichkeiten ausschöpfte wie kein Zweiter, war Alfred Escher, 34 Jahre Nationalrat, 38 Jahre Zürcher Kantonsrat, Gründer der Nordostbahn, der Schweizerischen Kreditanstalt, Schöpfer des Gotthardtunnels und und und… Über Escher, dessen Geburtstag sich 2019 zum 200. Mal jährt, wurde schon entsprechend viel geschrieben. Der in Ramsen geborene Joseph Jung, der wohl beste Kenner Alfred Eschers, hat jetzt ein schmales Bändchen verfasst, das in kompakter Form die wesentlichen Stationen vom Aufstieg und Fall Eschers zusammenfasst: Bestens geeignet für alle, die sich ein erstes Bild des Mannes verschaffen wollen, von dem Jung sagt, es gebe eine Schweiz vor Escher und eine nach Escher.

    Was vielleicht etwas grossspurig tönt, ist nicht übertrieben. Knapp 130 Seiten reichen nämlich fast gar nicht aus, dieses Leben adäquat wiederzugeben. Escher war, wie man heute sagen würde, ein Netzwerker, der viele für seine Ideen begeistern und mitreissen konnte. Es blieb aber nicht bei Ideen, denn Escher war ein Mann der Tat. Er nutzte mit seinen breit gefächerten Aktivitäten die ersten zwei Jahrzehnte des jungen Bundesstaates, der mit einer repräsentativen Demokratie und geprägt von Enthusiasmus für Neues, vieles schuf, was den Aufstieg der Schweiz zu einer wichtigen Wirtschaftsnation und den Aufstieg Zürichs zu deren Wirtschaftsmetropole ermöglichte.

    Wende zur tragischen Figur

    Auf dem gedrängten Raum fast etwas zu kurz kommen die Umstände, die dazu führten, dass Escher zum Schluss zu einer tragischen Figur wurde. Sein Tempo und seine Willenskraft wurden rasch vielen unheimlich. Die Umwälzungen im Kanton Zürich und in der Folge in der Schweiz mit der Mitbestimmung des Volkes in vielen Formen waren auch eine Reaktion auf den raschen Aus- und Umbau der jungen Schweiz durch Escher und seine Mitstreiter. Escher wurde so unfreiwillig auch zu einer Ursache für die Mitbestimmungsrechte des Volkes. Der Fall Eschers kulminierte in der Absetzung, um nicht zu sagen schnöden Ausbootung Eschers als Präsident der mit finanziellen Problemen kämpfenden Gotthardbahn. Wer mehr über eine der faszinierendsten Gestalten der Schweizer Geschichte und die ersten Jahre des jungen Bundesstaates wissen möchte, ist mit dem neuen Werk gut bedient.

    Alfred Eschers Verbindungen nach Schaffhausen

    Ein Beispiel dafür, wie rasch Alfred Escher handelte, ist die Übernahme der damals im Bau stehenden Rheinfallbahn Winterthur–Schaffhausen. Am 31. Mai 1857 erfuhr er, dass die Direktion der konkurrierenden St. Gallisch-Appenzellischen Bahn am 7. Juni in Schaffhausen Übernahmegespräche führen wolle. Schon am 3. Juni brachte Escher eine Offerte seiner Nordostbahn nach Schaffhausen, die schon am folgenden Tag durch die Direktion seiner Bank ratifiziert wurde!

    Eine wichtige Rolle spielte dabei Friedrich Peyer im Hof, der schon 1843 für einen Schaffhauser Bahnanschluss geworben hatte. Er wurde ein Vertrauter Eschers, zeitweilig Verwaltungsratspräsident der Nordostbahn und wichtiger Kontaktmann bei der Mittelbeschaffung in Deutschland für den Bau des Gotthardtunnels. Dass er bei der Ausbootung Eschers bei der Gotthardbahn nicht gerade eine rühmliche Rolle spielte (vgl. Haupttext), ist ein anderes Thema.

    Eine kaum zu überschätzende Rolle für Escher spielte sein Sekretär und Vertrauter Georg Stoll aus Osterfingen, der unverbrüchlich zu Escher hielt und als einer der wenigen Vertrauten zu Escher vorgelassen wurde, als dieser auf dem Sterbebett lag.

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  • Titan Escher
    02.05.2019, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 114, Alfred Escher. Visionär – Grossbürger – Wirtschaftsführer, von Marc Tribelhorn

    Titan Escher

    Joseph Jung über den Zürcher Politiker und Unternehmer

    Ohne ihn ist der Aufstieg der Schweiz von einem Entwicklungsland zu einem modernen Staat nicht zu verstehen: Alfred Escher. Der liberale Zürcher Politiker und Wirtschaftsmagnat stellte nach 1848 buchstäblich die Weichen für eine prosperierende Zukunft der Eidgenossenschaft. Im letzten Februar wurde diese 1819 geborene Jahrhundertfigur ausgiebig gewürdigt. Nun hat der Verein für wirtschaftshistorische Studien eine ebenso kurzweilige wie kompetente Biografie Eschers herausgegeben, die sich an ein breites Publikum richtet. Sie ersetzt einen früheren Band aus der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» über den «Zaren von Zürich» aus dem Jahr 1956, der vergriffen und inhaltlich längst überholt war.

    Das schmale Buch verfasst hat der Historiker Joseph Jung, der sich mit seinen grossen Forschungsprojekten zu Escher einen Namen gemacht und massgeblich zum Revival dieser für die Schweizer Geschichte eminenten Persönlichkeit beigetragen hat. Mit ihren rund 120 Seiten füllt die Publikation gleichsam die Lücke zwischen Jungs wissenschaftlichen Standardwerken und Beiträgen, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. Erzählt wird die Heldengeschichte eines hochbegabten «Chrampfers», der unbeirrbar zur Macht drängte und wie kein Zweiter die Parlamente seines Kantons und des Bundes beherrschte, wegweisende Unternehmungen gründete, ein Eisenbahnnetz schuf und den Bau des Gotthardtunnels verantwortete; dessen Leben aber tragisch endete. Der Autor Jung zeigt, wie die Schweiz damals zum Laboratorium des Fortschritts wurde: «Nie war mehr Aufbruch als in Eschers Jahren.» Etwas wenig Erwähnung findet indes die zeitgenössische Kritik an dem mitunter selbstherrlichen Agieren des «Prinzeps», die schliesslich zum Sturz des «Systems Escher» führte.

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  • Keiner war mächtiger als dieser Zürcher
    25.04.2019, Lokalinfo, über
    Band 114, Alfred Escher. Visionär – Grossbürger – Wirtschaftsführer, von Pascal Wiederkehr

    Keiner war mächtiger als dieser Zürcher

    Alfred Escher brachte die Schweiz in die Moderne: Seine Kritiker hassten ihn und wünschten ihm den Tod. Bis zuletzt arbeitete der ungekrönte König der Schweiz an seinen Visionen.

    Die Nordostbahn stürzte 1876 in die Krise. Bei der Gotthardbahn kamen die Kostenüberschreitungen ans Licht. Alfred Escher wurde auf die Probe gestellt. Der Eisenbahnpionier bewältigte beide Krisen – sein Ruf blieb aber nachhaltig beschädigt. Escher war zeitlebens ein Mythos, wurde von den einen verehrt und den anderen verachtet. Sinnbild dafür ist der Gotthard- Durchstich im Jahr 1880. Der 15 Kilometer lange Bahntunnel gilt als Wunderwerk – und dank Escher wurde er überhaupt Wirklichkeit. «Escher, zum Sündenbock des Gotthardprojekts gestempelt, erntete noch weiteren Undank», schreibt dazu Joseph Jung in seinem neuen Buch «Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer». Escher wurde zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen. Kein Redner erinnerte an ihn. Zwei Jahre später, bei der Eröffnung des Tunnels im Jahr 1882, konnte er dann nicht mehr teilnehmen. Escher war todkrank.

    Zum Feindbild entwickelt

    Die neue Biografie ist ein kompaktes Werk mit 128 Seiten und vielen Abbildungen. Sie zeichnet den Aufstieg und den Fall von Zürichs grösster Persönlichkeit nach. Escher, der von 1819 bis 1882 lebte, war Eisenbahnpionier, Unternehmer, Politiker und Visionär. Er gehörte unter anderem während 34 Jahren dem Nationalrat an. 38 Jahre sass er im Kantonsrat, 7 Jahre war er Regierungsrat. «Kein anderer Schweizer Politiker hat einen solchen Palmarès vorzuweisen», schreibt der Historiker Jung. Eschers Ämterkumulation führte schon zu seinen Lebzeiten zu Kritik. Wegen seiner Machtfülle wurde der reiche Grossbürger Alfred Escher als «König Alfred I.» und republikanischer Diktator betitelt. So entwickelte sich der Zürcher zum Feindbild der Demokraten, der damaligen politischen Gegenbewegung zur radikalliberalen Partei. «Heute ist es gar nicht mehr möglich, dass jemand zeitgleich Regierungsrat und Kantonsrat ist», sagte Biograf Jung kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung. Wer heute von Visionären spricht, denkt an Menschen wie Elon Musk oder Steve Jobs. Doch ein Vergleich zu ziehen, ist schwierig. Alfred Escher verfügte mit seinem Vermögen, seinen politischen Ämtern und seinen Unternehmen über einen Einfluss, der im 21. Jahrhundert kaum mehr möglich ist. Die ETH, die Credit Suisse, die Swiss Life und die Gotthardbahn gehören zu seinem Werk. Escher gilt als wichtiger Motor der modernen Schweiz nach der Bundesstaatsgründung 1848.

    Escher war ein Workaholic

    «Politische Helden sind in der Schweiz verpönt», bringt es Jung in seinem Buch auf den Punkt. Die Biografie zeigt auf, wie Alfred Escher in kurzer Zeit in Zürich und Bern eine beherrschende Stellung aufbaute und wie er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. «Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz keine andere Führungspersönlichkeit, die sich ein solches Pensum zugemutet und ein solches Programm absolviert hätte», so Jung. Dass diese Arbeitslast bisweilen ungesund war, verdeutlicht die Tatsache, dass sich Escher in seinem Direktionsbüro bei der Nordostbahn ein Bett aufstellen liess. Im Nationalrat in Bern blieb er im Saal sitzen, wenn die Debatten vorüber waren. Er bereitete Geschäfte der folgenden Tage vor, schrieb an Reden und las sich in Dossiers ein. «Und dann kam es vor, dass er einnickte, spätabends», schreibt Jung.

    Mit Kritik wird gespart

    «Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen», sagte der Autor Jung vor kurzem im Interview. Der Historiker beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Alfred Escher. Obwohl auch kritische Themen angesprochen werden – darunter die Plantage mit Sklaven, die Eschers Onkel auf Kuba besass – zeichnet Jung mehrheitlich das Bild eines grossen Staatsmanns und Wirtschaftsführers. Das Privatleben, darunter die Beziehung zu seiner erstgeborenen Tochter Lydia, der Tod seines Vaters, seiner Frau und seiner zweitgeborenen Tochter Hedwig werden nur gestreift. Dies ist allerdings auch der Kompaktheit der interessanten Biografie geschuldet. Alfred Escher, der im Landsitz Belvoir in der damals eigenständigen Gemeinde Enge lebte, starb am 6. Dezember 1882. Der Zürcher, der schon in den Jahren zuvor immer wieder von Krankheiten heimgesucht worden war, konnte nie selbst durch den Gotthard fahren. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Manegg. Sein Denkmal steht prominent auf dem Bahnhofplatz in Zürich.

    Seite_20_Lokalinfo_2019-04-25

  • "Hier herrscht Fleiss und guter Wille"
    05.02.2019, Der Bund, über
    Band 113, Fritz Ryff. Der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen, von Simon Wälti

    "Hier herrscht Fleiss und guter Wille"

    In den besten Jahren beschäftigte die Strickereifabrik Ryff in Bern über 400 Arbeiterinnen. Das Markenzeichen war ein weisser Schwan. Nun lässt eine Neuerscheinung die Karriere des «liberalen Patrons» Fritz Ryff Revue passieren.

    Als die Arbeiterinnen der Strickfabrik im Marzili in Bern im Juni 1917 nicht mehr spulen, stricken und nähen wollten, weilte der Patron, Fritz Ryff, in Afrika. Während seiner mehrere Jahre dauernden Abwesenheit führte Schwester Martha die Geschäfte des Unternehmens, das sich auch als «Swan Brand Knitting Works Switzerland» bezeichnete. Der Schwan war das unverkennbare Markenzeichen, es prangt noch heute am Gebädekomplex an der Sandrainstrasse. Martha Ryff war eine resolute Person, die für die Lage der Arbeiterinnen, die durch Teuerung und Nahrungsmangel während des Ersten Weltkriegs sehr angespannt war, nur ein beschränktes Verständnis aufbrachte. So entliess sie etwa vordem Streik zwei in der Gewerkschaft tätige Arbeiterinnen. Im «Textil-Arbeiter» hiess es, Martha Ryff sei unter dem Namen«Giftkröte» bekannt. Die Familie Ryff sei sehr reich geworden, meinte die «Berner Tagwacht» ihrerseits: «Und die armen Arbeiterinnen, die ihr den Reichtum erschunden, leben in Not und Sorgen.» Rund 280 Arbeiterinnen legten im Juni 1917 die Arbeit nieder. Nach zäen Verhandlungen gewärte die Firma schliesslich eine Teuerungszulage von zehn Prozent. Der Textilarbeiterverband frohlockte: «Die für ihre Brutalittä bekannte Firma wurde zum Rückzug gezwungen.»

    «Nach allen Seiten tadellos»

    Trotz der drastischen Worte: Die Firma, die in den besten Jahren mehr als 400 Arbeiterinnen und Dutzende von Heimarbeiterinnen beschäftigte, war kein «Sweatshop», in dem die Frauen rechtlos als Arbeitssklavinnen gehalten wurden. Im neusten Band in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» wird die Geschichte der Strickereifabrik, welche Unterwäsche für Damen, Herren und Kinder herstellte, aufgerollt. Fritz Ryff (1857–925) habe zur «Generation der paternalistischen Fabrikbesitzer» gehört, schreibt Historikerin Franziska Rogger. Die Fabrikinspektoren bezeichneten die Einrichtungen sogar als «nach allen Seiten tadellos». So sorgte Ryff etwa für Kranken- und Sparkasse, ärztliche Betreuung und hygienische Wannenbäder. Es gab eine Wandelhalle, eine Bibliothek und einen grossen Speisesaal, in dem ein Mittagessen mit Suppe, Fleisch, Gemüse, Brot, Tee oder Kaffee für 40 Rappen abgegeben wurde. Der Stundenlohn einer Arbeiterin betrug damals gut 30 Rappen. In der Kantine der Spinnerei Felsenau wurde mit 80 Rappen das Doppelte verlangt. Der Prinzipal Fritz Ryff, der für seine Ordnungsliebe bekannt war, speiste mehrmals pro Woche mit den Angestellten. Es habe «gut gemundet», hielt ein Fabrikinspektor 1915 fest. Auch während des Kriegs wurden trotz der Inflation die Preise nicht angehoben. In Vitrinen waren zahlreiche Souvenirs aus Afrika zu bewundern. Die erfolgreichsten Jahre hatte die Firma, die sich auf den Export ihrer «feinen» und «soliden» Produkte nach Grossbritannien und in die USA konzentrierte, vor dem Ersten Weltkrieg. «Die ryffschen Unterhemden waren anschmiegsam, ohne einen Köperteil plattzudrüken», heisst es im Buch. «Sie waren gesunde, saubere und unspektakuläre Longseller.» Die Strickwarenfabrik war 1890 neu erstellt worden. Sie florierte in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg. Der ganze Kanton Bern erfuhr damals in der Belle Epoque einen Modernisierungsschub. Die Elektrizitä aus Wasserkraft und der Bau der Eisenbahnen beföderten die Industrialisierung. Auch der Tourismus erlebte eine Blüte. Als wirtschaftlicher Pionier stand Ryff nicht alleine: Stark entwickelte sich etwa auch die Nahrungsmittelindustrie mit der Firma Wander, der Schokoladenfabrik Tobler und der «Berneralpen Milchgesellschaft» in Konolfingen.

    Fritz Ryff wurde in Sonceboz geboren, er hatte zwöf Geschwister. Sein Vater handelte mit Kolonialwaren, seine Mutter engagierte sich für die Frauenrechte. Durch eine mehrsprachige Ausbildung wurde er auf eine internationale Karriere vorbereitet. Schon früh ging Fritz Ryff ins Ausland, seine erste Anstellung fand er in Marseille in einem Geschät, das Handel in Afrika trieb. Ryff selber hielt sich zahlreiche Jahre auf dem Kontinent auf, so wie auch andere Familienmitglieder. Bruder Hans Otto betrieb eine Handelsgesellschaft in Sierra Leone. Eine Schwester war Missionarin, eine andere Reiseschriftstellerin. In Nigeria verband sich Fritz Ryff mit einer Einheimischen, mit der er 1883 einen Sohn bekam. Die Mutter, seine «amie néresse», starb wenige Jahre späer.

    Ehe blieb kinderlos

    Warum hielt sich Ryff während des Ersten Weltkriegs gut drei Jahre in Afrika auf, in einer Zeit, da die Autorität des Firmenchefs in Bern sehr nötig gewesen wäre? Die wohl wahrscheinlichste Antwort: Er wollte für seinen Sohn Frank ein Geschäft aufbauen. Vielleicht spielte er auch mit dem Gedanken, diesen als Nachfolger heranzuziehen, denn seine Ehe in der Schweiz mit Rose Garraux war kinderlos geblieben. Ryff hatte für seinen Sohn, den er allerdings nie förmlich anerkannte, auch eine Frau gefunden: Es war die jüngere Schwester seiner eigenen Gattin. Erst 1919, als es in der Firma zu neuen Arbeitskämpfen kam, fasste Fritz Ryff den Entschluss zurückzukehren. Er sei verstört und finde keine Ruhe mehr, bis er wieder in Bern sei, schrieb er. Zurück in der Bundesstadt, nahm der passionierte Reiter die Zügel in die Hand: Einerseits sorgte er für seine Arbeiterinnen und nahm die Tradition der Firmenausflüge wieder auf, andererseits schenkte er dem Bundesgesetz, das neu eine maximale Arbeitszeit von 48 Stunden festlegte, wenig Beachtung. 1921 erhielt er deswegen eine Busse von 50 Franken. Er gehörte zwar keiner Partei an, engagierte sich aber im Vorstand des Handels- und Industrievereins. Gegen staatliche Auflagen wehrte er sich aus Prinzip: Er wollte in seinem Betrieb nach eigenem Gutdünken schalten und walten. «Hier herrscht Fleiss und guter Wille», liess er in seiner Fabrik anschlagen. 1925 starb der Patron nach einer schweren Krankheit. Eine Nichte schrieb über ihren Onkel, dieser sei «eine seltsame Mischung aus grossem Ernst, Rohheit und Grosszügigkeit» gewesen, «durchaus ein bisschen verrückt». Der «Bund» sah ihn als Vorbild und als Mann «von vielseitigen Interessen». «Der Tod des Herrn Ryff macht es von neuem fühlbar, dass die Industrie geistige Potenzen hat, die auch im öffentlichen Leben besser zur Geltung kommen sollten.» So liesse sich ein «gröserer und frischerer Zug in Gemeinde und Staat fördern, schrieb der «Bund» im Nachruf.

    Ryffs Pläne, einen schwungvollen Handel mit Produkten aus Nigeria aufzubauen, hatten sich schon vor seinem Tod zerschlagen. Auch der Geschäftsgang seiner Berner Firma gestaltete sich zusehends schleppend. Nicht zuletzt wegen der hohen Zölle in den USA und in England musste die Ware vermehrt im Inland abgesetzt werden. 1933 zog sich die Familie Ryff ganz zurük. Noch gut zwei Jahrzehnte hielt sich die Firma üer Wasser, zum Beispiel mit Lingerie («Swanettes») und Badeanzügen. Mitte der 1950er- Jahre war endgütig Schluss. Autorin Franziska Rogger schreibt, der «Schwanengesang» habe «quälend lange» gedauert.

    Wattepanzer fürs Museum

    Die Firmengebäude gingen 1956 an die Stadt Bern über. Auf einer Hinweistafel wird der Fabrikant als «sozial fortschrittlicher Patron» bezeichnet. Die Stadt trug sich zeitweilig gar mit der Absicht, in der Ryff-Fabrik ein Hallenbad als Ergäzung zum Marzilibad einzurichten. Die Gebäude werden heute als Gewerbepark mit Ateliers genutzt. 2012 zog auch die Kinemathek Lichtspiel mit ihren Sammlungen ein. Ryff ist heute noch präsent durch seine in Westafrika gesammelten Gegenstände, die sich im Bernischen Historischen Museum befinden. Für seine Reisen hatte er auch eine Wunschliste des Museums erhalten. Den Leiter der vökerkundlichen Sammlung verlangte es nach einer Wattepanzer-Rüstung. Basel hatte auch schon eine solche Rarität. Ryff erfülte den Wunsch und brachte die Rütung eines Gardereiters des Sultans von Bornu aus dem Norden Nigerias mit.

     

    Seite_19_Der_Bund_2019-02-05

  • Ode an den exotischen Industriepionier
    04.02.2019, Berner Zeitung, über
    Band 113, Fritz Ryff. Der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen, von Jürg Steiner

    Ode an den exotischen Industriepionier

    Der Strickerei-Industrielle Fritz Ryff, eine Saftwurzel, hinterliess im Marzili das Industriegebäude, in dem sich heute die Kinemathek Lichtspiel befindet. Franziska Rogger hat sein turbulentes Leben aufgearbeitet.

    Ein wenig tönt es, als käme Franziska Rogger (69) gerade von einem Kaffee mit Fritz Ryff im Restaurant der Dampfzentrale – so nahe ist ihr der imposante, aber in Vergessenheit geratene Berner Industriepionier in den letzten Jahren gekommen. Die renommierte Historikerin Rogger, bis 2010 Archivarin der Universität Bern und Autorin mehrerer Bücher zur Schweizer Frauengeschichte, steht auf einer kunstvoll verzierten Aussentreppe des markanten Backsteinhauses an der Sandrainstrasse, das heute unter anderem das Lichtspiel beherbergt. Das war Ryffs Reich, ein brummender Textilproduktionsbetrieb im Fieber der Industrialisierung vor gut 120 Jahren, der architektonisch herausstach. Das Fabrikgebäude der Ryff & Cie. sei «kein Vergleich zu den eintönigen Betonklözen der Profitmaximierer», schwärmt Rogger. Und erst wie er die Umgebung zwischen Fabrikgebäde und Aare herrichtete: «Keine Autos, keine Parkpläze wie heute, sondern ein toller Kurpark, der Seitenarm der Aare offen, am Wasser zahlreiche Bänklein.» Es ist, als stünde Franziska Rogger in Ryffs kleinem Naturbijou in der pulsierenden Industrielandschaft Marzili , wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Franziska Rogger, die mit dem Wirtschaftspublizisten Beat Kappeler verheiratet ist, atmet tief durch: «Ich denke, dass ihm das Schöne nützlich schien, weil es die Stimmung hob.»

    Abenteuerlustiger Pedant

    Franziska Rogger hat Fritz Ryff, der 1925 starb, natürlich nie getroffen. Aber sich so intensiv mit ihm beschäftigt, dass er als pralle, nicht zu bremsende, exotische Berner Unternehmerfigur in ihrem Buch aufersteht. Als Fritz Ryff mit seiner fast ausschliesslich weiblichen Belegschaft 1890 die neu gebaute Industriestrickerei im Marzili bezog, war die Dampfzentrale kein Ort für Kulturveranstaltungen, sondern ein nahe gelegener Energielieferant.

    Der verhaltene Agrarkanton

    Bern machte sich plötzlich entschlossen auf ins Industriezeitalter – für ein 30 Jahre dauerndes Zeitfenster unbernischer Dynamik, in dem auch burgerlich dominierte Finanzinstitute in neue Branchen zu investieren begannen. Und in dem bis heute funktionierende Berner Marken wie die BLS, das Jungfraujoch, Ovomaltine und Toblerone geschaffen wurden. Ryff sei ein typischer Vertreter dieser Aufbruchperiode gewesen, sagt Rogger, zumal er als Textilunternehmer in einer Leitindustrie tätig gewesen sei. Fasziniert hat die Historikerin aber in erster Linie seine Persönlichkeit, eine «verrückte Kombination von Charakterzügen», wie sie sagt. Ryff, ein respektabler Schnauz im Gesicht, war ein ordnungsversessener, gegenüber Staat und Gewerkschaften fast militant kritischer Patron, mit allerdings intaktem sozialem Gewissen und ungewöhnlicher Abenteuerlust. «Er war schon damals», sagt Rogger, «was man heute gerne für sich reklamiert: globalisiert und weltoffen.»

    Renitent und gutherzig

    «Hier herrscht Fleiss und guter Wille», dieser Satz stand für alle sichtbar an einer Innenwand der Fabrik, deren Arbeiterinnen unter dem englischen Label «Swan Knitting Works» mit einem kleinen Schwan gekennzeichnete Wäsche herstellten. Als der Staat die im Vergleich zu heute horrenden Wochenarbeitszeiten zu reglementieren begann, übte sich Ryff in Verweigerung und nahm Bussen in Kauf. Er glaubte, dass eine Arbeitszeitreduktion das Überleben seines exportorientierten Unternehmens gefährde, das ihm, so Rogger, am Herzen lag wie seine Familie. Obschon Ryff Gewerkschaften und Staat verteufelte, integrierte er auch Taubstumme in seinem Betrieb. Für die Arbeiterinnen,die er einerseits zu überlangen Arbeitstagen nötigte, richtete er anderseits zu einer Zeit, als man weder einen Sozialstaat noch fliessendes Wasser im Haus kannte, Kranken- und Pensionskassen ein. Ryff bot medizinische Versorgung und hygienische Wannenbäder an und verbilligte das Essen. Dreimal in der Woche verpflegte er sich selber mit seinen 400 Arbeiterinnen im Speisesaal der Fabrik.

    Ambitionierter Globalisierer

    Nichts ging Ryff über seine Firma. Trotzdem brach er wiederholt auf zu ausgedehnten, mitunter mehrjährigen Reisen nach Afrika. Aus den historischen Quellen könne man nicht mit Sicherheit auf seine Motivation schliessen, sagt Franziska Rogger. Sicher ist aber, dass Ryff in Nigeria einen Sohn hatte, der später die Schwägerin des Seniors heiratete. Man weiss auch, dass Ryff mit seinem Bruder in einer Art frühem Globalisierungsdrang in Westafrika eine Exportgesellschaft aufbaute. Er war aber auch ethnologisch interessiert und schaffte unzählige Exponate nach Bern, die heute laut Rogger im Keller des Historischen Museums lagern. Als Fritz Ryff 1925 mit 68 Jahren nach monatelanger Krankheit starb, war er eigentlich noch lange nicht fertig. Das Afrika-Geschäft, das nie richtig ins Fliegen kam, vor allem aber die Wäschefabrik zu Hause hätte angesichts des wachsenden Konkurrenzdrucks wohl die Innovationskraft des Gründers gebraucht. Ohne ihn verschwand der Swan-Brand nach 30 qualvollen Jahren 1959 vom Markt. Kurz zuvor hatte die Stadt Bern in einem letzten Rettungsversuch das Areal gekauft, das ihr bis heute gehört. Für Franziska Rogger ist Fritz Ryff hingegen erst der Anfang. Sie arbeitet an einem Buch über dessen Mutter Julie Ryff-Kromer, einer Pionierin der schweizerischen Frauenbewegung. Julie Ryff, verspricht Rogger, sei als Figur noch viel bedeutender gewesen als Sohn Fritz. Das will etwas heissen.

    Seite_5_Stadt__Region_Bern_2019-02-04

  • Der "Türken-Müller" im Orient
    03.07.2018, Tagblatt der Stadt Zürich, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Isabelle Seemann

    Der "Türken-Müller" im Orient

    Der «Türken-Müller» im Orient

    Der Hype um die Eisenbahn ist auf seinem Höhepunkt, der Gotthard- Durchstich Thema Nummer eins. Angesteckt von der Euphorie, macht Jakob Müller, der älteste Sohn von «Metzger Jöggel» aus dem luzernischen Rain, 1875 eine betriebliche Anlehre bei Alfred Eschers Nordostbahn. Mit zwanzig Jahren wird er als Fachkraft abgeworben in den Orient, doch muss er sich zuerst als Stationsvorsteher in Konstantinopel (heute Istanbul) die Sporen abverdienen. In rasantem Tempo steigt der Schweizer zu höchsten Ehren und Ämtern empor. Er wird zuerst Subdirektor und 1913 Direktor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen, die den legendären Orientexpress betreibt. Sein Gehalt ist fürstlich mit 32 000 Francs, und wenn die Familie in die Schweiz reist, wird ein eigener Salonwagen an den Orientexpress gehängt. Zu Hause nennt man ihn den «Türken-Müller». Doch die Lösung der ihm gestellten Aufgaben erweist sich während der beiden Balkankriege und fortlaufenden Unruhen in der Türkei als sehr schwierig. Am laufenden Band gibt es Bombenattentate auf die Gleise. Brücken und Viadukte werden gesprengt.

    Der Erste Weltkrieg bricht aus.

    Dank seiner starken Persönlichkeit, seiner Neutralität als Schweizer und seines diplomatischen Geschicks findet Müller immer Wege und Mittel, um die Orientbahn am Laufen zu halten. Selbst wenn die Züge für Truppen- und Materialtransporte benutzt werden. Mit 60 Jahren tritt Müller von seinem Posten zurück. Im Laufe seiner 40-jährigen Karriere bedachten ihn sieben Regierungen mit insgesamt sechzehn Orden und Ehrenzeichen.

    Er zieht mit seiner Familie an den Zürichberg, in eine Villa an der Germaniastrasse 56. Doch kann er seinen Ruhestand nur noch fünf Jahre geniessen, bevor er an Lungenkrebs stirbt. Am 16. Oktober 1922 wird er auf dem Friedhof Nordheim beigesetzt.

    Rezension_Zürcher_Tagblatt

  • Mitglied des Monats Juli 2018 bei Switzerland Global Enterprise Merz+Benteli AG
    04.07.2018, Switzerland Global Enterprise, über
    Band 111, Merz & Benteli. Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht, von merz+benteli

    Mitglied des Monats Juli 2018 bei Switzerland Global Enterprise Merz+Benteli AG

    Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht

    Walter Merz und Albert Benteli gründeten 1918, noch während des Chemiestudiums, die gleichnamige Firma, um qualitativ hochwertige Leucht- und Klebstoffe herzustellen, die in der Uhrenindustrie verwendet wurden. Über viele Jahrzehnte war der vollsynthetische und wasserfeste Klebstoff Cementit in den meisten Schweizer Haushalten Teil des Alltags. Heute entwickelt, produziert und vermarktet merz+benteli technologisch führende elastische Kleb- und Dichtstoffe höchster Qualität.

    Lokal verankert, international erfolgreich

    Über 100 Mitarbeitende sind für merz+benteli am Standort in Niederwangen bei Bern tätig. Das Familienunternehmen fokussiert sich, als Nischen-Player in einem weltweit umkämpften B2B-Markt, auf die Lösung anspruchsvoller Kundenbedürfnisse. Mit ausgewählten Marktpartnern im In- und Ausland erzielt merz+benteli einen Jahresumsatz von rund CHF 50 Millionen (20% in der Schweiz, 80% im Export). Mit den Marken Gomastit für Bauanwendungen, Merbenit für Industrieapplikationen sowie Merbenature aus über 50 % nachwachsenden Rohmaterialien positioniert sich merz+benteli ag als eigenständiger und unabhängiger Spezialist für innovative Marktleistungen rund ums Dichten, Kleben und Schützen.

    Forschung sichert Zukunft

    «Heute spüren, was morgen gefragt ist, heute entwickeln, was sich viele Jahre bewähren muss: Qualität steht bei uns im Vordergrund. Dafür investieren und forschen wir», erläutert der Leiter Forschung + Entwicklung, Fritz Burkhardt. Der Dicht- und Klebbranche wird laut Studien eine vielversprechende Zukunft vorausgesagt, weil Kleben gegenüber konventionellen, mechanischen Fügetechniken Vorteile aufweist – insbesondere bei Verwendung von gewichtsreduzierenden Kunststoffen und Composites.

    Bekenntnis zum Standort Schweiz

    «Es gibt viele Gründe für den Erfolg von merz+benteli. Einer heisst „Swissness“. Die exklusive Entwicklung und Herstellung in der Schweiz garantiert konstante Produkteigenschaften, ständige Innovation und konsequent eingehaltene Umweltstandards. Wir möchten mit Dichten und Kleben weitere 100 Jahre erfolgreiche Schweizer Wirtschaftsgeschichte schreiben», so Dr. Georges Bindschedler, Delegierter des Verwaltungsrates.

    Rezension_Switzerland_Global_Enterprise

     

  • Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress
    14.06.2018, Zürich 2, Lokalinfo, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Pascal Wiederkehr

    Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

    Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

    Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Gotthard-Durchstich das Thema der Epoche. Der «Hype» der Eisenbahnen hatte auch Einfluss auf den jungen Jakob Müller aus dem luzernischen Rain. Kein Wunder also, trat er 1875 bei Alfred Eschers Nordostbahn ein – wohl für eine betriebliche Anlehre, wie es im neuen Buch «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» heisst. «Die Schweiz war ein bevorzugter Arbeitsmarkt für Ingenieure und Beamte des Eisenbahnwesens», schreibt Autor Karl Lüönd. Entsprechend konnte es auch passieren, dass die Fachkräfte vom Ausland abgeworben wurden. Jakob Müller verschlug es 1877, mit 20 Jahren, nach Konstantinopel. Dort nahm er eine Stelle als Stationsvorsteher an. Seit 1883 verkehrte der Orientexpress zwischen Paris und der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs und Müller arbeitete quasi an deren Endstation im Orient.

    Osmanisches Reich fiel zusammen

    Doch der Luzerner, der seinen Ruhestand am Zürichberg verbrachte, stieg rasch auf. Mit 42 Jahren wurde er Subdirektor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen – kurz Orientbahn. Eben dieser Bahngesellschaft, die den weltberühmten Orientexpress betrieb. Sein Jahresgehalt betrug 32 000 Francs, was für damalige Verhältnisse «ein fürstliches Auskommen» darstellte. Der Vizedirektor einer schweizerischen Grossbank habe maximal 20 000 Franken verdient. Das Einkommen ermöglichte Müller laut Lüönd einen komfortablen Lebensstil. Im Sommer lebte er mit seiner Familie in einer Villa am Bosporus, nahe der Orientbahn, «sodass der Vater zu Fuss zum Dienst gehen konnte». Im Winter wohnte man im Konstantinopler Ausländerviertel Pera in einer grossen Wohnung. «Wenn die Familie in die Schweiz reiste, wurde ein Extrawagen an den Orientexpress gehängt», so Lüönd. Doch das Geld musste sich der spätere Wahlzürcher verdienen. Das Osmanische Reich war im Begriff zusammenzubrechen. Die Griechen und Bulgaren sowie Serbien forderten die Unabhängigkeit. Im Buch dokumentiert Karl Lüönd die damalige Zeit unter anderem anhand von Fotografien aus einem von Jakob Müller angelegten Album. Am 5. Juni 1911 reiste Sultan Mehmed V. für drei Wochen durch die europäischen Provinzen seines Reiches. Er wollte dem wachsenden Nationalismus bei seinen Untertanen entgegenwirken. Müller, der dem Sultan freundschaftliche verbunden war, begleitete ihn und fotografierte das Geschehen. Obwohl die Bilder geordnete Verhältnisse zeigen, kam die Friedensmission zu spät. Von 1912 bis 1913 wüteten die Balkankriege. Das Osmanische Reich war gezwungen, sich im europäischen Teil seines Staatsgebiets bis auf die Grenzen der heutigen Türkei zurückzuziehen. Müllers Ziel, ab 1913 als «oberster Manager», war es immer, die Orientbahn weiter zu betreiben – was viel diplomatisches Geschick erforderte. «Der Alltag in diesen unruhigen Zeiten war turbulent», schreibt Lüönd, der bereits über fünfzig Biografien und Sachbücher publiziert hat. Im Sommer 1911 sei keine Woche ohne Zwischenfälle vergangen. Am laufenden Band gab es Bombenattentate auf die Gleise. «Die im Balkankrieg angerichteten Schäden an Strecken und Rollmaterial der Orientbahn waren enorm», so Lüönd. Mehrere Brücken und Viadukte waren gesprengt worden. Auf dem Hauptnetz befanden sich 16 von 79 Lokomotiven in fremden Händen.

    Bahn war stets rentabel

    Doch selbst als der Erste Weltkrieg folgte, rentierte die Orientbahn weiter. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr schwanden zwar massiv dahin, dafür nahmen Waren- und Truppentransporte zu. Zudem betrieb die Gesellschaft den öffentlichen Nahverkehr in Konstantinopel und Saloniki. Neben vielen geschichtlichen Informationen beleuchtet das vom Verein für wirtschaftshistorische Studien herausgegebene Werk die interessanten Hintergründe rund um die Finanzierung der Bahn.Mit 60 Jahren, am 26. November 1917, gab Müller seinen Rücktritt. 40 Jahre im Dienst der Orientbahn waren wohl genug. «Offenkundig sah Müller das Nachkriegs-Chaos kommen und zog sich rechtzeitig zurück », urteilt Lüönd. Er zog in die Schweiz, nach Zürich. Dort lebte der an Lungenkrebs erkrankte Bahnpionier fünf Jahre an der Germaniastrasse 56. Er wurde am 16. Oktober 1922 auf dem Friedhof Nordheim nahe des Bucheggplatzes beigesetzt.

    Lokalinfo_Türken-Müller

     

  • Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn
    01.05.2018, Eisenbahn Amateur, über Band 110, Der Türken-Müller, von Anton Heer
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Karl Lüönd

    Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn

    Der Türken-Müller

    Ein Luzerner und die Orientbahn

    Mit dem jüngsten Band der Pioniere-Reihe würdigt der Publizist Karl Lüönd einen eher ungewöhnlichen Aspekt der Schweizerischen Eisenbahngeschichte. Denn die Orientbahn und der Orient-Express der Jahrhundertwende waren eng verbunden mit dem Namen des Luzerner Eisenbahners Jakob Müller (1857-1922) – und mit dem «Export» schweizerischer Expertise im Eisenbahnwesen. Die Biografien Müllers – er war zuletzt Generaldirektor der Orientbahn – sowie einiger seiner Weggefährten lassen die vielfältigsten Herausforderungen jener politisch ungewissen Zeit fern der Heimat erahnen. Die vorliegende Publikation erinnert nicht zuletzt auch an die hochqualifizierten Auswanderer, die sich beim Bau neuer Eisenbahnen im Orient bewährten.

  • Chef des Orientexpresses. Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900
    26.04.2018, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Tobias Müller

    Chef des Orientexpresses. Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900

    Chef des Orientexpresses

    Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900

    Was wäre die Schweiz ohne ihre Pioniere? Während die heutigen Wirtschaftsführer dem interessierten Publikum bekannt sind, drohen mutige Unternehmer vergangener Tage in Vergessenheit zu geraten. Deshalb hat es sich der Verein für wirtschaftshistorische Studien zur Aufgabe gemacht, geschichtliche Vorreiter im Rahmen einer Buchreihe vorzustellen. Die neueste Ausgabe «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» von Karl Lüönd beleuchtet die steile Karriere des Luzerner Bauernsohns Jakob Müller, der oberster Chef vom Orientexpress wurde.

    Heute ist die Schweiz als Einwanderungsland bei Fachkräften aus aller Welt begehrt, doch für lange Zeit war sie ein Auswanderungsland. Viele Schweizer Bauern und Handwerker, aber auch Ingenieure und Ökonomen zog es in Richtung Westen. Als dieser infrastrukturell mit der modernen Technik des 19. Jahrhunderts ausgestattet war, richtete sich der Blick gegen Osten. Der Orient wurde vor allem mithilfe der Eisenbahn erschlossen, die Lüönd als das «Internet des 19. Jahrhunderts» bezeichnet. Im Eisenbahnwesen fing Jakob Müller ganz unten an: als Stationsgehilfe in Konstantinopel. Später stieg er zum Konzernchef des Unternehmens auf, das neben dem Orientexpress noch weitere Bahnen betrieb. Er führte ein fürstliches Leben in einer Villa im noblen Viertel Pera. In die Schweiz konnte er mit seiner Familie in einem Extrawagon reisen, der bei Bedarf einfach an den Orientexpress angehängt wurde.

    Neben Unternehmensführung war beim Eisenbahnbau auch Finanzakrobatik gefragt. Hierbei offenbart das Buch Erstaunliches: Dass neben der damals noch führenden Deutschen Bank auch die Schweizerische Kreditanstalt «im Olymp des Eisenbahn-Finanzwesens» ganz vorne mit dabei war, dürften selbst zu jener Zeit nur Insider gewusst haben.

  • Ein Mann mit sehr vielen Begabungen
    27.09.2017, Schaffhauser Zeitung, über
    Band 109, Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik, von Karl Hotz

    Ein Mann mit sehr vielen Begabungen

    Ein Mann mit sehr vielen Begabungen

    Er war ein IT-Spezialist von Weltruf, wechselte dann aber in die Politik – und war auch dort erfolgreich. Joseph Jung zeichnet das Leben von Hans Künzi (1924–2004) nach.

    Beginnen wir mit einer Anekdote: Max Bosshard war einst Veloprofi in den Zeiten von Kübler und Koblet. Später wurde er Sattler und Tapezierer. Schliesslich wurde er als Kunstmaler bekannt und führte in einem alten Bauernhaus in Sitzberg eine Galerie. Dort stellte Ende der Siebzigerjahre der Wetziker Hans Künzi aus. Der Zufall wollte es, dass der Fotograf des «Zürcher Oberländers» ebenfalls Hans Künzi hiess. Die beiden luden einen dritten Hans Künzi ein, seit 1971 Zürcher Regierungsrat. Der folgte der Einladung gerne. Natürlich gab es ein Erinnerungsfoto mit allen dreien.

    Dass er an einem Samstagnachmittag den Weg in den entlegenen Weiler hoch über dem Tösstal unter die Füsse nahm, war typisch für Hans Künzi. Er hatte stets ein offenes Ohr für alle und erfüllte alle Anliegen, wenn es ihm zeitlich möglich war. Es waren diese Offenheit und diese Menschlichkeit, die ihn fast allen sympathisch machten und die ihm viele Türen öffneten.

    Pionier einer neuen Technik

    Das funktionierte aber nur, weil diese Haltung sein tiefstes Wesen widerspiegelte. Da war nichts gespielt, nichts aufgesetzt – Künzi konnte (und wollte) wahrscheinlich gar nicht anders. Schon früh zeichnete sich zudem ab, dass Künzi kein Blender, sondern ein glänzender Wissenschaftler war. Direkt nach seinem Doktor in Mathematik bot ihm sein Doktorvater Andreas Pfluger an, an der ETH Zürich eine Habilitation zu schreiben, die er 1954 einreichte. Mit 30 Jahren wurde er Privatdozent an der ETH und schon ein Jahr später auch Dozent an der Universität Zürich. Wie gut Künzi in seinem Fach war, zeigte sich daran, dass er schon während des Studiums intensive Kontakte zu Professor Hans Wittich an der Universität Karlsruhe pflegte. Der renommierte Mathematiker öffnete ihm wieder-um Kontakte zum Springer-Verlag – dem führenden Verlag im deutschsprachigen Raum in Mathematik –, bei dem er ab 1955 regelmässig Bücher veröffentlichen durfte.

    Eine Karriere als Mathematiker schien vorgezeichnet. Doch es kam anders. Der vielseitig interessierte junge Mann stiess 1955 an einer Fachtagung auf Operations Research (vgl. Kasten), ein  damals neues Anwendungsfeld mathematischer Techniken unter Einbezug der ebenfalls noch neuen Computer. Künzi war fasziniert. Ein Studienaufenthalt in den USA, wo das neue Gebiet intensiv erforscht und entwickelt wurde, führte dazu, dass ihm die University of Minnesota mit ihrem später berühmten Institute of Technology (MIT) eine Professorenstelle antrug. In Zürich wurde man hellhörig, denn dort war man daran, ein Fachgebiet Operations Research einzurichten – dafür wollte man den erst 33-Jährigen ebenfalls als Professor. Fast wäre das Projekt aber gescheitert. Der Regierungsrat lehnte nämlich im ersten Anlauf die neue Professorenstelle ab. Paul Meierhans hatte seine Kollegen gewarnt: Künzi werde bestimmt verlangen, dass die Universität Computer anschaffe, was sich der Kanton schlicht nicht leisten könne! Nach Protesten aus der Wissenschaft besann sich das Gremium eines Besseren. Künzi wurde für sechs Jahre als ausserordentlicher Professor gewählt.

    Rasch zeigte sich, dass Künzi für das junge Fachgebiet ein Glücksfall war. Zürich wurde rasch zu einem Zentrum, das Studierende aus aller Welt anzog. Natürlich brauchte es dazu auch Computer, deren Anschaffung Meierhans so sehr gefürchtet hatte. Der junge Professor zeigte aber, dass es auch anders ging. Er knüpfte rasch Kontakte zur Privatwirtschaft, die bei ihm Untersuchungen bestellte und Projekte entwickeln liess. Weil die dazu angestellten Assistenten und Doktoranden den Finanzrahmen des Instituts sprengten, liess er die Projekte von den Auftraggebern finanzieren – ein damals höchst ungewöhnliches Vorgehen. PTT, Swissair, Nestlé, Landis & Gyr und viele andere Firmen gehörten zu den Kunden. Bahnbrechend war es auch, den berühmten Plan Wahlen zur Sicherstellung der Ernährungsgrundlagen im Zweiten Weltkrieg mit Mitteln der Operations Research an die Gegebenheiten der Sechzigerjahre anzupassen.

    An der Uni Grosses geleistet

    Die Datenflut, die Künzi und seine Mitarbeiter zu bewältigen hatten, war riesig. Künzi wollte und brauchte eine Computeranlage. Auch hier ging er ungewöhnliche Wege. Ein IBM 1620 wurde im Rahmen eines Pilotprojekts lediglich gemietet. Und zwar nicht von seiner Fakultät, sondern von der rechts- und staatswissenschaftlichen, die damit ein «Rechenzentrum der Universität» betreiben sollte. Künzi wurde damit auch zu einem Wegbereiter der Computerwissenschaft in der Schweiz – der Zustrom von Studenten, aber auch von bereits Diplomierten für ein Nachstudium nahm weiter zu. Jung zählt eine fast endlose Liste von Mathematikern und IT-Spezialisten auf, die aus Künzis Institut hervorgingen. 1967 wurde der erste Computer durch das brandneue Modell IBM 360 ersetzt, der diesmal gekauft und nicht gemietet wurde, eine völlig neu konzipierte Maschine, die den modernen Weg zur EDV öffnete. Künzi wurde 1966 auch von der ETH als Professor berufen.

    Das Corsairdebakel

    Es würde zu weit führen, alles auch nur anzutippen, was Joseph Jung aus Hans Künzis Hochschullaufbahn erwähnt. Eingegangen werden muss allerdings auf die Anwendung von Operations Research (OR) in der Armee, natürlich auch dank und mit Hans Künzi. Schon früh erkannten weitsichtige Militärs – beeinflusst auch von Forschungen in den USA –, dass komplexe Abläufe in der Armee mithilfe von OR besser verstanden und besser berechnet werden können. Simulationen aller Art wurden in Auftrag gegeben: Luftkriegsmodelle, Panzergefechte oder 1964 die Berechnung von Nachschubwegen im Rahmen einer Armeestabsübung.

    Das wohl grösste Projekt dieser Art allerdings endete in einem Debakel. Nach der völlig verpatzten Anschaffung des Kampfflugzeuges Mirage, das den nach ihm benannten Skandal auslöste, wollten die Militärs die anstehende Beschaffung weiterer Flugzeuge besser planen und absichern. Künzi schuf dafür ein Team von Mathematikern, Physikern, Ingenieuren, Ökonomen und Computerspezialisten, das im Military Operations Research (MOR) an der Universität Zürich zusammengefasst wurde. Über Jahre wurden die Daten aller infrage kommenden Flugzeuge minutiös erfasst und analysiert – immer mit dem gleichen Ergebnis. Das US-Flugzeug Corsair war für die geforderten Aufgaben eines Erdkampfflugzeuges am besten geeignet. Noch nie, so ist Jung überzeugt, sei eine Beschaffung der Schweizer Armee so gut abgestützt gewesen. Doch der Bundesrat fällte nach einer üblen Kampagne von Rüstungsfirmen aus der halben Welt sowie Schweizer Lobbyisten und Parlamentariern in deren Gefolge 1972 einen Nullentscheid: Es wurden gar keine neuen Flugzeuge beschafft. Jung, man spürt es förmlich beim Lesen, kann sich heute noch nicht erklären, geschweige denn es begreifen, welche Intrigen in und ums Bundeshaus zu diesem Schritt führten. Schon während die Evaluation des «Corsair» noch lief, wechselte Künzi, der seit 1967 für die FDP im Zürcher Kantonsrat sass, für viele überraschend sein Einsatzgebiet. Er liess sich 1970 als Kandidat für den Regierungsrat aufstellen und wurde prompt als Nachfolger für Bundesrat Ernst Brugger gewählt. Künzi hat in den gut 20 Jahren seiner Tätigkeit den Kanton Zürich in fast wörtlich zu nehmender Art in neue Bahnen gelenkt. Nicht umsonst gilt er als Vater der S-Bahn und des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV). Mit dieser Verkürzung wird man seinem Wirken allerdings nicht gerecht. Künzi hat von 35 Volksabstimmungen nicht weniger als 33 gewonnen, wobei das Themenspektrum von der Verlegung der Landwirtschaftsschule Strickhof über die Arbeitszeiten im Detailhandel oder ein neues Energiegesetz bis zur Wohnbauförderung oder die Leistungen an Arbeitslose reichte. Für wie gut seine Arbeit eingeschätzt wurde, zeigen auch seine Wahlresultate, die jedes Mal glänzend ausfielen.

    Die Spur für die S-Bahn gelegt

    Dennoch konzentrieren wir uns hier auf die S-Bahn. Der Start war gar nicht gut: 1973 wurden in der Stadt und im Kanton nämlich Projekte für eine S- und eine U-Bahn abgelehnt. Künzi wäre aber nicht Künzi gewesen, hätte er sich davon verdriessen lassen und für das Vorhaben nicht neue Wege gefunden. Zwei Probleme stellten sich: Erstens wollte der Bund, anders als beim gescheiterten Projekt, keine Mittel einschiessen, und zweitens mussten deshalb die SBB als Bauherrin fungieren, die sich an den Kosten auch nur marginal beteiligen wollten. Künzi wählte darum eine neuartige Finanzierung. Der Kanton und die Gemeinden sollten die Kosten gemeinsam tragen. Dazu brauchte es nicht nur einen Tarifverbund von etwa 40 bisherigen Verkehrsbetrieben, sondern eine einheitliche Grundlage für die Finanzierung. Das Resultat war der ZVV – eine für ganz Europa neuartige Organisations- und Finanzstruktur. Mit 76 Prozent Ja-Stimmen nahm das Volk die Vorlage an – nach der Abfuhr gut zehn Jahre zuvor eine erstaunliche Leistung. 1990 fuhren die ersten Züge in einem Netz, das seither kontinuierlich ergänzt wurde.

    Ein Jahr später trat Hans Künzi zurück. Seinem Naturell und seiner Schaffensfreude hätte es in keiner Weise entsprochen, sich nun zurückzulehnen. Er engagierte sich in einer Vielzahl gemeinnütziger Aktivitäten und Organisationen. So gehen etwa die berühmten Chagallfenster im Fraumünster auf eine Aktion Künzis zurück. Aber auch die Winterhilfe, die Lebensrettungs-Gesellschaft, das Forschungsinstitut für Paraplegiologie und viele andere durften auf seine Hilfe und sein Engagement zählen. Er galt dabei, wie schon als junger Professor an der Uni, als begabter Geldsammler, dessen Charisma kaum jemand widerstehen konnte.

     

     

  • Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier
    17.05.2017, Turicer INFO, über
    Band 109, Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik, von Clemens Fässler

    Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier

    Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier  

    Er hat die erste elektronische Datenverarbeitungslage an der Universität Zürich angeschafft und damit die Universität ins Computerzeitalter gebracht. Er hat den legendären Plan Wahlen für die kriegswirtschaftliche Vorsorge mit modernen Methoden und Mitteln des Operations Research nachgerechnet. Er hat für den Generalstab der Schweizer Armee ein neues Kampfflugzeug evaluiert, erstmals nach wissenschaftlichen Standards. Er war ein Mathematiker von Weltformat, wurde Pionier des Operations Research und etablierte dieses Wissenschaftsgebiet in der Schweiz. Dann wechselte er in die Politik und setzte sich mit dem Bau der Zürcher S-Bahn ein Denkmal: Hans Künzi.

    Hans Künzis erstes öffentliches Auftreten fällt in seine Mittelschulzeit. Mit einer Anthologie Solothurner Gedichte erntete er bei schweizweiten Zeitungen grosses Lob. Auch seine Jugendgedichte lassen aufhorchen. Künzis Gymizeit war aber nicht nur von Poesie geprägt, sondern auch von couleurstudentischem Treiben in der Wengia Solodorensis. Im Vergleich zu anderen Mittelschulverbindungen fällt auf, dass überdurchschnittlich viele Wengianer eine politische Karriere machen. In den Jahren 1941/43 traf man auf nicht weniger als drei Regierungsräte (SO, BE), drei Nationalräte (SO, AG, BS), einen Ständerat (SO), auf den Oltner und auch auf den Solothurner Stadtammann und mit Walther Stampfli v/o Cosinus selbst auf einen Bundesrat – allesamt aus den Reihen der Wengia. In dieses Netzwerk trat 1942 der junge Hans Künzi ein, ebenso angesprochen vom liberalen Geist der Verbindung wie der fröhlichen Burschenherrlichkeit. Dass er, getauft auf das Vulgo Klatsch, selber dereinst in die höchsten Sphären der Politik und der Wissenschaft aufsteigen würde, war wohl auch ihm damals ein fremder Gedanke.

    Der jüngste Uni-Professor 

    An einem Frühlingstag 1958 sass Hans Künzi vor dem Telefon und erwartete vom Staatsschreiber des Kantons Zürich die Nachricht über seine Wahl zum Professor an der Universität Zürich. Gerade mal zehn Jahre zuvor schloss Künzi sein Mathematikstudium an der ETH Zürich ab. Es folgten Doktorat und Habilitation im Bereich der theoretischen Mathematik. Seine Arbeiten fanden weltweit Beachtung, wurden in mehrere Sprachen übersetzt, er war in der «Champions-League» der Mathematik angekommen. Doch dann kam Künzi in Kontakt mit dem Operations Research und war begeistert vom neuen Fachgebiet. Er erkannte das Potenzial und das weite Wirkungsfeld, welches sich in der Unternehmens- und Organisationsforschung eröffnete. Bereits hatten ihm amerikanische Universitäten einen Lehrstuhl angeboten, als auch die Universität Zürich eine Professur für Operations Research mit Hans Künzi als Inhaber plante. Doch die Nachricht, die Künzi dann vom Staatsschreiber erhielt, war niederschmetternd. Der Regierungsrat wies den Antrag der Erziehungsdirektion zur Errichtung einer neuen Professur zurück. Nicht weil jemand am Leistungsausweis Künzis gezweifelt hätte. Aber der Regierungsrat befürchtete, dass mit einer Professur für Operations Research unweigerlich auch der Ruf nach einer Computeranlage geweckt würde, was die Kantonsfinanzen zu stark strapazieren würde. Wenige Wochen später wurde das Geschäft aber nochmals traktandiert und diesmal klappte es: Hans Künzi wurde für die Amtsdauer von sechs Jahren zum ausserordentlichen Professor für Ökonometrie und betriebswirtschaftliche Verfahrensforschung gewählt. Die anfänglichen Befürchtungen im Regierungsrat waren indes nicht ganz unbegründet. Bereits 1962 wurde an der Universität Zürich die erste elektronische Datenverarbeitungsanlage, eine IBM 1620, auf Betreiben von Professor Künzi installiert. Doch zweifelte nun niemand mehr an der Notwendigkeit und am Nutzen einer solchen Anschaffung.

    «So kam es, dass ein Computer vom Typ IBM 1620 angemietet und im damaligen Journalistischen Seminar der Universität, das an die Rämistrasse 58 dislozieren musste, aufgebaut werden sollte. Das war eine aufwendige Aktion. Unter den staunenden Augen gleich mehrerer Regierungsräte wurden mit Seilwinden die einzelnen Elemente des Computers durch das grosse Treppenhaus des Hauptgebäudes hochgezogen, wo das Rechenzentrum im Eckraum unter dem Uni-Turm provisorisch untergebracht w ar. Dort mussten die vielen Teile zusammengesetzt und montiert werden, bevor mit Lochkarten, Lochstreifen und Magnetband die Programme gestartet werden konnten. […]

    Im Vergleich zu heutigen Massstäben erscheint die IBM 1620 als ein Ungetüm von einem Gerät, das ein ganzes Zimmer ausfüllte. Damit hatte die Universität Zürich den ersten Schritt ins Computerzeitalter gemacht, ein Jahr nach der Universität Freiburg i. Ü. und ein Jahrzehnt später als die ETH Zürich, die in der Schweiz als «first mover» gilt.» (Jung, Künzi, S. 42)

    Mehr Kartoffeln, weniger Steaks! 

    Professor Künzi stellte «seine» IBM allen zur Verfügung. Nebst seiner Forschungstätigkeit erledigte er zahlreiche Aufträge für private Unternehmen, die kantonale Verwaltung und Bundesstellen.

    «Um die IBM 1620 rasch auszulasten und damit schlagende Argumente für eine noch leistungsfähigere Computeranlage zu haben, akquirierte Professor Künzi EDV-Aufträge von allen Seiten: von Universitätskollegen wie von der Wirtschaft, von der Armee wie von der kantonalen Verwaltung. Legendären Status erhielten zwei statistische Berechnungen: zum einen für die Kariesuntersuchungen in grossen Populationen von Schulkindern, die Thomas Marthalers Pionierrolle bei der Erforschung und Bekämpfung von Karies begründeten, zum andern für eine Sammlung von Notenfragmenten aus dem Mittelalter. Hier ging es darum, mittels Übereinstimmung von Teilsequenzen von Noten Relationen innerhalb von Teilmengen der Sammlung herauszufinden. Auch mit dieser Unterstützung trug das Rechenzentrum von Professor Künzi zu einer Pionierleistung bei. Denn Raymond Meylan, für den damals gerechnet wurde, entwickelte eine Methode, auf die sich spätere Musikwissenschafter beriefen.» (Jung, Künzi, S. 46)

    Bis heute massgebend ist Künzis kriegswirtschaftlicher Ernährungsplan, eine Neuberechnung und Fortsetzung des legendären Plans Wahlen (nach dem Landwirtschaftsspezialisten und späteren Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen benannt) aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Modell Künzi basierte auf Optimierungsmethoden mit mehreren hundert Bedingungen (Gleichungen und Ungleichungen) in ebenfalls mehreren hundert Unbekannten. So kam Künzi letztlich zu aktuellen Plänen für den Anbau, für die Rationalisierung und für den Vorrat von Nahrungsmitteln für die Bedürfnisse der auslaufenden 1960er Jahre. Künzis Neuberechnung des Plans Wahlen beruhte indes nicht nur auf den modernen Methoden des Operations Research, sondern ebenso auf dem Einsatz von grossen elektronischen Datenverarbeitungsanlagen. Damit war in der Schweiz die wirtschaftliche Kriegsvorsorge im Computerzeitalter angekommen. Im Unterschied zum Plan Wahlen, dessen Erstellung mehrere Mannjahre erfordert hatte, war es mit dem neuen Modell Künzi nun möglich, zukünftig verhältnismässig rasch die für die Schweiz optimale Anbauplanung zu berechnen. Und so beruht auch das heutige Konzept, trotz neuer Methoden und Fragestellungen, noch auf den Überlegungen, die Künzi vor mehr als 50 Jahren angestellt hatte.

               Der Corsair-Skandal

    Flugzeugbeschaffungen der Armee sind für die parlamentarische Debatte seit dem Zweiten Weltkrieg immer komplexe Rüstungsgeschäfte mit «Mehrfachsprengköpfen». Ideologische Welten prallen da aufeinander, mannigfache Partikularinteressen werden vorgebracht und die hohen Summen garantieren eine grosse Medienwirksamkeit auch für parteipolitische Spiele. Speziell explosiv war die Situation Mitte der 1960er Jahre. Die 1961 bewilligte Beschaffung der Mirage Kampfflugzeuge wurde zu einem Fiasko, der Bund musste mehrere 100 Millionen Franken Nachtragskredit bewilligen, führende Köpfe in der Armee und im Militärdepartement mussten ihre Sessel räumen. Und doch stand für den Ersatz der alten Venom-Flieger bereits die nächste Flugzeugbeschaffung vor der Tür. Der Generalstab zog die richtigen Lehren aus dem Mirage-Debakel und stellte die Flugzeugevaluation von Beginn an auf ein seriöses wissenschaftliches Fundament. In Hans Künzi fanden sie den richtigen Mann dazu. Als Leiter der elektronischen Datenverarbeitung an der Universität Zürich und als Professor für Operations Research verfügte er über das Knowhow für dieses Projekt. Die wissenschaftliche Modellstruktur gestaltete sich dann auch entsprechend komplex und wurde in verschiedene Teilmodelle aufgeteilt. Im Einsatzmodell beispielsweise war das Erdkampfflugzeug gegnerischen Bedrohungen durch Abfangjäger und Fliegerabwehr ausgesetzt. Seine Überlebensfähigkeit wurde dabei durch Simulationen festgestellt. Im Zielbereich musste die militärische Wirksamkeit erhoben werden – in Funktion der Nutzlast, der Bewaffnungsart und des Zielsystems. Unzählige Berechnungen mit mehr als 100‘000 simulierten Luftkämpfen führten schliesslich zu einem eindeutigen Resultat: das amerikanische Erdkampfflugzeug Corsair erfüllte als einziger Kandidat die Anforderungen. Doch der Bundesrat entschied 1972, den Kauf eines Kampfflugzeugs vorerst auszusetzen und damit den Corsair «abzuschiessen». Ein Skandal, der nicht nur damals Unverständnis und Entsetzen auslöste, sondern auch aus heutiger Sicht nicht begründbar ist.

    «Die für die Evaluation Verantwortlichen hatten alles richtig gemacht. Sie hatten aus dem Mirage-Debakel gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen: Das Rüstungsprojekt war in allen Belangen professionalisiert worden, die Evaluation war transparent, das Kostendach in alle Winkel erhärtet, die Medien zeitnah und inhaltlich adäquat informiert – kein Vergleich mit der Mirage-Evaluation ein paar Jahre zuvor. Doch dann kam alles anders und der Corsair wurde «abgeschossen». […]. Als Notlösung bewilligte das eidgenössische Parlament 1973 die Beschaffung einer weiteren Serie von revidierten Hunter-Flugzeugen und schliesslich 1976 mit einem Verpflichtungskredit von rund 1,2 Milliarden Franken 72 Maschinen des Typs Tiger der Northrop Corporation. Damit war die Ersatzbeschaffung für den missglückten Ankauf von 1972 innert kürzester Zeit gelungen. Allerdings war es nun nicht mehr der im Vietnamkrieg kampferprobte Corsair, der bei der US Air Force und der US Navy bis 1991 im Einsatz stehen sollte. Die Schweizer Fliegertruppen hatten – neben dem alten Hunter – mit dem neuen Tiger ein zwar günstiges, aber ein zweitklassiges Flugzeug erhalten. […]

    Hält man sich die hohen Standards vor Augen, die nach dem Mirage-Debakel mit der Evaluation eines neuen Erdkämpfers gesetzt wurden, dann ist die Wahl des Tiger nicht verständlich. Vergleicht man das Verfahren, das zum Beschaffungsantrag für den Corsair geführt hatte, mit demjenigen des Tiger, dann erscheint letzteres als ein Affront gegenüber den vorausgegangenen Untersuchungen und Abklärungen. Während der Corsair nach allen Regeln der Kunst und bis zur letzten Schraube minuziös evaluiert wurde, hatte es der Tiger der US-Firma Northrop, der in diese Evaluation ebenfalls eingeschlossen war, nicht geschafft, dem Corsair nahezukommen. Die Art und Weise, wie der Corsair ausmanövriert wurde, war ein Skandal, die Begründung des Bundesrates fadenscheinig. Der Tiger wiederum verdankt seine Wahl politischen Gründen und für ihn günstigen Konstellationen und Umständen. Für den Erdkampfeinsatz – bei der Corsair-Evaluation entscheidendes Kriterium – war er nicht ausgerüstet. Er profitierte 1976 von einem Konzeptionswechsel. Denn nun wollte man keinen Erdkämpfer mehr, sondern ein Flugzeug für den Raumschutz.» (Jung, Künzi, S. 78–79)

    Vater der Zürcher S-Bahn 

    Hans Künzi war keine Sportlernatur. Viel lieber widmete er sich seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten. Nur einmal stand er aber auf Langlaufskiern, im Rahmen seines Wahlkampfs als Regierungsrat 1970. Das Bild wurde als Plakat herausgegeben mit der Bemerkung, Hans Künzi sei ein «begeisterter Skilangläufer». Offensichtlich störte sich niemand an dieser werbetechnischen Übertreibung, denn Hans Künzi wurde mit grossem Vorsprung in den Regierungsrat gewählt. Als Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements interessierte er sich vor allem für die grossen Infrastrukturprojekte. Unter diesen ragte die S-Bahn hervor. Noch von seinem Vorgänger übernahm er das Projekt einer kombinierten U-Bahn und S-Bahn. Das ehrgeizige Projekt entsprach dem damaligen Zeitgeist, scheiterte aber 1973 in einer Volksabstimmung. Nun lag es an Künzi, den Scherbenhaufen zusammenzukehren und eine mehrheitsfähige Vorlage aufzugleisen. Nebst den technischen Fragen, wie dem Streckennetz und den notwendigen Ausbauten an Bahnhöfen, galt es insbesondere die Finanzierung zu klären. Künzis vorgehen war in beiden Bereichen pionierhaft. Die Konzentration auf die bestehende Infrastruktur von Eisenbahn, Tram und Bus drückte die Kosten im Vergleich zum Vorgängerprojekt massiv. Gleichzeitigt vermochte Künzi alle Beteiligten ins Boot zu holen und damit die Kosten breit zu verteilen. Das Projekt wurde schliesslich mit überwältigendem Mehr angenommen, von den eidgenössischen Räten ebenso wie dem Zürcher Stimmvolk. Seither entwickelte sich die Zürcher S-Bahn zu einer Erfolgsgeschichte und einem Vorzeigemodell für Schnellbahnen für Städte und Agglomerationen in ganz Europa.

    «Regierungsrat Künzi ging daran, eine neue Konzeption zu entwickeln. Eine bestechende Überlegung führte Künzi direkt zu seinem grossen Vorbild Alfred Escher. Dieser war nicht nur Wirtschaftsführer und Politiker gewesen, sondern auch Promotor des privaten Eisenbahnbaus. […] Exakt auf dieses Streckennetz, das hauptsächlich aus den 1850er bis 1870er Jahren stammte, wollte Künzi nun mit seiner neuen Konzeption der S-Bahn setzen. Denn er war zum Schluss gekommen, dass diese alten Bahnlinien – 1902 mit der Gründung der SBB an diese übergegangen – eine ausgezeichnete Grundlage auch für die neue S-Bahn seien.

    In der Tat waren die meisten grösseren Siedlungen des Kantons miteinander verbunden, weshalb der Hauptteil des geplanten S-Bahn-Netzes von 360 km über diese Infrastruktur geführt werden könnte. Künzi war sich bewusst, dass es qualitative Anpassungen brauchte: etwa den Bau eines mehrgleisigen unterirdischen Durchgangsbahnhofs unter der Museumstrasse, wodurch eine bedeutende Kapazitätsausweitung für den HB zu erzielen wäre, und die Errichtung eines neuen Ladengeschosses. Weitere wichtige Elemente in Künzis neuer Konzeption waren der Hirschengrabentunnel, der den Bahnhof Museumstrasse mit dem Bahnhof Stadelhofen verbinden und die bisherige Linie über den Letten ersetzen würde, oder der Bahnhof Stadelhofen, der erweitert werden musste. […]

    Schliesslich bewilligte der Kantonsrat die umfangreiche Kreditvorlage mit 98 gegen 10 Stimmen. Im Abstimmungskampf empfahlen die bürgerlichen Parteien wie auch die SP die Annahme der Vorlage. Am Sonntag, 29. November 1981, nahmen die Zürcher Stimmberechtigten den Staatsbeitrag von 523 Millionen Franken für den Ausbau der SBB-Anlagen zur Errichtung der S-Bahn mit einem Ja-Anteil von rund 74 % an. Dieses Resultat war glanzvoll. Es ist ebenso «historisch», hatte sich doch zum ersten Mal ein Kanton an einem Werk der SBB in einer derartigen Weise engagiert.

    Das Konzessionsgesuch über den Bau der Zürichberglinie wurde im Ständerat am 10. Juni 1982 behandelt, der Nationalrat folgte am 6. Oktober 1982. Hans Künzi hat es kein zweites Mal erlebt, dass im eidgenössischen Parlament derart positiv über Zürich gesprochen wurde. […] Die Vorlage wurde in beiden Räten einstimmig genehmigt: im Ständerat mit 27:0 und im Nationalrat mit 119:0. Ein historisches Resultat auch hier: denn nie in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates nach 1848 hatten die eidgenössischen Parlamentarier eine Sachvorlage mit einem solchen Ergebnis angenommen.» (Jung, Künzi, S. 147–151)

    Hochkarätige Vernissage 

    Das weitläufige und aussergewöhnliche Wirken Künzis zeigte sich auch an der Vernissage der Pionierpublikation. Über 200 Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Militär unterstrichen mit ihrer Anwesenheit ihre Wertschätzung für Hans Künzi. Unter ihnen befanden sich auch einige Turicer Fuchsen, Burschen und junge Altherren, die mit helfender Hand eine reibungslose Vernissage ermöglichten. Der Autor Jung v/o Matt diskutierte mit hochkarätigen Referenten das Erbe Künzis und seine Bedeutung für die heutige Zeit. Alt Bundesrat Adolf Ogi, Verkehrsminister bei der Einweihung der Zürcher S-Bahn, bewunderte Künzis Herzlichkeit, mit der er fast alles erreichen konnte. Künzi kannte jeden und war mit allen per Du. Doch ihre Namen vergass er und behalf sich stattdessen mit seinem legendären «Sali, Sali!». Übel nahm ihm das niemand, denn Künzi begegnete jedem offen und respektvoll. «Er war ein Professor, der auch einen Primarschüler aus Kandersteg respektierte!», urteilte Ogi. Gleichzeitig hätte Künzi auch den Mut und die Weitsicht für grosse Würfe gehabt, wie Konzeption und Bau der S-Bahn eindrücklich beweisen würden. Ogi forderte auch für die heutige Zeit grosse Würfe, beispielsweise mit einer radikalen Verlagerung des Schienenverkehrs unter die Erde. Eine Swiss-Metro ist für den Alt Bundesrat ein Gebot der Stunde bzw. der kommenden Jahre.

     

     

  • Die Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie
    08.12.2016, Der Bund, über
    Band 107, «Bei Kaisern und Königen», von Simon Wälti

    Die Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie

    Wie Schweizer ihren Erfindungsreichtum für fremde Armeen einsetzten

    Schweizer kämpften nicht nur während Jahrhunderten in fremden Armeen, findige helvetische Geister konstruierten auch Waffen für diese Armeen. Der neuste Band der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» porträtiert unter dem Titel «Waffentechniker und Strategen von Weltruf» Schweizer Auswanderer, die als Berater und Ingenieure Geschichte geschrieben haben.

    Berner sind darunter stark vertreten, zum Beispiel mit der Giesser-Familie Maritz, die ihre Wurzeln in Burgdorf hatte. Der 1680 geborene Johannes Maritz erfand 1714 ein revolutionäres maschinelles Bohrverfahren für Geschützrohre. Unter anderem führte dies zu einer grösseren Präzision beim Schiessen und zu einem geringeren Gewicht, wie der Autor Hans R. Degen schreibt.

    Zusammen mit seinem Sohn Jean übernahm Johannes Maritz 1734 eine Giesserei in Lyon. Ein zweiter Sohn, Samuel, entwickelte das Genfer Wasserpumpwerk und betätigte sich auch als Glockengiesser. Samuel Maritz war es auch, der ab 1751 für den Kanton Bern mehr als 300 Geschütze produzierte. Sogar Kaiser Joseph II. von Österreich soll sich 1777 bei seinem Besuch in Bern brennend für die Kanonen interessiert haben. In Frankreich waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 26 Maritz-Bohrmaschinen installiert, 3000 Geschütze wurden so hergestellt, die später auch von Napoleon auf den Schlachtfeldern Europas verwendet wurden. Eine originale Kanone aus dem Jahr 1759 befindet sich heute im Schlossmuseum Burgdorf. In der Emmestadt ist auch eine Strasse im Neumattquartier nach der Giesser-Dynastie benannt. Das Andenken wach hält zudem die Maritz-Batterie, welche in historischen Uniformen an Gedenkveranstaltungen für Geknalle und Pulverdampf sorgt.

    «Der Vater des Hinterladers»

    Samuel Johann Paulis Geschichte dagegen ist die eines verkannten Genies. Seine Familie stammte aus Vechigen, er selber dürfte aber 1766 in Bern geboren worden sein. Er arbeitete als Wagenbauer und Mechaniker in der Werkstatt seines Vaters. Im Kampf gegen die Franzosen verstiess Pauli 1798 nach der Schlacht am Grauholz gegen das Kriegsrecht. Während der Übergabeverhandlungen feuerte er noch eine Salve ab, welche zwei Franzosen niederstreckte.

    1803 reiste er nach Paris. Pauli sei dort, so heisst es im Band, die wohl bedeutendste Waffenerfindung des frühen 19. Jahrhunderts gelungen. Er entwickelte das erste Hinterladergewehr mit Patrone, die durch einen Schlagstift gezündet wurde. Pauli konnte seine bahnbrechende Waffe Offizieren der französischen Armee demonstrieren, ein Minister und General empfahl sie sogar mit begeisterten Worten; doch die zuständige Kommission blieb trotz überzeugenden Versuchen skeptisch und lehnte die Beschaffung ab.

    «Die Waffe sei zu anspruchsvoll für die meist kaum geschulten und zwangsweise rekrutierten Bauern, die Napoleons Massenheere bevölkerten», schreibt Degen dazu. Pauli zeigte sich bitter enttäuscht über den Misserfolg. Die hochwertige Waffe konnte jedoch nicht massenhaft hergestellt werden und war entsprechend kostspielig. Pauli ging aber als «Vater des Hinterladers» in die Geschichte der Waffentechnik ein. Seine Erfindung kann als Vorläufer der modernen Schusswaffen angesehen werden.

    1814 versuchte Pauli sein Glück in London. Er nannte sich nun Samuel John Pauly und verfolgte sein früheres Projekt für ein steuerbares Luftschiff weiter, das zehn Passagieren Platz bieten sollte. Er wollte ein Luftverkehrsnetz zwischen London und dem Kontinent einrichten. Die Hülle seines Dolphin genannten Fluggeräts bestand offenbar aus den Gedärmen von 70’000 Ochsen und war rund 37 Meter lang.

    Auch hier schien der Berner der Zeit voraus zu sein. Seine Visionen wurden erst später realisiert, Lob und Erfolg heimsten andere ein. Napoleon selber soll über Paulis Waffen gesagt haben: «Erfindungen, die ihrer Zeit vorangehen, bleiben ungenutzt, bis das Allgemeinwissen dasselbe Niveau erreicht hat.» Der Berner verstarb 1821 in Armut, er wurde auch schon als Berner Leonardo da Vinci bezeichnet.

  • Die Männer und die böse Linth
    19.09.2016, Tages-Anzeiger, über
    Band 82, Herren über wildes Wasser, Thomas Widmer

    Die Männer und die böse Linth

    Alois Negrelli ist einer der grossen Linth-Ingenieure. Auch in Zürich hinterliess er Grosses, zum Beispiel die Münsterbrücke.

    Die wilde Linth treibt im Ancien Régime eine Landschaft zum Wahnsinn: Ihr Geschiebe bringt die angeschlossenen Gewässer durcheinander. Weesen ist fast unbewohnbar, Walenstadt massiv bedroht. Auch die Schifffahrt vom Walensee zum Zürichsee leidet; allein schon deswegen hat man auch in Zürich ein vitales Interesse, das Problem in den Griff zu bekommen.

    Ein Name, der hier fallen muss: Hans Konrad Escher. Geboren 1767 in eine grossbürgerliche Zürcher Familie, wird er die zentrale Figur der Linth-Sanierung mit Linthkanal und Escherkanal. Das Ensemble aller baulichen Vorrichtungen nennt man Linthwerk. Es ist eine Art bundesstaatliche Leistung, bevor es einen Bundesstaat gibt.

    Freilich ist dieses Linthwerk nie vollendet, wie auch uns Heutigen klar ist angesichts verheerender Hochwasser-Episoden vor Jahren. Im 19. Jahrhundert ist der berühmte Escher einer aus einer ganzen Reihe von Figuren, die mit der Linth beschäftigt sind. Eine neue Publikation behandelt alle diese historischen Kommissäre, Funktionäre und vor allem Ingenieure, die sich damals der Daueraufgabe Linth widmeten. Weil es mit Escher neun sind, darf man getrost vom «Neunerclub» reden.

    Einige waren Zürcher, Salomon Hegner etwa aus Winterthur oder Heinrich Pestalozzi aus Zürich. Die interessanteste Gestalt neben Escher freilich war Habsburger. Doch auch dieser Alois Negrelli, 1799 bis 1858, ist eng mit Zürich verbunden. Und eben mit der Linth.

    Zuerst zur Linth. Ingenieur Negrelli ist in seiner Zeit mit dem Sinken des Walensee-Wasserspiegels befasst. Damit verbunden ist ein juristisches und politisches Problem: Wem gehört das Neuland? Negrelli muss prognostizieren, wie sich die Uferlinie in der nächsten Zeit verändern wird. Und auch sonst leistet er viel für das Werk. 1840 lobt die Linthverwaltung, er habe seine Aufgaben erfüllt mit «einer bewundernswürdigen Aufopferung von Zeit und Mühe».

    Spektakulär ist, was Negrelli in seinen Jahren in der Schweiz sonst so verwirklicht. Von St. Gallen aus erweitert er den Hafen Rorschach. Dann wirkt er ab 1836 in Zürich. Auf ihn geht die Münsterbrücke zurück. Aber auch die Ladengalerie aus Quintner Kalk unterhalb des Grossmünsters. Viel beachtet auch die Kornhalle auf dem Sechseläutenplatz, die später zur Tonhalle umgerüstet wurde, um 1896 abgebrochen zu werden. Ab 1845 wird unter Negrelli die erste Bahnstrecke der Schweiz gebaut, die Spanisch-Brötli-Bahn.

    Negrellis Wichtigkeit spiegelt sich darin, dass in der Gegenwart die neue Fussgängerverbindung über die Geleise nah dem Zürcher Hauptbahnhof Negrellisteg heissen sollte. Allerdings ist das Projekt zurückgestellt. Macht nichts, der Mann ist ohnehin unvergessen.

    Daniel Speich, «Herren über wildes Wasser. Die Linthingenieure als Bundesexperten im 19. Jahrhundert». Schriftenreihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», 88 S., viele Abbildungen. Ca. 27 Fr., Verein für wirtschaftshistorische Studien. www.pioniere.ch

  • Mit den Waffeln einer Frau
    10.09.2016, Thurgauer Zeitung, über
    Band 106, Pionierinnen der modernen Schweiz, von Inge Staub

    Mit den Waffeln einer Frau

    Elisabeth Wegeli-Studer hat die «Gottlieber Hüppen» erfunden. Ihre Pioniertat wird jetzt in einem wirtschaftshistorischen Buch gewürdigt. Die Leser begegnen darin einer couragierten und pflichtbewussten Frau.

    Ihre Erfindung ist weit über den Thurgau hinaus bekannt: «Gottlieber Hüppen». Wer in die süssen Röhrchen beisst, denkt dabei wohl kaum an Elisabeth Wegeli-Studer. Dies könnte sich jetzt ändern. Denn in dem Buch «Drucken, Backen, Forschen», welches der Verein für Wirtschaftshistorische Studien herausgegeben hat, wird sie als Hüppen-Pionierin gewürdigt. In diesem Band werden drei Unternehmerinnen porträtiert, die Druckerei-Gründerin Emma Stämpfli-Studer, die Landwirtin Mina Hofstetter-Lehner und Elisabeth Wegeli-Studer.
    Über das Leben der Hüppenbäckerin Wegeli hat die Journalistin Claudia Wirz recherchiert. Unter dem Titel «Eine Waffel für die Welt» präsentiert sie nicht nur eine spannende Unternehmensgeschichte. Sie gibt auch Einblick in das Leben von Thurgauer Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Leser begegnen couragierten Personen mit einem klaren Bekenntnis zur Familie und zur Pflichterfüllung. Auch wenn die Quellenlage über die frühen Jahre von Elisabeth Wegeli dünn ist, so gelang es der Autorin dennoch, ein faszinierendes Bild dieser Frau zu zeichnen.

    Sie kam aus Unterschlatt
    Elisabeth Wegeli erblickte 1871 als Elisabeth Studer in Unterschlatt das Licht der Welt. Sie heiratete den Diessenhofer Lehrer, Notar und Politiker Jakob Wegeli, der für die freisinnig-demokratische Partei dem Grossen Rat angehörte.
    Im April 1921 wurde die Mutter von vier Töchtern unerwartet im Alter von knapp 50 Jahren Witwe. «Von der Frau an Jakob Wegelis Seite, Elisabeth, hören wir in all den Diessenhofer Jahren nichts. Ihr Bild bleibt auch in späteren Jahren, als sie Unternehmerin in Gottlieben ist, blass», gesteht Claudia Wirz. Das sei nicht ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Frau in aller Regel ihren Platz in der «Unsichtbarkeit des schönen Heims» zugewiesen bekam.
    Für Elisabeth Wegeli war der Tod ihres Mannes ein schwerer Schlag. In welchen wirtschaftlichen Verhältnissen sie lebte, ist nicht bekannt. 1926 zog sie mit ihrer Tochter Hanny nach Gottlieben. Denn dort lebte bereits ihre älteste Tochter Gertrud mit ihrem Mann Walter Brauchli und ihren Kindern. Diesem Umzug ist die Entstehung der «Gottlieber Hüppen» zu verdanken. Denn wie Claudia Wirz in Erfahrung brachte, hatte die Gottlieberin Frieda Weber ihre neue Nachbarin Elisabeth Wegeli überredet, Hüppen zu backen. Frieda Weber soll dies als Gattin eines privilegierten Beamten nicht gestattet gewesen sein. Sie verkaufte ihre beiden Waffeleisen an Elisabeth Wegeli. Autorin Claudia Wirz betont: «Es war das Jahr 1928 und es war, soviel steht fest, die Geburtsstunde der ‹Gottlieber Hüppen›».

    In der Stube gebacken
    Mit Tochter Hanny bäckt die Witwe fortan Hüppen in ihrer Stube – die beiden Waffeleisen brauchten nicht viel Platz. Über die ersten Hüppen-Jahre und ob die beiden davon leben konnten, konnte die Autorin nicht viel in Erfahrung bringen. Immerhin gelang es Elisabeth Wegeli schon 1931, zu expandieren und die Gerbe, ein Haus direkt am Seerhein, zu kaufen. 1931 starb Hanny. Die andere Tochter, Berty, die zu dieser Zeit als Privatlehrerin in Kenia Deutsch, Französisch und Musik unterrichtete, kehrte in die Heimat zurück. Sie trat in die Fussstapfen ihrer Schwester. Zunächst aus Pflichtgefühl und auch um die Mutter zu unterstützen. «Aber auch Gottlieben, die Hüppenbäckerei und die Gottlieber Einwohner wuchsen ihr bald ans Herz. Mit dem ganzen Stolz einer zufriedenen und durchaus selbstbewussten Unternehmerin habe sie sich fortan als das «‹Fräulein Wegeli von der Hüppenbäckerei› vorgestellt, wenn sie nach Kreuzlingen zum Einkaufen ging», erinnert sich Grossneffe Urs Brauchli.

    Die gefüllten hohlen Röllchen
    Seit 500 Jahren wurden bereits Hüppen in der Schweiz gebacken – zunächst als Armenspeise, später als süsses Gebäck für die Oberschicht. Doch in all dieser Zeit kam keinem in den Sinn, dass man die hohlen Röllchen auch füllen könnte. Bis spätestens 1938. Als sich ennet der Grenze das Unheil für ganz Europa und die Welt anbahnte, machten Mutter und Tochter Wegeli eine Innovation, die für die Zukunft ihres Unternehmens wegweisend sein sollte. Es ist nicht zweifelsfrei erwiesen, ob die beiden tatsächlich die Erfinderinnen der mit Crème gefüllten Hüppen waren, aber sie gehören laut Claudia Wirz «mit Bestimmtheit zu den allerersten», die auf die Idee kamen, die hohlen Röhrchen mit Haselnusscrème zu füllen.

    Feine Thurgauer Spezialität
    In den ersten Jahren übernahm die Kreuzlinger Schokoladenfabrik Bernrain das Abfüllen der Hüppen. Es kam zum Zerwürfnis. Mutter und Tochter füllten ihre Hüppen selbst. Die süsse Masse fürs Innere lieferte die Firma Felchlin aus Schwyz. Mit Inseraten machte Berty Wegeli auf ihre Hüppen aufmerksam: «Gefüllte Gottlieber Hüppen -die feine Thurgauer Spezialität – jetzt auch in Zürich erhältlich.»
    Elisabeth Wegeli starb 81jährig im September 1952. Ihre Tochter Berty führte das Unternehmen mit Unterstützung ihres Neffen Walter Brauchli weiter. Nach der Übernahme des Betriebs im Jahre 1959 leitete er schrittweise die Technisierung der Manufaktur ein. 1977 wurde mit dem Eintritt von Brauchlis Sohn Urs die Weiterführung des Betriebs in der Familie sichergestellt. Er verkaufte ihn dann 2008 an den Frauenfelder Unternehmer Dieter Bachmann.

  • Pionierinnen der modernen Schweiz
    20.06.2016, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 106, Drucken – Backen – Forschen, von Hans Commondo

    Pionierinnen der modernen Schweiz

    Ein grosszügig bebilderter Band stellt rund dreissig Frauen vor, die mit ihrem selbstbestimmten Lebensstil die weibliche Emanzipation der Schweiz vorangetrieben haben

    Die Frauen dieses Landes haben lange kämpfen müssen, um in den Besitz der gleichen politischen Rechte wie die Männer zu gelangen; ökonomisch, etwa hinsichtlich des Lohns, sind sie diesen noch immer nicht gleichgestellt. Hätten sich die Frauen im 20. Jahrhundert nicht über die weltanschaulichen und sozialen Grenzen hinweg zusammengeschlossen, wäre die Gleichberechtigung wohl nicht zustande gekommen.

    Wirtschaft, Kultur, Recht

    Ein von Avenir Suisse herausgegebenes Buch würdigt nun rund dreissig «Pionierinnen», die mit ihrem «freiheitlichen» und selbstbestimmten Leben den Weg zur «modernen Schweiz» geebnet hätten, je mit einem knappen Porträt. Ergänzt werden diese mit einem Dutzend Fotografien beruflich erfolgreicher Frauen von heute. Im Vordergrund stehen also nicht wie üblich politische Kämpferinnen – eine Bundesrätin sucht man vergebens –, sondern Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Juristinnen meist bürgerlicher Herkunft.

    Die beiden Herausgeberinnen des reichlich bebilderten Buchs, Verena Parzer Epp, Redaktorin bei Avenir Suisse, und NZZ-Redaktorin Claudia Wirz, sind bei der Auswahl der Frauen grosszügig vorgegangen. Neben Marie Heim-Vögtlin, Emilie Kempin-Spyri, Iris von Roten und Marthe Gosteli etwa, die man zu den Klassikerinnen der Emanzipation zählen kann, würdigen sie auch Ursula Andress, Elisabeth von Wetzikon, im 13. Jahrhundert Fürstäbtissin des Zürcher Fraumünsters, als es schlicht keine Vorstellung von «individueller Freiheit» gab, Regula Engel-Egli, die ihrem Mann, einem Söldner Napoleons, quer über die Schlachtfelder Europas folgte (allerdings in Uniform), und die fast zur gleichen Zeit äusserst erfolgreiche Malerin Angelika Kaufmann.

    Die breite Palette hat den Nachteil, dass der Titel des Buchs strapaziert wird. Einigen der Porträtierten dürfte die «moderne Schweiz» mit ihren Individualrechten ziemlich egal gewesen sein, zum Beispiel einer Meta von Salis, die zwar eine Frauenrechtlerin, aber auch eine aristokratische Antidemokratin war. Der Vorteil der breiten Auswahl: Die zum Teil überraschenden Porträts mit ihren höchst unterschiedlichen, zum Teil mutig nonkonformen Lebenswegen verleihen dem Buch eine frische Note. Dazu tragen besonders Claudia Wirz‘ pointierte Texte bei, die inhaltlich wie stilistisch herausragen.

    Individuen in der Geschichte

    Einleitend kritisieren die Herausgeberinnen die heutige Geschlechterforschung, weil sie die Geschichte und besonders jene der bürgerlichen Pionierinnen zu wenig berücksichtige. Tatsächlich fehlt der Sozialforschung oft das Bewusstsein dafür, wie langwierig und verschlungen historische Prozesse sind. Dass die Gleichstellung der Geschlechter sich nicht einfach einführen lässt, zeigen gerade die Kämpfe der – von der Geschlechtergeschichte schon länger und bestens erforschten – bürgerlichen Frauenbewegung. Der Vorwurf fällt indes teilweise auf die Herausgeberinnen zurück: Der kollektive Aspekt der historischen Emanzipation kommt in den Individualporträts zu kurz. Allein hätten die Frauen der Schweiz – und schon gar nicht die aus den Unterschichten – ihre Freiheiten nicht erringen können.

  • Pistor treibt die Branche voran
    29.01.2016, Neue Luzerner Zeitung, über
    100 Jahre Pistor, von Maurizio Minetti

    Pistor treibt die Branche voran

    Immer mehr Bäckereien müssen schliessen. Der Zulieferer Pistor kann trotzdem zulegen. Wie geht das auf?

    Der Trend ist nicht neu: Traditionelle Bäckereien, die nicht bereit sind, ihr Geschäftsmodell an neue Gegebenheiten anzupassen, sterben aus. Ungefähr 50 Bäckereien verliere man pro Jahr als Kunden, sagte gestern Markus Lötscher, CEO des Rothenburger Bäckereien-Zulieferers Pistor. Seine Kunden sehen sich zunehmender Konkurrenz von Supermärkten oder Tankstellen ausgesetzt.

    Gastro-Umsatz gesteigert
    Und trotzdem schafft es Pistor, beim Umsatz zuzulegen. Im vergangenen Jahr setzte die Einkaufsgenossenschaft mit 478 Mitarbeitenden 622 Millionen Franken um und damit 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das macht Pistor hinter Coop zum schweizweit zweitgrössten Lebensmittelgrossisten. Der Umsatz mit Bäckereien sank dabei aber um 2,4 Prozent auf 374 Millionen Franken. CEO Lötscher zeigt sich zuversichtlich, den Umsatz mit Bäckereien künftig halten zu können; Illusionen macht er sich aber nicht: «Wir müssen uns auf ein Nullwachstum einstellen.» Oder anders gesagt: In einem rückläufigen Markt ist selbst Stagnation ein Erfolg. Während Pistor im traditionellen Geschäft schrumpft, konnte das Unternehmen in der Gastronomie zulegen. Hier wuchs der Umsatz im Jahresvergleich um 7,5 Prozent auf 248 Millionen Franken. Laut Lötscher ist Pistor insbesondere im Bereich von Altersheimen und Spitälern stark – in diesen Bereichen gebe es künftig viel Wachstumspotenzial. Angesichts der Tatsache, dass der Gastro-Bereich wachse und das Geschäft mit Bäckereien schrumpfe, könne er sich gut vorstellen, dass dereinst beide Bereiche gleich viel Umsatz zur Gruppe beisteuern.

    Müesli in der «Beck»
    Künftig könnte es immer weniger Sinn machen, die beiden Geschäftsbereiche zu unterscheiden. Denn Bäckereien sind heute auch Gastro-Betriebe. Sandwiches, Birchermüesli oder ganze Menüs: Bäckereien haben in den letzten Jahren gelernt, ihr Sortiment auszuweiten und sich so erfolgreich neu zu positionieren. Pistor habe massgeblich dazu beigetragen, den Wandel voranzutreiben, sagte gestern Damian Hänggi, der mit seiner gleichnamigen Bäckerei in Rothenburg Genossenschafter und Kunde von Pistor ist. «Pistor hat schon früh erkannt, dass im Gastro-Bereich die Zukunft der Bäckereien liegen kann. Vor 20 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, Birchermüesli zu verkaufen – heute ist es eine Selbstverständlichkeit», sagte Hänggi gestern. In der Bäckerbranche bleibt der Preisdruck derweil gross. Insbesondere Betriebe in der Grenzregion müssen ihre Preise nach unten anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Pistor hat nicht den Ruf, der günstigste Anbieter zu sein. «Wir sind nicht Preisführer, das stimmt», sagt CEO Markus Lötscher. Das wolle man auch nicht sein. «Wir sehen uns als Logistikpartner und Berater für unsere Kunden», so Lötscher. Pistor-Mitarbeiter Pan Jampatong macht im Warenumschlagscenter in Rothenburg eine Lieferung fertig.

    Buch zum 100-Jahr-Jubiläum

    Pistor mit Sitz in Rothenburg beliefert Bäckereien und Gastro-Betriebe mit Halbfabrikaten, Frischprodukten und Rohstoffen. Letztes Jahr lieferte das Unternehmen mit über 80 Camions 105 100 Tonnen Ware aus. Gegründet wurde die Einkaufsgenossenschaft vom Schweizerischen Bäcker- und Konditorenverband am 27. Juni 1916 im Restaurant Hirschen in Zug. Luzern setzte sich schon bald als Firmenstandort gegen Zürich und Bern durch. Seit 1983 ist Pistor in Rothenburgstationiert.

    Eine Firma wie eine Rockband
    Zum 100-Jahr-Firmenjubiläum plant Pistor dieses Jahr diverse Anlässe wie die erste Pistor-Expo auf dem Luzerner Messegelände Anfang Juni. Ausserdem hat der Wirtschaftshistoriker Bernhard Ruetz ein Jahr lang in den Archiven von Pistor gewühlt und eine 127 Seiten dicke Firmenchronik verfasst. Im Buch «Vom Lieferanten zum Logistikdienstleister» (ISBN 978-3-909059-68-3) geht Ruetz auf die wichtigsten Meilensteine ein und erklärt, warum Pistor seiner Meinung nach Analogien zur Rockband Status Quo aufweist: Es geht um Konstanz, Verlässlichkeit und Professionalität.

  • Schweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet
    26.08.2013, Tages-Anzeiger Blog,, über
    Band 100, Schweizer Erfolgsgeschichten, von Tobias Straumann

    Schweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet

    Zum Wohlstand eines Landes tragen alle bei, aber eine Gruppe sticht dabei besonders hervor: die Unternehmerinnen und Unternehmer. Die politischen Rahmenbedingungen können noch so ideal und die Belegschaft noch so motiviert sein, die Wirtschaft entwickelt sich nur, wenn es immer wieder Leute gibt, die etwas riskieren und Innovationen zum Erfolg führen.

    Die schweizerische Unternehmensgeschichte wird seit 1955 vom Verein für wirtschaftshistorische Studien dokumentiert. Die historischen Porträts reichen von den Mönchen des Mittelalters und den Textil- und Uhrenindustriellen des 16. und 17. Jahrhunderts bis zum Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und dem Filmpionier Heinrich Fueter im 20. Jahrhundert.

    Mittlerweile sind 99 Bände erschienen und 272 Personen porträtiert worden. (hier eine Übersicht über alle Porträts) Für wirtschaftshistorisch Interessierte ist die Reihe eine wahre Fundgrube. Im Gegensatz zu akademischen Geschichtsbüchern, die grossen Wert auf die Beschreibung von überpersönlichen Kräften legen, kann man hier nachverfolgen, wie einzelne Personen Geschichte geschrieben haben.

    Der hundertste Band, von Joseph Jung herausgegeben, versucht nun, gemeinsame Merkmale der 272 porträtierten Schweizer Pioniere herauszuarbeiten. Die historische Auswertung ist aufschlussreich. Am bemerkenswertesten ist zweifellos, dass die meisten grossen Unternehmen, die heute im Swiss Market Index (SMI) aufgeführt sind, im jungen Bundesstaat (von 1848 bis Ende der 1860er-Jahre) gegründet wurden. Jung spricht von einem «wirtschaftsliberalen Zeitfenster», in dem die «Voraussetzungen für den heutigen Erfolg» geschaffen wurden.

    Es war die Zeit des Eisenbahnbaus, der ETH-Gründung und des „Systems Escher“. Wie kein anderer vor oder nach ihm dominierte der Zürcher Alfred Escher (1819-1882) Politik und Wirtschaft. Es gab keine direkte Demokratie und keine Verbände, kein Verbot gegen Ämterkumulation und keine Karenzfristen. Die Wirtschaftsliberalen hatten freie Bahn. Ende der 1860er Jahre kam diese Epoche an ihr Ende. Die „Demokraten“ opponierten mit Erfolg gegen das „System Escher“ und setzten die direkte Demokratie durch, zuerst in einigen Kantonen, dann auf Bundesebene. Auch die Gründung von staatlichen Kantonalbanken war ein wichtiges Anliegen, das die Demokraten mit Erfolg durchsetzten. 1874 kam es zu einer grossen Verfassungsrevision auf eidgenössischer Ebene. Jung: „Die politische Kultur in der Schweiz hatte sich grundlegend geändert.“ Es ist die politische Schweiz, die wir heute kennen.

    Diese hohe Konzentration von Gründungen in den 1850er- und 1860er-Jahren bringt es automatisch mit sich, dass der Anteil von reformierten Männern besonders hoch war, Zürich als Standort für Unternehmensgründungen dominierte und viele Unternehmer Politiker waren und im Militär Karriere machten. Im jungen Bundesparlament waren liberale Abgeordnete, die in der Wirtschaft tätig waren, sogar in der Mehrheit. Heute bilden sie nur noch eine kleine Gruppe.

    Unternehmenspionierinnen gab es durchaus, etwa Susanna Orelli-Rinderknecht (1845–1939), die massgeblich an der Gründung des Zürcher Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl (heute ZFV-Unternehmungen) beteiligt war. Aber ihr Anteil war lange Zeit sehr klein. Auch das hat sich mittlerweile geändert.

    Von zeitloser Gültigkeit dürften hingegen folgende Ergebnisse sein: Die Pioniere stammten aus allen sozialen Schichten, waren nicht selten Einwanderer, genossen meist eine gute Ausbildung (d.h. mindestens eine Berufslehre) und begannen ihren Erfolgsweg in jungen Jahren. 35 Prozent gründeten ihr Unternehmen, als sie zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, und 41 Prozent, als sie zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. Ein Pionier hat sein Unternehmen sogar im Alter von 16 Jahren gegründet: Armand Dufaux (1883-1941). Zusammen mit seinem älteren Bruder entwickelte er einen leichten Explosionsmotor, der wie eine Tasche an eine Fahrrad an ein Velo montiert werde konnte („Motosacoche“).

    Fazit: Die Gründung von Pionierunternehmen ist nicht nur einigen wenigen Privilegierten gelungen. Im Prinzip haben alle eine Chance, wenn sie sich gut ausbilden lassen und früh genug anfangen.

  • Die Solothurner Hightech-Waffen-Erfinder des 18. Jahrhunderts
    08.01.2017, Schweiz am Sonntag, über Waffentechniker
    107, Bei Kaisern und Königen. Waffentechniker und Strategen von Weltruf von Fränzi Zwahlen-Saner

    Die Solothurner Hightech-Waffen-Erfinder des 18. Jahrhunderts
  • Titel
    Presse-Publikationsdatum (dd.mm.jj), Name der Zeitung, über
    Band-Nummer, Band-Titel, von Autor

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