Visionärer Flugzeugkonstrukteur
Die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge für die Schweizer Armee war schon immer konfliktträchtig. Vielleicht wären die Diskussionen über Pro und Contra oder über Flugzeugtypen gar kein Thema, hätte die Schweiz eine eigene starke Flugzeugindustrie aufgebaut.
Am 22. Juni 1907 kam Hans-Luzius Studer als Sohn des Bauingenieurs Hans Studer (1873–1957) und Emilie Greutert in Wiesen (GR) zur Welt. Aufgrund der verschiedenen Arbeitsorte seines Vaters musste Hans-Luzius oft die Schule wechseln und ging somit in Zollikon und Altdorf zur Primarschule und später in die Sekundarschule der SBB in Erstfeld. Danach besuchte er die technische Abteilung der Kantonsschule Luzern und später das Institut Dr. Tschulok in Zürich, nachdem die Familie wieder in Zollikon heimisch war. Im Herbst 1926 nahm er sein Studium an der ETH Zürich auf, das er 1931 erfolgreich als Maschineningenieur abschloss. Nach längerer Assistenzzeit wurde Hans-Luzius Studer 1935 wissenschaftlicher Mitarbeiter am neu gegründeten Institut für Aerodynamik beim bekannten Professor Jakob Ackeret (1898–1981), der sein Mentor und sein grosses Vorbild wurde. Studer promovierte 1936 bei ihm zum Thema «Experimentelle Untersuchungen über Flügelschwingungen» bei Flugzeugen.
Studers Ziel war es, Militäpilot zu werden. Doch in der Rekrutenschule wurde er durch eine Tuberkuloseerkrankung zurückgeworfen und beim ersten Wiederholungskurs im August 1929 erlitt er einen schweren Unfall beim Anwerfen eines Flugzeugs. Obwohl er nach einer zweijährigen Behandlungszeit mit verschiedenen Therapien geheilt und fast beschwerdefrei war, konnte er nicht mehr Militärpilot werden.
Am 1. Juli 1936, eine Woche nach seiner Heirat, trat Studer die Stelle als Assistent von Professor Claude Dornier (1884–1969) bei der AG für Dornierflugzeuge in Altenrhein an. Nach verschiedenen Konstruktionen wurde für ihn ab 1938 die Entwicklung, der Bau und die Flugerprobung eines ganz speziellen Flugzeugs sinnstiftend: es handelte sich dabei um ein Flugzeug, das zu Lande wie auch zu Wasser starten konnte. Daneben engagierte er sich in der Ausbildung junger Ingenieure, wobei er 1941 bei Dornier eine eigene Fachschule für Flugzeugtechniker gründete.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Zeitalter der Düsenflugzeuge eingeleitet, bei dem auch die Schweizer Armee mithalten wollte. Als Chefingenieur verantwortete Hans-Luzius Studer in den folgenden Jahren die Konstruktion des «P-16». Der auf den Tiefangriff spezialisierten Kampfbomber überzeugte mit kurzer Startbahn und hoher Geschwindigkeit. Doch die Politik favorisierte mit den Jahren ein Jagdflugzeug. Als der Prototyp P-16-03 am 25. März 1958 abstürzte, wurde dies zum Anlass genommen, die Serienfertigung abzubrechen.
Der Abbruch seines jahrelangen Flugzeugprojekts traf Studer schwer. 1959 verliess Studer die FFA und nahm eine neue Herausforderung bei amerikanischen Flugzeugbauer Bill Lear an. Er konnte diesen davon überzeugen, in der Schweiz ein neues Flugzeug zu entwickeln. Das Projekt verlief erfolgreich, bis Lear die Arbeiten ab der Flugerprobung in die USA verlagerte, um die dortige Zertifizierungsphase zu beschleunigen. Für Studer kam ein Wechsel in die USA nicht in Frage und so konnte er nur aus der Ferne beobachten, wie sein Flugzeug, der Learjet, für lange Jahre zum Verkaufsschlager und zur Legende unter den Business Jets wurde.
Am 21. September 1971 verstarb Hans-Luzius Studer in St. Gallen an den Spätfolgen der in seiner Jugend erlittenen Tuberkuloseerkrankung.