Presse/Rezensionen

  • "Hier herrscht Fleiss und guter Wille"
    05.02.2019, Der Bund, über
    Band 113, Fritz Ryff. Der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen, von Simon Wälti

    "Hier herrscht Fleiss und guter Wille"

    In den besten Jahren beschäftigte die Strickereifabrik Ryff in Bern über 400 Arbeiterinnen. Das Markenzeichen war ein weisser Schwan. Nun lässt eine Neuerscheinung die Karriere des «liberalen Patrons» Fritz Ryff Revue passieren.

    Als die Arbeiterinnen der Strickfabrik im Marzili in Bern im Juni 1917 nicht mehr spulen, stricken und nähen wollten, weilte der Patron, Fritz Ryff, in Afrika. Während seiner mehrere Jahre dauernden Abwesenheit führte Schwester Martha die Geschäfte des Unternehmens, das sich auch als «Swan Brand Knitting Works Switzerland» bezeichnete. Der Schwan war das unverkennbare Markenzeichen, es prangt noch heute am Gebädekomplex an der Sandrainstrasse. Martha Ryff war eine resolute Person, die für die Lage der Arbeiterinnen, die durch Teuerung und Nahrungsmangel während des Ersten Weltkriegs sehr angespannt war, nur ein beschränktes Verständnis aufbrachte. So entliess sie etwa vordem Streik zwei in der Gewerkschaft tätige Arbeiterinnen. Im «Textil-Arbeiter» hiess es, Martha Ryff sei unter dem Namen«Giftkröte» bekannt. Die Familie Ryff sei sehr reich geworden, meinte die «Berner Tagwacht» ihrerseits: «Und die armen Arbeiterinnen, die ihr den Reichtum erschunden, leben in Not und Sorgen.» Rund 280 Arbeiterinnen legten im Juni 1917 die Arbeit nieder. Nach zäen Verhandlungen gewärte die Firma schliesslich eine Teuerungszulage von zehn Prozent. Der Textilarbeiterverband frohlockte: «Die für ihre Brutalittä bekannte Firma wurde zum Rückzug gezwungen.»

    «Nach allen Seiten tadellos»

    Trotz der drastischen Worte: Die Firma, die in den besten Jahren mehr als 400 Arbeiterinnen und Dutzende von Heimarbeiterinnen beschäftigte, war kein «Sweatshop», in dem die Frauen rechtlos als Arbeitssklavinnen gehalten wurden. Im neusten Band in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» wird die Geschichte der Strickereifabrik, welche Unterwäsche für Damen, Herren und Kinder herstellte, aufgerollt. Fritz Ryff (1857–925) habe zur «Generation der paternalistischen Fabrikbesitzer» gehört, schreibt Historikerin Franziska Rogger. Die Fabrikinspektoren bezeichneten die Einrichtungen sogar als «nach allen Seiten tadellos». So sorgte Ryff etwa für Kranken- und Sparkasse, ärztliche Betreuung und hygienische Wannenbäder. Es gab eine Wandelhalle, eine Bibliothek und einen grossen Speisesaal, in dem ein Mittagessen mit Suppe, Fleisch, Gemüse, Brot, Tee oder Kaffee für 40 Rappen abgegeben wurde. Der Stundenlohn einer Arbeiterin betrug damals gut 30 Rappen. In der Kantine der Spinnerei Felsenau wurde mit 80 Rappen das Doppelte verlangt. Der Prinzipal Fritz Ryff, der für seine Ordnungsliebe bekannt war, speiste mehrmals pro Woche mit den Angestellten. Es habe «gut gemundet», hielt ein Fabrikinspektor 1915 fest. Auch während des Kriegs wurden trotz der Inflation die Preise nicht angehoben. In Vitrinen waren zahlreiche Souvenirs aus Afrika zu bewundern. Die erfolgreichsten Jahre hatte die Firma, die sich auf den Export ihrer «feinen» und «soliden» Produkte nach Grossbritannien und in die USA konzentrierte, vor dem Ersten Weltkrieg. «Die ryffschen Unterhemden waren anschmiegsam, ohne einen Köperteil plattzudrüken», heisst es im Buch. «Sie waren gesunde, saubere und unspektakuläre Longseller.» Die Strickwarenfabrik war 1890 neu erstellt worden. Sie florierte in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg. Der ganze Kanton Bern erfuhr damals in der Belle Epoque einen Modernisierungsschub. Die Elektrizitä aus Wasserkraft und der Bau der Eisenbahnen beföderten die Industrialisierung. Auch der Tourismus erlebte eine Blüte. Als wirtschaftlicher Pionier stand Ryff nicht alleine: Stark entwickelte sich etwa auch die Nahrungsmittelindustrie mit der Firma Wander, der Schokoladenfabrik Tobler und der «Berneralpen Milchgesellschaft» in Konolfingen.

    Fritz Ryff wurde in Sonceboz geboren, er hatte zwöf Geschwister. Sein Vater handelte mit Kolonialwaren, seine Mutter engagierte sich für die Frauenrechte. Durch eine mehrsprachige Ausbildung wurde er auf eine internationale Karriere vorbereitet. Schon früh ging Fritz Ryff ins Ausland, seine erste Anstellung fand er in Marseille in einem Geschät, das Handel in Afrika trieb. Ryff selber hielt sich zahlreiche Jahre auf dem Kontinent auf, so wie auch andere Familienmitglieder. Bruder Hans Otto betrieb eine Handelsgesellschaft in Sierra Leone. Eine Schwester war Missionarin, eine andere Reiseschriftstellerin. In Nigeria verband sich Fritz Ryff mit einer Einheimischen, mit der er 1883 einen Sohn bekam. Die Mutter, seine «amie néresse», starb wenige Jahre späer.

    Ehe blieb kinderlos

    Warum hielt sich Ryff während des Ersten Weltkriegs gut drei Jahre in Afrika auf, in einer Zeit, da die Autorität des Firmenchefs in Bern sehr nötig gewesen wäre? Die wohl wahrscheinlichste Antwort: Er wollte für seinen Sohn Frank ein Geschäft aufbauen. Vielleicht spielte er auch mit dem Gedanken, diesen als Nachfolger heranzuziehen, denn seine Ehe in der Schweiz mit Rose Garraux war kinderlos geblieben. Ryff hatte für seinen Sohn, den er allerdings nie förmlich anerkannte, auch eine Frau gefunden: Es war die jüngere Schwester seiner eigenen Gattin. Erst 1919, als es in der Firma zu neuen Arbeitskämpfen kam, fasste Fritz Ryff den Entschluss zurückzukehren. Er sei verstört und finde keine Ruhe mehr, bis er wieder in Bern sei, schrieb er. Zurück in der Bundesstadt, nahm der passionierte Reiter die Zügel in die Hand: Einerseits sorgte er für seine Arbeiterinnen und nahm die Tradition der Firmenausflüge wieder auf, andererseits schenkte er dem Bundesgesetz, das neu eine maximale Arbeitszeit von 48 Stunden festlegte, wenig Beachtung. 1921 erhielt er deswegen eine Busse von 50 Franken. Er gehörte zwar keiner Partei an, engagierte sich aber im Vorstand des Handels- und Industrievereins. Gegen staatliche Auflagen wehrte er sich aus Prinzip: Er wollte in seinem Betrieb nach eigenem Gutdünken schalten und walten. «Hier herrscht Fleiss und guter Wille», liess er in seiner Fabrik anschlagen. 1925 starb der Patron nach einer schweren Krankheit. Eine Nichte schrieb über ihren Onkel, dieser sei «eine seltsame Mischung aus grossem Ernst, Rohheit und Grosszügigkeit» gewesen, «durchaus ein bisschen verrückt». Der «Bund» sah ihn als Vorbild und als Mann «von vielseitigen Interessen». «Der Tod des Herrn Ryff macht es von neuem fühlbar, dass die Industrie geistige Potenzen hat, die auch im öffentlichen Leben besser zur Geltung kommen sollten.» So liesse sich ein «gröserer und frischerer Zug in Gemeinde und Staat fördern, schrieb der «Bund» im Nachruf.

    Ryffs Pläne, einen schwungvollen Handel mit Produkten aus Nigeria aufzubauen, hatten sich schon vor seinem Tod zerschlagen. Auch der Geschäftsgang seiner Berner Firma gestaltete sich zusehends schleppend. Nicht zuletzt wegen der hohen Zölle in den USA und in England musste die Ware vermehrt im Inland abgesetzt werden. 1933 zog sich die Familie Ryff ganz zurük. Noch gut zwei Jahrzehnte hielt sich die Firma üer Wasser, zum Beispiel mit Lingerie («Swanettes») und Badeanzügen. Mitte der 1950er- Jahre war endgütig Schluss. Autorin Franziska Rogger schreibt, der «Schwanengesang» habe «quälend lange» gedauert.

    Wattepanzer fürs Museum

    Die Firmengebäude gingen 1956 an die Stadt Bern über. Auf einer Hinweistafel wird der Fabrikant als «sozial fortschrittlicher Patron» bezeichnet. Die Stadt trug sich zeitweilig gar mit der Absicht, in der Ryff-Fabrik ein Hallenbad als Ergäzung zum Marzilibad einzurichten. Die Gebäude werden heute als Gewerbepark mit Ateliers genutzt. 2012 zog auch die Kinemathek Lichtspiel mit ihren Sammlungen ein. Ryff ist heute noch präsent durch seine in Westafrika gesammelten Gegenstände, die sich im Bernischen Historischen Museum befinden. Für seine Reisen hatte er auch eine Wunschliste des Museums erhalten. Den Leiter der vökerkundlichen Sammlung verlangte es nach einer Wattepanzer-Rüstung. Basel hatte auch schon eine solche Rarität. Ryff erfülte den Wunsch und brachte die Rütung eines Gardereiters des Sultans von Bornu aus dem Norden Nigerias mit.

     

    Seite_19_Der_Bund_2019-02-05

  • Ode an den exotischen Industriepionier
    04.02.2019, Berner Zeitung, über
    Band 113, Fritz Ryff. Der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen, von Jürg Steiner

    Ode an den exotischen Industriepionier

    Der Strickerei-Industrielle Fritz Ryff, eine Saftwurzel, hinterliess im Marzili das Industriegebäude, in dem sich heute die Kinemathek Lichtspiel befindet. Franziska Rogger hat sein turbulentes Leben aufgearbeitet.

    Ein wenig tönt es, als käme Franziska Rogger (69) gerade von einem Kaffee mit Fritz Ryff im Restaurant der Dampfzentrale – so nahe ist ihr der imposante, aber in Vergessenheit geratene Berner Industriepionier in den letzten Jahren gekommen. Die renommierte Historikerin Rogger, bis 2010 Archivarin der Universität Bern und Autorin mehrerer Bücher zur Schweizer Frauengeschichte, steht auf einer kunstvoll verzierten Aussentreppe des markanten Backsteinhauses an der Sandrainstrasse, das heute unter anderem das Lichtspiel beherbergt. Das war Ryffs Reich, ein brummender Textilproduktionsbetrieb im Fieber der Industrialisierung vor gut 120 Jahren, der architektonisch herausstach. Das Fabrikgebäude der Ryff & Cie. sei «kein Vergleich zu den eintönigen Betonklözen der Profitmaximierer», schwärmt Rogger. Und erst wie er die Umgebung zwischen Fabrikgebäde und Aare herrichtete: «Keine Autos, keine Parkpläze wie heute, sondern ein toller Kurpark, der Seitenarm der Aare offen, am Wasser zahlreiche Bänklein.» Es ist, als stünde Franziska Rogger in Ryffs kleinem Naturbijou in der pulsierenden Industrielandschaft Marzili , wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Franziska Rogger, die mit dem Wirtschaftspublizisten Beat Kappeler verheiratet ist, atmet tief durch: «Ich denke, dass ihm das Schöne nützlich schien, weil es die Stimmung hob.»

    Abenteuerlustiger Pedant

    Franziska Rogger hat Fritz Ryff, der 1925 starb, natürlich nie getroffen. Aber sich so intensiv mit ihm beschäftigt, dass er als pralle, nicht zu bremsende, exotische Berner Unternehmerfigur in ihrem Buch aufersteht. Als Fritz Ryff mit seiner fast ausschliesslich weiblichen Belegschaft 1890 die neu gebaute Industriestrickerei im Marzili bezog, war die Dampfzentrale kein Ort für Kulturveranstaltungen, sondern ein nahe gelegener Energielieferant.

    Der verhaltene Agrarkanton

    Bern machte sich plötzlich entschlossen auf ins Industriezeitalter – für ein 30 Jahre dauerndes Zeitfenster unbernischer Dynamik, in dem auch burgerlich dominierte Finanzinstitute in neue Branchen zu investieren begannen. Und in dem bis heute funktionierende Berner Marken wie die BLS, das Jungfraujoch, Ovomaltine und Toblerone geschaffen wurden. Ryff sei ein typischer Vertreter dieser Aufbruchperiode gewesen, sagt Rogger, zumal er als Textilunternehmer in einer Leitindustrie tätig gewesen sei. Fasziniert hat die Historikerin aber in erster Linie seine Persönlichkeit, eine «verrückte Kombination von Charakterzügen», wie sie sagt. Ryff, ein respektabler Schnauz im Gesicht, war ein ordnungsversessener, gegenüber Staat und Gewerkschaften fast militant kritischer Patron, mit allerdings intaktem sozialem Gewissen und ungewöhnlicher Abenteuerlust. «Er war schon damals», sagt Rogger, «was man heute gerne für sich reklamiert: globalisiert und weltoffen.»

    Renitent und gutherzig

    «Hier herrscht Fleiss und guter Wille», dieser Satz stand für alle sichtbar an einer Innenwand der Fabrik, deren Arbeiterinnen unter dem englischen Label «Swan Knitting Works» mit einem kleinen Schwan gekennzeichnete Wäsche herstellten. Als der Staat die im Vergleich zu heute horrenden Wochenarbeitszeiten zu reglementieren begann, übte sich Ryff in Verweigerung und nahm Bussen in Kauf. Er glaubte, dass eine Arbeitszeitreduktion das Überleben seines exportorientierten Unternehmens gefährde, das ihm, so Rogger, am Herzen lag wie seine Familie. Obschon Ryff Gewerkschaften und Staat verteufelte, integrierte er auch Taubstumme in seinem Betrieb. Für die Arbeiterinnen,die er einerseits zu überlangen Arbeitstagen nötigte, richtete er anderseits zu einer Zeit, als man weder einen Sozialstaat noch fliessendes Wasser im Haus kannte, Kranken- und Pensionskassen ein. Ryff bot medizinische Versorgung und hygienische Wannenbäder an und verbilligte das Essen. Dreimal in der Woche verpflegte er sich selber mit seinen 400 Arbeiterinnen im Speisesaal der Fabrik.

    Ambitionierter Globalisierer

    Nichts ging Ryff über seine Firma. Trotzdem brach er wiederholt auf zu ausgedehnten, mitunter mehrjährigen Reisen nach Afrika. Aus den historischen Quellen könne man nicht mit Sicherheit auf seine Motivation schliessen, sagt Franziska Rogger. Sicher ist aber, dass Ryff in Nigeria einen Sohn hatte, der später die Schwägerin des Seniors heiratete. Man weiss auch, dass Ryff mit seinem Bruder in einer Art frühem Globalisierungsdrang in Westafrika eine Exportgesellschaft aufbaute. Er war aber auch ethnologisch interessiert und schaffte unzählige Exponate nach Bern, die heute laut Rogger im Keller des Historischen Museums lagern. Als Fritz Ryff 1925 mit 68 Jahren nach monatelanger Krankheit starb, war er eigentlich noch lange nicht fertig. Das Afrika-Geschäft, das nie richtig ins Fliegen kam, vor allem aber die Wäschefabrik zu Hause hätte angesichts des wachsenden Konkurrenzdrucks wohl die Innovationskraft des Gründers gebraucht. Ohne ihn verschwand der Swan-Brand nach 30 qualvollen Jahren 1959 vom Markt. Kurz zuvor hatte die Stadt Bern in einem letzten Rettungsversuch das Areal gekauft, das ihr bis heute gehört. Für Franziska Rogger ist Fritz Ryff hingegen erst der Anfang. Sie arbeitet an einem Buch über dessen Mutter Julie Ryff-Kromer, einer Pionierin der schweizerischen Frauenbewegung. Julie Ryff, verspricht Rogger, sei als Figur noch viel bedeutender gewesen als Sohn Fritz. Das will etwas heissen.

    Seite_5_Stadt__Region_Bern_2019-02-04

  • Der "Türken-Müller" im Orient
    03.07.2018, Tagblatt der Stadt Zürich, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Isabelle Seemann

    Der "Türken-Müller" im Orient

    Der «Türken-Müller» im Orient

    Der Hype um die Eisenbahn ist auf seinem Höhepunkt, der Gotthard- Durchstich Thema Nummer eins. Angesteckt von der Euphorie, macht Jakob Müller, der älteste Sohn von «Metzger Jöggel» aus dem luzernischen Rain, 1875 eine betriebliche Anlehre bei Alfred Eschers Nordostbahn. Mit zwanzig Jahren wird er als Fachkraft abgeworben in den Orient, doch muss er sich zuerst als Stationsvorsteher in Konstantinopel (heute Istanbul) die Sporen abverdienen. In rasantem Tempo steigt der Schweizer zu höchsten Ehren und Ämtern empor. Er wird zuerst Subdirektor und 1913 Direktor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen, die den legendären Orientexpress betreibt. Sein Gehalt ist fürstlich mit 32 000 Francs, und wenn die Familie in die Schweiz reist, wird ein eigener Salonwagen an den Orientexpress gehängt. Zu Hause nennt man ihn den «Türken-Müller». Doch die Lösung der ihm gestellten Aufgaben erweist sich während der beiden Balkankriege und fortlaufenden Unruhen in der Türkei als sehr schwierig. Am laufenden Band gibt es Bombenattentate auf die Gleise. Brücken und Viadukte werden gesprengt.

    Der Erste Weltkrieg bricht aus.

    Dank seiner starken Persönlichkeit, seiner Neutralität als Schweizer und seines diplomatischen Geschicks findet Müller immer Wege und Mittel, um die Orientbahn am Laufen zu halten. Selbst wenn die Züge für Truppen- und Materialtransporte benutzt werden. Mit 60 Jahren tritt Müller von seinem Posten zurück. Im Laufe seiner 40-jährigen Karriere bedachten ihn sieben Regierungen mit insgesamt sechzehn Orden und Ehrenzeichen.

    Er zieht mit seiner Familie an den Zürichberg, in eine Villa an der Germaniastrasse 56. Doch kann er seinen Ruhestand nur noch fünf Jahre geniessen, bevor er an Lungenkrebs stirbt. Am 16. Oktober 1922 wird er auf dem Friedhof Nordheim beigesetzt.

    Rezension_Zürcher_Tagblatt

  • Mitglied des Monats Juli 2018 bei Switzerland Global Enterprise Merz+Benteli AG
    04.07.2018, Switzerland Global Enterprise, über
    Band 111, Merz & Benteli. Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht, von merz+benteli

    Mitglied des Monats Juli 2018 bei Switzerland Global Enterprise Merz+Benteli AG

    Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht

    Walter Merz und Albert Benteli gründeten 1918, noch während des Chemiestudiums, die gleichnamige Firma, um qualitativ hochwertige Leucht- und Klebstoffe herzustellen, die in der Uhrenindustrie verwendet wurden. Über viele Jahrzehnte war der vollsynthetische und wasserfeste Klebstoff Cementit in den meisten Schweizer Haushalten Teil des Alltags. Heute entwickelt, produziert und vermarktet merz+benteli technologisch führende elastische Kleb- und Dichtstoffe höchster Qualität.

    Lokal verankert, international erfolgreich

    Über 100 Mitarbeitende sind für merz+benteli am Standort in Niederwangen bei Bern tätig. Das Familienunternehmen fokussiert sich, als Nischen-Player in einem weltweit umkämpften B2B-Markt, auf die Lösung anspruchsvoller Kundenbedürfnisse. Mit ausgewählten Marktpartnern im In- und Ausland erzielt merz+benteli einen Jahresumsatz von rund CHF 50 Millionen (20% in der Schweiz, 80% im Export). Mit den Marken Gomastit für Bauanwendungen, Merbenit für Industrieapplikationen sowie Merbenature aus über 50 % nachwachsenden Rohmaterialien positioniert sich merz+benteli ag als eigenständiger und unabhängiger Spezialist für innovative Marktleistungen rund ums Dichten, Kleben und Schützen.

    Forschung sichert Zukunft

    «Heute spüren, was morgen gefragt ist, heute entwickeln, was sich viele Jahre bewähren muss: Qualität steht bei uns im Vordergrund. Dafür investieren und forschen wir», erläutert der Leiter Forschung + Entwicklung, Fritz Burkhardt. Der Dicht- und Klebbranche wird laut Studien eine vielversprechende Zukunft vorausgesagt, weil Kleben gegenüber konventionellen, mechanischen Fügetechniken Vorteile aufweist – insbesondere bei Verwendung von gewichtsreduzierenden Kunststoffen und Composites.

    Bekenntnis zum Standort Schweiz

    «Es gibt viele Gründe für den Erfolg von merz+benteli. Einer heisst „Swissness“. Die exklusive Entwicklung und Herstellung in der Schweiz garantiert konstante Produkteigenschaften, ständige Innovation und konsequent eingehaltene Umweltstandards. Wir möchten mit Dichten und Kleben weitere 100 Jahre erfolgreiche Schweizer Wirtschaftsgeschichte schreiben», so Dr. Georges Bindschedler, Delegierter des Verwaltungsrates.

    Rezension_Switzerland_Global_Enterprise

     

  • Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress
    14.06.2018, Zürich 2, Lokalinfo, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Pascal Wiederkehr

    Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

    Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

    Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Gotthard-Durchstich das Thema der Epoche. Der «Hype» der Eisenbahnen hatte auch Einfluss auf den jungen Jakob Müller aus dem luzernischen Rain. Kein Wunder also, trat er 1875 bei Alfred Eschers Nordostbahn ein – wohl für eine betriebliche Anlehre, wie es im neuen Buch «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» heisst. «Die Schweiz war ein bevorzugter Arbeitsmarkt für Ingenieure und Beamte des Eisenbahnwesens», schreibt Autor Karl Lüönd. Entsprechend konnte es auch passieren, dass die Fachkräfte vom Ausland abgeworben wurden. Jakob Müller verschlug es 1877, mit 20 Jahren, nach Konstantinopel. Dort nahm er eine Stelle als Stationsvorsteher an. Seit 1883 verkehrte der Orientexpress zwischen Paris und der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs und Müller arbeitete quasi an deren Endstation im Orient.

    Osmanisches Reich fiel zusammen

    Doch der Luzerner, der seinen Ruhestand am Zürichberg verbrachte, stieg rasch auf. Mit 42 Jahren wurde er Subdirektor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen – kurz Orientbahn. Eben dieser Bahngesellschaft, die den weltberühmten Orientexpress betrieb. Sein Jahresgehalt betrug 32 000 Francs, was für damalige Verhältnisse «ein fürstliches Auskommen» darstellte. Der Vizedirektor einer schweizerischen Grossbank habe maximal 20 000 Franken verdient. Das Einkommen ermöglichte Müller laut Lüönd einen komfortablen Lebensstil. Im Sommer lebte er mit seiner Familie in einer Villa am Bosporus, nahe der Orientbahn, «sodass der Vater zu Fuss zum Dienst gehen konnte». Im Winter wohnte man im Konstantinopler Ausländerviertel Pera in einer grossen Wohnung. «Wenn die Familie in die Schweiz reiste, wurde ein Extrawagen an den Orientexpress gehängt», so Lüönd. Doch das Geld musste sich der spätere Wahlzürcher verdienen. Das Osmanische Reich war im Begriff zusammenzubrechen. Die Griechen und Bulgaren sowie Serbien forderten die Unabhängigkeit. Im Buch dokumentiert Karl Lüönd die damalige Zeit unter anderem anhand von Fotografien aus einem von Jakob Müller angelegten Album. Am 5. Juni 1911 reiste Sultan Mehmed V. für drei Wochen durch die europäischen Provinzen seines Reiches. Er wollte dem wachsenden Nationalismus bei seinen Untertanen entgegenwirken. Müller, der dem Sultan freundschaftliche verbunden war, begleitete ihn und fotografierte das Geschehen. Obwohl die Bilder geordnete Verhältnisse zeigen, kam die Friedensmission zu spät. Von 1912 bis 1913 wüteten die Balkankriege. Das Osmanische Reich war gezwungen, sich im europäischen Teil seines Staatsgebiets bis auf die Grenzen der heutigen Türkei zurückzuziehen. Müllers Ziel, ab 1913 als «oberster Manager», war es immer, die Orientbahn weiter zu betreiben – was viel diplomatisches Geschick erforderte. «Der Alltag in diesen unruhigen Zeiten war turbulent», schreibt Lüönd, der bereits über fünfzig Biografien und Sachbücher publiziert hat. Im Sommer 1911 sei keine Woche ohne Zwischenfälle vergangen. Am laufenden Band gab es Bombenattentate auf die Gleise. «Die im Balkankrieg angerichteten Schäden an Strecken und Rollmaterial der Orientbahn waren enorm», so Lüönd. Mehrere Brücken und Viadukte waren gesprengt worden. Auf dem Hauptnetz befanden sich 16 von 79 Lokomotiven in fremden Händen.

    Bahn war stets rentabel

    Doch selbst als der Erste Weltkrieg folgte, rentierte die Orientbahn weiter. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr schwanden zwar massiv dahin, dafür nahmen Waren- und Truppentransporte zu. Zudem betrieb die Gesellschaft den öffentlichen Nahverkehr in Konstantinopel und Saloniki. Neben vielen geschichtlichen Informationen beleuchtet das vom Verein für wirtschaftshistorische Studien herausgegebene Werk die interessanten Hintergründe rund um die Finanzierung der Bahn.Mit 60 Jahren, am 26. November 1917, gab Müller seinen Rücktritt. 40 Jahre im Dienst der Orientbahn waren wohl genug. «Offenkundig sah Müller das Nachkriegs-Chaos kommen und zog sich rechtzeitig zurück », urteilt Lüönd. Er zog in die Schweiz, nach Zürich. Dort lebte der an Lungenkrebs erkrankte Bahnpionier fünf Jahre an der Germaniastrasse 56. Er wurde am 16. Oktober 1922 auf dem Friedhof Nordheim nahe des Bucheggplatzes beigesetzt.

    Lokalinfo_Türken-Müller

     

  • Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn
    01.05.2018, Eisenbahn Amateur, über Band 110, Der Türken-Müller, von Anton Heer
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Karl Lüönd

    Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn

    Der Türken-Müller

    Ein Luzerner und die Orientbahn

    Mit dem jüngsten Band der Pioniere-Reihe würdigt der Publizist Karl Lüönd einen eher ungewöhnlichen Aspekt der Schweizerischen Eisenbahngeschichte. Denn die Orientbahn und der Orient-Express der Jahrhundertwende waren eng verbunden mit dem Namen des Luzerner Eisenbahners Jakob Müller (1857-1922) – und mit dem «Export» schweizerischer Expertise im Eisenbahnwesen. Die Biografien Müllers – er war zuletzt Generaldirektor der Orientbahn – sowie einiger seiner Weggefährten lassen die vielfältigsten Herausforderungen jener politisch ungewissen Zeit fern der Heimat erahnen. Die vorliegende Publikation erinnert nicht zuletzt auch an die hochqualifizierten Auswanderer, die sich beim Bau neuer Eisenbahnen im Orient bewährten.

  • Chef des Orientexpresses. Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900
    26.04.2018, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 110, Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn, von Tobias Müller

    Chef des Orientexpresses. Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900

    Chef des Orientexpresses

    Die Karriere eines Luzerner Bauernjungen um 1900

    Was wäre die Schweiz ohne ihre Pioniere? Während die heutigen Wirtschaftsführer dem interessierten Publikum bekannt sind, drohen mutige Unternehmer vergangener Tage in Vergessenheit zu geraten. Deshalb hat es sich der Verein für wirtschaftshistorische Studien zur Aufgabe gemacht, geschichtliche Vorreiter im Rahmen einer Buchreihe vorzustellen. Die neueste Ausgabe «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» von Karl Lüönd beleuchtet die steile Karriere des Luzerner Bauernsohns Jakob Müller, der oberster Chef vom Orientexpress wurde.

    Heute ist die Schweiz als Einwanderungsland bei Fachkräften aus aller Welt begehrt, doch für lange Zeit war sie ein Auswanderungsland. Viele Schweizer Bauern und Handwerker, aber auch Ingenieure und Ökonomen zog es in Richtung Westen. Als dieser infrastrukturell mit der modernen Technik des 19. Jahrhunderts ausgestattet war, richtete sich der Blick gegen Osten. Der Orient wurde vor allem mithilfe der Eisenbahn erschlossen, die Lüönd als das «Internet des 19. Jahrhunderts» bezeichnet. Im Eisenbahnwesen fing Jakob Müller ganz unten an: als Stationsgehilfe in Konstantinopel. Später stieg er zum Konzernchef des Unternehmens auf, das neben dem Orientexpress noch weitere Bahnen betrieb. Er führte ein fürstliches Leben in einer Villa im noblen Viertel Pera. In die Schweiz konnte er mit seiner Familie in einem Extrawagon reisen, der bei Bedarf einfach an den Orientexpress angehängt wurde.

    Neben Unternehmensführung war beim Eisenbahnbau auch Finanzakrobatik gefragt. Hierbei offenbart das Buch Erstaunliches: Dass neben der damals noch führenden Deutschen Bank auch die Schweizerische Kreditanstalt «im Olymp des Eisenbahn-Finanzwesens» ganz vorne mit dabei war, dürften selbst zu jener Zeit nur Insider gewusst haben.

  • Ein Mann mit sehr vielen Begabungen
    27.09.2017, Schaffhauser Zeitung, über
    Band 109, Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik, von Karl Hotz

    Ein Mann mit sehr vielen Begabungen

    Ein Mann mit sehr vielen Begabungen

    Er war ein IT-Spezialist von Weltruf, wechselte dann aber in die Politik – und war auch dort erfolgreich. Joseph Jung zeichnet das Leben von Hans Künzi (1924–2004) nach.

    Beginnen wir mit einer Anekdote: Max Bosshard war einst Veloprofi in den Zeiten von Kübler und Koblet. Später wurde er Sattler und Tapezierer. Schliesslich wurde er als Kunstmaler bekannt und führte in einem alten Bauernhaus in Sitzberg eine Galerie. Dort stellte Ende der Siebzigerjahre der Wetziker Hans Künzi aus. Der Zufall wollte es, dass der Fotograf des «Zürcher Oberländers» ebenfalls Hans Künzi hiess. Die beiden luden einen dritten Hans Künzi ein, seit 1971 Zürcher Regierungsrat. Der folgte der Einladung gerne. Natürlich gab es ein Erinnerungsfoto mit allen dreien.

    Dass er an einem Samstagnachmittag den Weg in den entlegenen Weiler hoch über dem Tösstal unter die Füsse nahm, war typisch für Hans Künzi. Er hatte stets ein offenes Ohr für alle und erfüllte alle Anliegen, wenn es ihm zeitlich möglich war. Es waren diese Offenheit und diese Menschlichkeit, die ihn fast allen sympathisch machten und die ihm viele Türen öffneten.

    Pionier einer neuen Technik

    Das funktionierte aber nur, weil diese Haltung sein tiefstes Wesen widerspiegelte. Da war nichts gespielt, nichts aufgesetzt – Künzi konnte (und wollte) wahrscheinlich gar nicht anders. Schon früh zeichnete sich zudem ab, dass Künzi kein Blender, sondern ein glänzender Wissenschaftler war. Direkt nach seinem Doktor in Mathematik bot ihm sein Doktorvater Andreas Pfluger an, an der ETH Zürich eine Habilitation zu schreiben, die er 1954 einreichte. Mit 30 Jahren wurde er Privatdozent an der ETH und schon ein Jahr später auch Dozent an der Universität Zürich. Wie gut Künzi in seinem Fach war, zeigte sich daran, dass er schon während des Studiums intensive Kontakte zu Professor Hans Wittich an der Universität Karlsruhe pflegte. Der renommierte Mathematiker öffnete ihm wieder-um Kontakte zum Springer-Verlag – dem führenden Verlag im deutschsprachigen Raum in Mathematik –, bei dem er ab 1955 regelmässig Bücher veröffentlichen durfte.

    Eine Karriere als Mathematiker schien vorgezeichnet. Doch es kam anders. Der vielseitig interessierte junge Mann stiess 1955 an einer Fachtagung auf Operations Research (vgl. Kasten), ein  damals neues Anwendungsfeld mathematischer Techniken unter Einbezug der ebenfalls noch neuen Computer. Künzi war fasziniert. Ein Studienaufenthalt in den USA, wo das neue Gebiet intensiv erforscht und entwickelt wurde, führte dazu, dass ihm die University of Minnesota mit ihrem später berühmten Institute of Technology (MIT) eine Professorenstelle antrug. In Zürich wurde man hellhörig, denn dort war man daran, ein Fachgebiet Operations Research einzurichten – dafür wollte man den erst 33-Jährigen ebenfalls als Professor. Fast wäre das Projekt aber gescheitert. Der Regierungsrat lehnte nämlich im ersten Anlauf die neue Professorenstelle ab. Paul Meierhans hatte seine Kollegen gewarnt: Künzi werde bestimmt verlangen, dass die Universität Computer anschaffe, was sich der Kanton schlicht nicht leisten könne! Nach Protesten aus der Wissenschaft besann sich das Gremium eines Besseren. Künzi wurde für sechs Jahre als ausserordentlicher Professor gewählt.

    Rasch zeigte sich, dass Künzi für das junge Fachgebiet ein Glücksfall war. Zürich wurde rasch zu einem Zentrum, das Studierende aus aller Welt anzog. Natürlich brauchte es dazu auch Computer, deren Anschaffung Meierhans so sehr gefürchtet hatte. Der junge Professor zeigte aber, dass es auch anders ging. Er knüpfte rasch Kontakte zur Privatwirtschaft, die bei ihm Untersuchungen bestellte und Projekte entwickeln liess. Weil die dazu angestellten Assistenten und Doktoranden den Finanzrahmen des Instituts sprengten, liess er die Projekte von den Auftraggebern finanzieren – ein damals höchst ungewöhnliches Vorgehen. PTT, Swissair, Nestlé, Landis & Gyr und viele andere Firmen gehörten zu den Kunden. Bahnbrechend war es auch, den berühmten Plan Wahlen zur Sicherstellung der Ernährungsgrundlagen im Zweiten Weltkrieg mit Mitteln der Operations Research an die Gegebenheiten der Sechzigerjahre anzupassen.

    An der Uni Grosses geleistet

    Die Datenflut, die Künzi und seine Mitarbeiter zu bewältigen hatten, war riesig. Künzi wollte und brauchte eine Computeranlage. Auch hier ging er ungewöhnliche Wege. Ein IBM 1620 wurde im Rahmen eines Pilotprojekts lediglich gemietet. Und zwar nicht von seiner Fakultät, sondern von der rechts- und staatswissenschaftlichen, die damit ein «Rechenzentrum der Universität» betreiben sollte. Künzi wurde damit auch zu einem Wegbereiter der Computerwissenschaft in der Schweiz – der Zustrom von Studenten, aber auch von bereits Diplomierten für ein Nachstudium nahm weiter zu. Jung zählt eine fast endlose Liste von Mathematikern und IT-Spezialisten auf, die aus Künzis Institut hervorgingen. 1967 wurde der erste Computer durch das brandneue Modell IBM 360 ersetzt, der diesmal gekauft und nicht gemietet wurde, eine völlig neu konzipierte Maschine, die den modernen Weg zur EDV öffnete. Künzi wurde 1966 auch von der ETH als Professor berufen.

    Das Corsairdebakel

    Es würde zu weit führen, alles auch nur anzutippen, was Joseph Jung aus Hans Künzis Hochschullaufbahn erwähnt. Eingegangen werden muss allerdings auf die Anwendung von Operations Research (OR) in der Armee, natürlich auch dank und mit Hans Künzi. Schon früh erkannten weitsichtige Militärs – beeinflusst auch von Forschungen in den USA –, dass komplexe Abläufe in der Armee mithilfe von OR besser verstanden und besser berechnet werden können. Simulationen aller Art wurden in Auftrag gegeben: Luftkriegsmodelle, Panzergefechte oder 1964 die Berechnung von Nachschubwegen im Rahmen einer Armeestabsübung.

    Das wohl grösste Projekt dieser Art allerdings endete in einem Debakel. Nach der völlig verpatzten Anschaffung des Kampfflugzeuges Mirage, das den nach ihm benannten Skandal auslöste, wollten die Militärs die anstehende Beschaffung weiterer Flugzeuge besser planen und absichern. Künzi schuf dafür ein Team von Mathematikern, Physikern, Ingenieuren, Ökonomen und Computerspezialisten, das im Military Operations Research (MOR) an der Universität Zürich zusammengefasst wurde. Über Jahre wurden die Daten aller infrage kommenden Flugzeuge minutiös erfasst und analysiert – immer mit dem gleichen Ergebnis. Das US-Flugzeug Corsair war für die geforderten Aufgaben eines Erdkampfflugzeuges am besten geeignet. Noch nie, so ist Jung überzeugt, sei eine Beschaffung der Schweizer Armee so gut abgestützt gewesen. Doch der Bundesrat fällte nach einer üblen Kampagne von Rüstungsfirmen aus der halben Welt sowie Schweizer Lobbyisten und Parlamentariern in deren Gefolge 1972 einen Nullentscheid: Es wurden gar keine neuen Flugzeuge beschafft. Jung, man spürt es förmlich beim Lesen, kann sich heute noch nicht erklären, geschweige denn es begreifen, welche Intrigen in und ums Bundeshaus zu diesem Schritt führten. Schon während die Evaluation des «Corsair» noch lief, wechselte Künzi, der seit 1967 für die FDP im Zürcher Kantonsrat sass, für viele überraschend sein Einsatzgebiet. Er liess sich 1970 als Kandidat für den Regierungsrat aufstellen und wurde prompt als Nachfolger für Bundesrat Ernst Brugger gewählt. Künzi hat in den gut 20 Jahren seiner Tätigkeit den Kanton Zürich in fast wörtlich zu nehmender Art in neue Bahnen gelenkt. Nicht umsonst gilt er als Vater der S-Bahn und des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV). Mit dieser Verkürzung wird man seinem Wirken allerdings nicht gerecht. Künzi hat von 35 Volksabstimmungen nicht weniger als 33 gewonnen, wobei das Themenspektrum von der Verlegung der Landwirtschaftsschule Strickhof über die Arbeitszeiten im Detailhandel oder ein neues Energiegesetz bis zur Wohnbauförderung oder die Leistungen an Arbeitslose reichte. Für wie gut seine Arbeit eingeschätzt wurde, zeigen auch seine Wahlresultate, die jedes Mal glänzend ausfielen.

    Die Spur für die S-Bahn gelegt

    Dennoch konzentrieren wir uns hier auf die S-Bahn. Der Start war gar nicht gut: 1973 wurden in der Stadt und im Kanton nämlich Projekte für eine S- und eine U-Bahn abgelehnt. Künzi wäre aber nicht Künzi gewesen, hätte er sich davon verdriessen lassen und für das Vorhaben nicht neue Wege gefunden. Zwei Probleme stellten sich: Erstens wollte der Bund, anders als beim gescheiterten Projekt, keine Mittel einschiessen, und zweitens mussten deshalb die SBB als Bauherrin fungieren, die sich an den Kosten auch nur marginal beteiligen wollten. Künzi wählte darum eine neuartige Finanzierung. Der Kanton und die Gemeinden sollten die Kosten gemeinsam tragen. Dazu brauchte es nicht nur einen Tarifverbund von etwa 40 bisherigen Verkehrsbetrieben, sondern eine einheitliche Grundlage für die Finanzierung. Das Resultat war der ZVV – eine für ganz Europa neuartige Organisations- und Finanzstruktur. Mit 76 Prozent Ja-Stimmen nahm das Volk die Vorlage an – nach der Abfuhr gut zehn Jahre zuvor eine erstaunliche Leistung. 1990 fuhren die ersten Züge in einem Netz, das seither kontinuierlich ergänzt wurde.

    Ein Jahr später trat Hans Künzi zurück. Seinem Naturell und seiner Schaffensfreude hätte es in keiner Weise entsprochen, sich nun zurückzulehnen. Er engagierte sich in einer Vielzahl gemeinnütziger Aktivitäten und Organisationen. So gehen etwa die berühmten Chagallfenster im Fraumünster auf eine Aktion Künzis zurück. Aber auch die Winterhilfe, die Lebensrettungs-Gesellschaft, das Forschungsinstitut für Paraplegiologie und viele andere durften auf seine Hilfe und sein Engagement zählen. Er galt dabei, wie schon als junger Professor an der Uni, als begabter Geldsammler, dessen Charisma kaum jemand widerstehen konnte.

     

     

  • Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier
    17.05.2017, Turicer INFO, über
    Band 109, Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik, von Clemens Fässler

    Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier

    Hans Künzi: Wengianer – Mathematiker – Pionier  

    Er hat die erste elektronische Datenverarbeitungslage an der Universität Zürich angeschafft und damit die Universität ins Computerzeitalter gebracht. Er hat den legendären Plan Wahlen für die kriegswirtschaftliche Vorsorge mit modernen Methoden und Mitteln des Operations Research nachgerechnet. Er hat für den Generalstab der Schweizer Armee ein neues Kampfflugzeug evaluiert, erstmals nach wissenschaftlichen Standards. Er war ein Mathematiker von Weltformat, wurde Pionier des Operations Research und etablierte dieses Wissenschaftsgebiet in der Schweiz. Dann wechselte er in die Politik und setzte sich mit dem Bau der Zürcher S-Bahn ein Denkmal: Hans Künzi.

    Hans Künzis erstes öffentliches Auftreten fällt in seine Mittelschulzeit. Mit einer Anthologie Solothurner Gedichte erntete er bei schweizweiten Zeitungen grosses Lob. Auch seine Jugendgedichte lassen aufhorchen. Künzis Gymizeit war aber nicht nur von Poesie geprägt, sondern auch von couleurstudentischem Treiben in der Wengia Solodorensis. Im Vergleich zu anderen Mittelschulverbindungen fällt auf, dass überdurchschnittlich viele Wengianer eine politische Karriere machen. In den Jahren 1941/43 traf man auf nicht weniger als drei Regierungsräte (SO, BE), drei Nationalräte (SO, AG, BS), einen Ständerat (SO), auf den Oltner und auch auf den Solothurner Stadtammann und mit Walther Stampfli v/o Cosinus selbst auf einen Bundesrat – allesamt aus den Reihen der Wengia. In dieses Netzwerk trat 1942 der junge Hans Künzi ein, ebenso angesprochen vom liberalen Geist der Verbindung wie der fröhlichen Burschenherrlichkeit. Dass er, getauft auf das Vulgo Klatsch, selber dereinst in die höchsten Sphären der Politik und der Wissenschaft aufsteigen würde, war wohl auch ihm damals ein fremder Gedanke.

    Der jüngste Uni-Professor 

    An einem Frühlingstag 1958 sass Hans Künzi vor dem Telefon und erwartete vom Staatsschreiber des Kantons Zürich die Nachricht über seine Wahl zum Professor an der Universität Zürich. Gerade mal zehn Jahre zuvor schloss Künzi sein Mathematikstudium an der ETH Zürich ab. Es folgten Doktorat und Habilitation im Bereich der theoretischen Mathematik. Seine Arbeiten fanden weltweit Beachtung, wurden in mehrere Sprachen übersetzt, er war in der «Champions-League» der Mathematik angekommen. Doch dann kam Künzi in Kontakt mit dem Operations Research und war begeistert vom neuen Fachgebiet. Er erkannte das Potenzial und das weite Wirkungsfeld, welches sich in der Unternehmens- und Organisationsforschung eröffnete. Bereits hatten ihm amerikanische Universitäten einen Lehrstuhl angeboten, als auch die Universität Zürich eine Professur für Operations Research mit Hans Künzi als Inhaber plante. Doch die Nachricht, die Künzi dann vom Staatsschreiber erhielt, war niederschmetternd. Der Regierungsrat wies den Antrag der Erziehungsdirektion zur Errichtung einer neuen Professur zurück. Nicht weil jemand am Leistungsausweis Künzis gezweifelt hätte. Aber der Regierungsrat befürchtete, dass mit einer Professur für Operations Research unweigerlich auch der Ruf nach einer Computeranlage geweckt würde, was die Kantonsfinanzen zu stark strapazieren würde. Wenige Wochen später wurde das Geschäft aber nochmals traktandiert und diesmal klappte es: Hans Künzi wurde für die Amtsdauer von sechs Jahren zum ausserordentlichen Professor für Ökonometrie und betriebswirtschaftliche Verfahrensforschung gewählt. Die anfänglichen Befürchtungen im Regierungsrat waren indes nicht ganz unbegründet. Bereits 1962 wurde an der Universität Zürich die erste elektronische Datenverarbeitungsanlage, eine IBM 1620, auf Betreiben von Professor Künzi installiert. Doch zweifelte nun niemand mehr an der Notwendigkeit und am Nutzen einer solchen Anschaffung.

    «So kam es, dass ein Computer vom Typ IBM 1620 angemietet und im damaligen Journalistischen Seminar der Universität, das an die Rämistrasse 58 dislozieren musste, aufgebaut werden sollte. Das war eine aufwendige Aktion. Unter den staunenden Augen gleich mehrerer Regierungsräte wurden mit Seilwinden die einzelnen Elemente des Computers durch das grosse Treppenhaus des Hauptgebäudes hochgezogen, wo das Rechenzentrum im Eckraum unter dem Uni-Turm provisorisch untergebracht w ar. Dort mussten die vielen Teile zusammengesetzt und montiert werden, bevor mit Lochkarten, Lochstreifen und Magnetband die Programme gestartet werden konnten. […]

    Im Vergleich zu heutigen Massstäben erscheint die IBM 1620 als ein Ungetüm von einem Gerät, das ein ganzes Zimmer ausfüllte. Damit hatte die Universität Zürich den ersten Schritt ins Computerzeitalter gemacht, ein Jahr nach der Universität Freiburg i. Ü. und ein Jahrzehnt später als die ETH Zürich, die in der Schweiz als «first mover» gilt.» (Jung, Künzi, S. 42)

    Mehr Kartoffeln, weniger Steaks! 

    Professor Künzi stellte «seine» IBM allen zur Verfügung. Nebst seiner Forschungstätigkeit erledigte er zahlreiche Aufträge für private Unternehmen, die kantonale Verwaltung und Bundesstellen.

    «Um die IBM 1620 rasch auszulasten und damit schlagende Argumente für eine noch leistungsfähigere Computeranlage zu haben, akquirierte Professor Künzi EDV-Aufträge von allen Seiten: von Universitätskollegen wie von der Wirtschaft, von der Armee wie von der kantonalen Verwaltung. Legendären Status erhielten zwei statistische Berechnungen: zum einen für die Kariesuntersuchungen in grossen Populationen von Schulkindern, die Thomas Marthalers Pionierrolle bei der Erforschung und Bekämpfung von Karies begründeten, zum andern für eine Sammlung von Notenfragmenten aus dem Mittelalter. Hier ging es darum, mittels Übereinstimmung von Teilsequenzen von Noten Relationen innerhalb von Teilmengen der Sammlung herauszufinden. Auch mit dieser Unterstützung trug das Rechenzentrum von Professor Künzi zu einer Pionierleistung bei. Denn Raymond Meylan, für den damals gerechnet wurde, entwickelte eine Methode, auf die sich spätere Musikwissenschafter beriefen.» (Jung, Künzi, S. 46)

    Bis heute massgebend ist Künzis kriegswirtschaftlicher Ernährungsplan, eine Neuberechnung und Fortsetzung des legendären Plans Wahlen (nach dem Landwirtschaftsspezialisten und späteren Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen benannt) aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Modell Künzi basierte auf Optimierungsmethoden mit mehreren hundert Bedingungen (Gleichungen und Ungleichungen) in ebenfalls mehreren hundert Unbekannten. So kam Künzi letztlich zu aktuellen Plänen für den Anbau, für die Rationalisierung und für den Vorrat von Nahrungsmitteln für die Bedürfnisse der auslaufenden 1960er Jahre. Künzis Neuberechnung des Plans Wahlen beruhte indes nicht nur auf den modernen Methoden des Operations Research, sondern ebenso auf dem Einsatz von grossen elektronischen Datenverarbeitungsanlagen. Damit war in der Schweiz die wirtschaftliche Kriegsvorsorge im Computerzeitalter angekommen. Im Unterschied zum Plan Wahlen, dessen Erstellung mehrere Mannjahre erfordert hatte, war es mit dem neuen Modell Künzi nun möglich, zukünftig verhältnismässig rasch die für die Schweiz optimale Anbauplanung zu berechnen. Und so beruht auch das heutige Konzept, trotz neuer Methoden und Fragestellungen, noch auf den Überlegungen, die Künzi vor mehr als 50 Jahren angestellt hatte.

               Der Corsair-Skandal

    Flugzeugbeschaffungen der Armee sind für die parlamentarische Debatte seit dem Zweiten Weltkrieg immer komplexe Rüstungsgeschäfte mit «Mehrfachsprengköpfen». Ideologische Welten prallen da aufeinander, mannigfache Partikularinteressen werden vorgebracht und die hohen Summen garantieren eine grosse Medienwirksamkeit auch für parteipolitische Spiele. Speziell explosiv war die Situation Mitte der 1960er Jahre. Die 1961 bewilligte Beschaffung der Mirage Kampfflugzeuge wurde zu einem Fiasko, der Bund musste mehrere 100 Millionen Franken Nachtragskredit bewilligen, führende Köpfe in der Armee und im Militärdepartement mussten ihre Sessel räumen. Und doch stand für den Ersatz der alten Venom-Flieger bereits die nächste Flugzeugbeschaffung vor der Tür. Der Generalstab zog die richtigen Lehren aus dem Mirage-Debakel und stellte die Flugzeugevaluation von Beginn an auf ein seriöses wissenschaftliches Fundament. In Hans Künzi fanden sie den richtigen Mann dazu. Als Leiter der elektronischen Datenverarbeitung an der Universität Zürich und als Professor für Operations Research verfügte er über das Knowhow für dieses Projekt. Die wissenschaftliche Modellstruktur gestaltete sich dann auch entsprechend komplex und wurde in verschiedene Teilmodelle aufgeteilt. Im Einsatzmodell beispielsweise war das Erdkampfflugzeug gegnerischen Bedrohungen durch Abfangjäger und Fliegerabwehr ausgesetzt. Seine Überlebensfähigkeit wurde dabei durch Simulationen festgestellt. Im Zielbereich musste die militärische Wirksamkeit erhoben werden – in Funktion der Nutzlast, der Bewaffnungsart und des Zielsystems. Unzählige Berechnungen mit mehr als 100‘000 simulierten Luftkämpfen führten schliesslich zu einem eindeutigen Resultat: das amerikanische Erdkampfflugzeug Corsair erfüllte als einziger Kandidat die Anforderungen. Doch der Bundesrat entschied 1972, den Kauf eines Kampfflugzeugs vorerst auszusetzen und damit den Corsair «abzuschiessen». Ein Skandal, der nicht nur damals Unverständnis und Entsetzen auslöste, sondern auch aus heutiger Sicht nicht begründbar ist.

    «Die für die Evaluation Verantwortlichen hatten alles richtig gemacht. Sie hatten aus dem Mirage-Debakel gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen: Das Rüstungsprojekt war in allen Belangen professionalisiert worden, die Evaluation war transparent, das Kostendach in alle Winkel erhärtet, die Medien zeitnah und inhaltlich adäquat informiert – kein Vergleich mit der Mirage-Evaluation ein paar Jahre zuvor. Doch dann kam alles anders und der Corsair wurde «abgeschossen». […]. Als Notlösung bewilligte das eidgenössische Parlament 1973 die Beschaffung einer weiteren Serie von revidierten Hunter-Flugzeugen und schliesslich 1976 mit einem Verpflichtungskredit von rund 1,2 Milliarden Franken 72 Maschinen des Typs Tiger der Northrop Corporation. Damit war die Ersatzbeschaffung für den missglückten Ankauf von 1972 innert kürzester Zeit gelungen. Allerdings war es nun nicht mehr der im Vietnamkrieg kampferprobte Corsair, der bei der US Air Force und der US Navy bis 1991 im Einsatz stehen sollte. Die Schweizer Fliegertruppen hatten – neben dem alten Hunter – mit dem neuen Tiger ein zwar günstiges, aber ein zweitklassiges Flugzeug erhalten. […]

    Hält man sich die hohen Standards vor Augen, die nach dem Mirage-Debakel mit der Evaluation eines neuen Erdkämpfers gesetzt wurden, dann ist die Wahl des Tiger nicht verständlich. Vergleicht man das Verfahren, das zum Beschaffungsantrag für den Corsair geführt hatte, mit demjenigen des Tiger, dann erscheint letzteres als ein Affront gegenüber den vorausgegangenen Untersuchungen und Abklärungen. Während der Corsair nach allen Regeln der Kunst und bis zur letzten Schraube minuziös evaluiert wurde, hatte es der Tiger der US-Firma Northrop, der in diese Evaluation ebenfalls eingeschlossen war, nicht geschafft, dem Corsair nahezukommen. Die Art und Weise, wie der Corsair ausmanövriert wurde, war ein Skandal, die Begründung des Bundesrates fadenscheinig. Der Tiger wiederum verdankt seine Wahl politischen Gründen und für ihn günstigen Konstellationen und Umständen. Für den Erdkampfeinsatz – bei der Corsair-Evaluation entscheidendes Kriterium – war er nicht ausgerüstet. Er profitierte 1976 von einem Konzeptionswechsel. Denn nun wollte man keinen Erdkämpfer mehr, sondern ein Flugzeug für den Raumschutz.» (Jung, Künzi, S. 78–79)

    Vater der Zürcher S-Bahn 

    Hans Künzi war keine Sportlernatur. Viel lieber widmete er sich seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten. Nur einmal stand er aber auf Langlaufskiern, im Rahmen seines Wahlkampfs als Regierungsrat 1970. Das Bild wurde als Plakat herausgegeben mit der Bemerkung, Hans Künzi sei ein «begeisterter Skilangläufer». Offensichtlich störte sich niemand an dieser werbetechnischen Übertreibung, denn Hans Künzi wurde mit grossem Vorsprung in den Regierungsrat gewählt. Als Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements interessierte er sich vor allem für die grossen Infrastrukturprojekte. Unter diesen ragte die S-Bahn hervor. Noch von seinem Vorgänger übernahm er das Projekt einer kombinierten U-Bahn und S-Bahn. Das ehrgeizige Projekt entsprach dem damaligen Zeitgeist, scheiterte aber 1973 in einer Volksabstimmung. Nun lag es an Künzi, den Scherbenhaufen zusammenzukehren und eine mehrheitsfähige Vorlage aufzugleisen. Nebst den technischen Fragen, wie dem Streckennetz und den notwendigen Ausbauten an Bahnhöfen, galt es insbesondere die Finanzierung zu klären. Künzis vorgehen war in beiden Bereichen pionierhaft. Die Konzentration auf die bestehende Infrastruktur von Eisenbahn, Tram und Bus drückte die Kosten im Vergleich zum Vorgängerprojekt massiv. Gleichzeitigt vermochte Künzi alle Beteiligten ins Boot zu holen und damit die Kosten breit zu verteilen. Das Projekt wurde schliesslich mit überwältigendem Mehr angenommen, von den eidgenössischen Räten ebenso wie dem Zürcher Stimmvolk. Seither entwickelte sich die Zürcher S-Bahn zu einer Erfolgsgeschichte und einem Vorzeigemodell für Schnellbahnen für Städte und Agglomerationen in ganz Europa.

    «Regierungsrat Künzi ging daran, eine neue Konzeption zu entwickeln. Eine bestechende Überlegung führte Künzi direkt zu seinem grossen Vorbild Alfred Escher. Dieser war nicht nur Wirtschaftsführer und Politiker gewesen, sondern auch Promotor des privaten Eisenbahnbaus. […] Exakt auf dieses Streckennetz, das hauptsächlich aus den 1850er bis 1870er Jahren stammte, wollte Künzi nun mit seiner neuen Konzeption der S-Bahn setzen. Denn er war zum Schluss gekommen, dass diese alten Bahnlinien – 1902 mit der Gründung der SBB an diese übergegangen – eine ausgezeichnete Grundlage auch für die neue S-Bahn seien.

    In der Tat waren die meisten grösseren Siedlungen des Kantons miteinander verbunden, weshalb der Hauptteil des geplanten S-Bahn-Netzes von 360 km über diese Infrastruktur geführt werden könnte. Künzi war sich bewusst, dass es qualitative Anpassungen brauchte: etwa den Bau eines mehrgleisigen unterirdischen Durchgangsbahnhofs unter der Museumstrasse, wodurch eine bedeutende Kapazitätsausweitung für den HB zu erzielen wäre, und die Errichtung eines neuen Ladengeschosses. Weitere wichtige Elemente in Künzis neuer Konzeption waren der Hirschengrabentunnel, der den Bahnhof Museumstrasse mit dem Bahnhof Stadelhofen verbinden und die bisherige Linie über den Letten ersetzen würde, oder der Bahnhof Stadelhofen, der erweitert werden musste. […]

    Schliesslich bewilligte der Kantonsrat die umfangreiche Kreditvorlage mit 98 gegen 10 Stimmen. Im Abstimmungskampf empfahlen die bürgerlichen Parteien wie auch die SP die Annahme der Vorlage. Am Sonntag, 29. November 1981, nahmen die Zürcher Stimmberechtigten den Staatsbeitrag von 523 Millionen Franken für den Ausbau der SBB-Anlagen zur Errichtung der S-Bahn mit einem Ja-Anteil von rund 74 % an. Dieses Resultat war glanzvoll. Es ist ebenso «historisch», hatte sich doch zum ersten Mal ein Kanton an einem Werk der SBB in einer derartigen Weise engagiert.

    Das Konzessionsgesuch über den Bau der Zürichberglinie wurde im Ständerat am 10. Juni 1982 behandelt, der Nationalrat folgte am 6. Oktober 1982. Hans Künzi hat es kein zweites Mal erlebt, dass im eidgenössischen Parlament derart positiv über Zürich gesprochen wurde. […] Die Vorlage wurde in beiden Räten einstimmig genehmigt: im Ständerat mit 27:0 und im Nationalrat mit 119:0. Ein historisches Resultat auch hier: denn nie in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates nach 1848 hatten die eidgenössischen Parlamentarier eine Sachvorlage mit einem solchen Ergebnis angenommen.» (Jung, Künzi, S. 147–151)

    Hochkarätige Vernissage 

    Das weitläufige und aussergewöhnliche Wirken Künzis zeigte sich auch an der Vernissage der Pionierpublikation. Über 200 Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Militär unterstrichen mit ihrer Anwesenheit ihre Wertschätzung für Hans Künzi. Unter ihnen befanden sich auch einige Turicer Fuchsen, Burschen und junge Altherren, die mit helfender Hand eine reibungslose Vernissage ermöglichten. Der Autor Jung v/o Matt diskutierte mit hochkarätigen Referenten das Erbe Künzis und seine Bedeutung für die heutige Zeit. Alt Bundesrat Adolf Ogi, Verkehrsminister bei der Einweihung der Zürcher S-Bahn, bewunderte Künzis Herzlichkeit, mit der er fast alles erreichen konnte. Künzi kannte jeden und war mit allen per Du. Doch ihre Namen vergass er und behalf sich stattdessen mit seinem legendären «Sali, Sali!». Übel nahm ihm das niemand, denn Künzi begegnete jedem offen und respektvoll. «Er war ein Professor, der auch einen Primarschüler aus Kandersteg respektierte!», urteilte Ogi. Gleichzeitig hätte Künzi auch den Mut und die Weitsicht für grosse Würfe gehabt, wie Konzeption und Bau der S-Bahn eindrücklich beweisen würden. Ogi forderte auch für die heutige Zeit grosse Würfe, beispielsweise mit einer radikalen Verlagerung des Schienenverkehrs unter die Erde. Eine Swiss-Metro ist für den Alt Bundesrat ein Gebot der Stunde bzw. der kommenden Jahre.

     

     

  • Die Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie
    08.12.2016, Der Bund, über
    Band 107, «Bei Kaisern und Königen», von Simon Wälti

    Die Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie

    Wie Schweizer ihren Erfindungsreichtum für fremde Armeen einsetzten

    Schweizer kämpften nicht nur während Jahrhunderten in fremden Armeen, findige helvetische Geister konstruierten auch Waffen für diese Armeen. Der neuste Band der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» porträtiert unter dem Titel «Waffentechniker und Strategen von Weltruf» Schweizer Auswanderer, die als Berater und Ingenieure Geschichte geschrieben haben.

    Berner sind darunter stark vertreten, zum Beispiel mit der Giesser-Familie Maritz, die ihre Wurzeln in Burgdorf hatte. Der 1680 geborene Johannes Maritz erfand 1714 ein revolutionäres maschinelles Bohrverfahren für Geschützrohre. Unter anderem führte dies zu einer grösseren Präzision beim Schiessen und zu einem geringeren Gewicht, wie der Autor Hans R. Degen schreibt.

    Zusammen mit seinem Sohn Jean übernahm Johannes Maritz 1734 eine Giesserei in Lyon. Ein zweiter Sohn, Samuel, entwickelte das Genfer Wasserpumpwerk und betätigte sich auch als Glockengiesser. Samuel Maritz war es auch, der ab 1751 für den Kanton Bern mehr als 300 Geschütze produzierte. Sogar Kaiser Joseph II. von Österreich soll sich 1777 bei seinem Besuch in Bern brennend für die Kanonen interessiert haben. In Frankreich waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 26 Maritz-Bohrmaschinen installiert, 3000 Geschütze wurden so hergestellt, die später auch von Napoleon auf den Schlachtfeldern Europas verwendet wurden. Eine originale Kanone aus dem Jahr 1759 befindet sich heute im Schlossmuseum Burgdorf. In der Emmestadt ist auch eine Strasse im Neumattquartier nach der Giesser-Dynastie benannt. Das Andenken wach hält zudem die Maritz-Batterie, welche in historischen Uniformen an Gedenkveranstaltungen für Geknalle und Pulverdampf sorgt.

    «Der Vater des Hinterladers»

    Samuel Johann Paulis Geschichte dagegen ist die eines verkannten Genies. Seine Familie stammte aus Vechigen, er selber dürfte aber 1766 in Bern geboren worden sein. Er arbeitete als Wagenbauer und Mechaniker in der Werkstatt seines Vaters. Im Kampf gegen die Franzosen verstiess Pauli 1798 nach der Schlacht am Grauholz gegen das Kriegsrecht. Während der Übergabeverhandlungen feuerte er noch eine Salve ab, welche zwei Franzosen niederstreckte.

    1803 reiste er nach Paris. Pauli sei dort, so heisst es im Band, die wohl bedeutendste Waffenerfindung des frühen 19. Jahrhunderts gelungen. Er entwickelte das erste Hinterladergewehr mit Patrone, die durch einen Schlagstift gezündet wurde. Pauli konnte seine bahnbrechende Waffe Offizieren der französischen Armee demonstrieren, ein Minister und General empfahl sie sogar mit begeisterten Worten; doch die zuständige Kommission blieb trotz überzeugenden Versuchen skeptisch und lehnte die Beschaffung ab.

    «Die Waffe sei zu anspruchsvoll für die meist kaum geschulten und zwangsweise rekrutierten Bauern, die Napoleons Massenheere bevölkerten», schreibt Degen dazu. Pauli zeigte sich bitter enttäuscht über den Misserfolg. Die hochwertige Waffe konnte jedoch nicht massenhaft hergestellt werden und war entsprechend kostspielig. Pauli ging aber als «Vater des Hinterladers» in die Geschichte der Waffentechnik ein. Seine Erfindung kann als Vorläufer der modernen Schusswaffen angesehen werden.

    1814 versuchte Pauli sein Glück in London. Er nannte sich nun Samuel John Pauly und verfolgte sein früheres Projekt für ein steuerbares Luftschiff weiter, das zehn Passagieren Platz bieten sollte. Er wollte ein Luftverkehrsnetz zwischen London und dem Kontinent einrichten. Die Hülle seines Dolphin genannten Fluggeräts bestand offenbar aus den Gedärmen von 70’000 Ochsen und war rund 37 Meter lang.

    Auch hier schien der Berner der Zeit voraus zu sein. Seine Visionen wurden erst später realisiert, Lob und Erfolg heimsten andere ein. Napoleon selber soll über Paulis Waffen gesagt haben: «Erfindungen, die ihrer Zeit vorangehen, bleiben ungenutzt, bis das Allgemeinwissen dasselbe Niveau erreicht hat.» Der Berner verstarb 1821 in Armut, er wurde auch schon als Berner Leonardo da Vinci bezeichnet.

  • Die Männer und die böse Linth
    19.09.2016, Tages-Anzeiger, über
    Band 82, Herren über wildes Wasser, Thomas Widmer

    Die Männer und die böse Linth

    Alois Negrelli ist einer der grossen Linth-Ingenieure. Auch in Zürich hinterliess er Grosses, zum Beispiel die Münsterbrücke.

    Die wilde Linth treibt im Ancien Régime eine Landschaft zum Wahnsinn: Ihr Geschiebe bringt die angeschlossenen Gewässer durcheinander. Weesen ist fast unbewohnbar, Walenstadt massiv bedroht. Auch die Schifffahrt vom Walensee zum Zürichsee leidet; allein schon deswegen hat man auch in Zürich ein vitales Interesse, das Problem in den Griff zu bekommen.

    Ein Name, der hier fallen muss: Hans Konrad Escher. Geboren 1767 in eine grossbürgerliche Zürcher Familie, wird er die zentrale Figur der Linth-Sanierung mit Linthkanal und Escherkanal. Das Ensemble aller baulichen Vorrichtungen nennt man Linthwerk. Es ist eine Art bundesstaatliche Leistung, bevor es einen Bundesstaat gibt.

    Freilich ist dieses Linthwerk nie vollendet, wie auch uns Heutigen klar ist angesichts verheerender Hochwasser-Episoden vor Jahren. Im 19. Jahrhundert ist der berühmte Escher einer aus einer ganzen Reihe von Figuren, die mit der Linth beschäftigt sind. Eine neue Publikation behandelt alle diese historischen Kommissäre, Funktionäre und vor allem Ingenieure, die sich damals der Daueraufgabe Linth widmeten. Weil es mit Escher neun sind, darf man getrost vom «Neunerclub» reden.

    Einige waren Zürcher, Salomon Hegner etwa aus Winterthur oder Heinrich Pestalozzi aus Zürich. Die interessanteste Gestalt neben Escher freilich war Habsburger. Doch auch dieser Alois Negrelli, 1799 bis 1858, ist eng mit Zürich verbunden. Und eben mit der Linth.

    Zuerst zur Linth. Ingenieur Negrelli ist in seiner Zeit mit dem Sinken des Walensee-Wasserspiegels befasst. Damit verbunden ist ein juristisches und politisches Problem: Wem gehört das Neuland? Negrelli muss prognostizieren, wie sich die Uferlinie in der nächsten Zeit verändern wird. Und auch sonst leistet er viel für das Werk. 1840 lobt die Linthverwaltung, er habe seine Aufgaben erfüllt mit «einer bewundernswürdigen Aufopferung von Zeit und Mühe».

    Spektakulär ist, was Negrelli in seinen Jahren in der Schweiz sonst so verwirklicht. Von St. Gallen aus erweitert er den Hafen Rorschach. Dann wirkt er ab 1836 in Zürich. Auf ihn geht die Münsterbrücke zurück. Aber auch die Ladengalerie aus Quintner Kalk unterhalb des Grossmünsters. Viel beachtet auch die Kornhalle auf dem Sechseläutenplatz, die später zur Tonhalle umgerüstet wurde, um 1896 abgebrochen zu werden. Ab 1845 wird unter Negrelli die erste Bahnstrecke der Schweiz gebaut, die Spanisch-Brötli-Bahn.

    Negrellis Wichtigkeit spiegelt sich darin, dass in der Gegenwart die neue Fussgängerverbindung über die Geleise nah dem Zürcher Hauptbahnhof Negrellisteg heissen sollte. Allerdings ist das Projekt zurückgestellt. Macht nichts, der Mann ist ohnehin unvergessen.

    Daniel Speich, «Herren über wildes Wasser. Die Linthingenieure als Bundesexperten im 19. Jahrhundert». Schriftenreihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», 88 S., viele Abbildungen. Ca. 27 Fr., Verein für wirtschaftshistorische Studien. www.pioniere.ch

  • Mit den Waffeln einer Frau
    10.09.2016, Thurgauer Zeitung, über
    Band 106, Pionierinnen der modernen Schweiz, von Inge Staub

    Mit den Waffeln einer Frau

    Elisabeth Wegeli-Studer hat die «Gottlieber Hüppen» erfunden. Ihre Pioniertat wird jetzt in einem wirtschaftshistorischen Buch gewürdigt. Die Leser begegnen darin einer couragierten und pflichtbewussten Frau.

    Ihre Erfindung ist weit über den Thurgau hinaus bekannt: «Gottlieber Hüppen». Wer in die süssen Röhrchen beisst, denkt dabei wohl kaum an Elisabeth Wegeli-Studer. Dies könnte sich jetzt ändern. Denn in dem Buch «Drucken, Backen, Forschen», welches der Verein für Wirtschaftshistorische Studien herausgegeben hat, wird sie als Hüppen-Pionierin gewürdigt. In diesem Band werden drei Unternehmerinnen porträtiert, die Druckerei-Gründerin Emma Stämpfli-Studer, die Landwirtin Mina Hofstetter-Lehner und Elisabeth Wegeli-Studer.
    Über das Leben der Hüppenbäckerin Wegeli hat die Journalistin Claudia Wirz recherchiert. Unter dem Titel «Eine Waffel für die Welt» präsentiert sie nicht nur eine spannende Unternehmensgeschichte. Sie gibt auch Einblick in das Leben von Thurgauer Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Leser begegnen couragierten Personen mit einem klaren Bekenntnis zur Familie und zur Pflichterfüllung. Auch wenn die Quellenlage über die frühen Jahre von Elisabeth Wegeli dünn ist, so gelang es der Autorin dennoch, ein faszinierendes Bild dieser Frau zu zeichnen.

    Sie kam aus Unterschlatt
    Elisabeth Wegeli erblickte 1871 als Elisabeth Studer in Unterschlatt das Licht der Welt. Sie heiratete den Diessenhofer Lehrer, Notar und Politiker Jakob Wegeli, der für die freisinnig-demokratische Partei dem Grossen Rat angehörte.
    Im April 1921 wurde die Mutter von vier Töchtern unerwartet im Alter von knapp 50 Jahren Witwe. «Von der Frau an Jakob Wegelis Seite, Elisabeth, hören wir in all den Diessenhofer Jahren nichts. Ihr Bild bleibt auch in späteren Jahren, als sie Unternehmerin in Gottlieben ist, blass», gesteht Claudia Wirz. Das sei nicht ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Frau in aller Regel ihren Platz in der «Unsichtbarkeit des schönen Heims» zugewiesen bekam.
    Für Elisabeth Wegeli war der Tod ihres Mannes ein schwerer Schlag. In welchen wirtschaftlichen Verhältnissen sie lebte, ist nicht bekannt. 1926 zog sie mit ihrer Tochter Hanny nach Gottlieben. Denn dort lebte bereits ihre älteste Tochter Gertrud mit ihrem Mann Walter Brauchli und ihren Kindern. Diesem Umzug ist die Entstehung der «Gottlieber Hüppen» zu verdanken. Denn wie Claudia Wirz in Erfahrung brachte, hatte die Gottlieberin Frieda Weber ihre neue Nachbarin Elisabeth Wegeli überredet, Hüppen zu backen. Frieda Weber soll dies als Gattin eines privilegierten Beamten nicht gestattet gewesen sein. Sie verkaufte ihre beiden Waffeleisen an Elisabeth Wegeli. Autorin Claudia Wirz betont: «Es war das Jahr 1928 und es war, soviel steht fest, die Geburtsstunde der ‹Gottlieber Hüppen›».

    In der Stube gebacken
    Mit Tochter Hanny bäckt die Witwe fortan Hüppen in ihrer Stube – die beiden Waffeleisen brauchten nicht viel Platz. Über die ersten Hüppen-Jahre und ob die beiden davon leben konnten, konnte die Autorin nicht viel in Erfahrung bringen. Immerhin gelang es Elisabeth Wegeli schon 1931, zu expandieren und die Gerbe, ein Haus direkt am Seerhein, zu kaufen. 1931 starb Hanny. Die andere Tochter, Berty, die zu dieser Zeit als Privatlehrerin in Kenia Deutsch, Französisch und Musik unterrichtete, kehrte in die Heimat zurück. Sie trat in die Fussstapfen ihrer Schwester. Zunächst aus Pflichtgefühl und auch um die Mutter zu unterstützen. «Aber auch Gottlieben, die Hüppenbäckerei und die Gottlieber Einwohner wuchsen ihr bald ans Herz. Mit dem ganzen Stolz einer zufriedenen und durchaus selbstbewussten Unternehmerin habe sie sich fortan als das «‹Fräulein Wegeli von der Hüppenbäckerei› vorgestellt, wenn sie nach Kreuzlingen zum Einkaufen ging», erinnert sich Grossneffe Urs Brauchli.

    Die gefüllten hohlen Röllchen
    Seit 500 Jahren wurden bereits Hüppen in der Schweiz gebacken – zunächst als Armenspeise, später als süsses Gebäck für die Oberschicht. Doch in all dieser Zeit kam keinem in den Sinn, dass man die hohlen Röllchen auch füllen könnte. Bis spätestens 1938. Als sich ennet der Grenze das Unheil für ganz Europa und die Welt anbahnte, machten Mutter und Tochter Wegeli eine Innovation, die für die Zukunft ihres Unternehmens wegweisend sein sollte. Es ist nicht zweifelsfrei erwiesen, ob die beiden tatsächlich die Erfinderinnen der mit Crème gefüllten Hüppen waren, aber sie gehören laut Claudia Wirz «mit Bestimmtheit zu den allerersten», die auf die Idee kamen, die hohlen Röhrchen mit Haselnusscrème zu füllen.

    Feine Thurgauer Spezialität
    In den ersten Jahren übernahm die Kreuzlinger Schokoladenfabrik Bernrain das Abfüllen der Hüppen. Es kam zum Zerwürfnis. Mutter und Tochter füllten ihre Hüppen selbst. Die süsse Masse fürs Innere lieferte die Firma Felchlin aus Schwyz. Mit Inseraten machte Berty Wegeli auf ihre Hüppen aufmerksam: «Gefüllte Gottlieber Hüppen -die feine Thurgauer Spezialität – jetzt auch in Zürich erhältlich.»
    Elisabeth Wegeli starb 81jährig im September 1952. Ihre Tochter Berty führte das Unternehmen mit Unterstützung ihres Neffen Walter Brauchli weiter. Nach der Übernahme des Betriebs im Jahre 1959 leitete er schrittweise die Technisierung der Manufaktur ein. 1977 wurde mit dem Eintritt von Brauchlis Sohn Urs die Weiterführung des Betriebs in der Familie sichergestellt. Er verkaufte ihn dann 2008 an den Frauenfelder Unternehmer Dieter Bachmann.

  • Pionierinnen der modernen Schweiz
    20.06.2016, Neue Zürcher Zeitung, über
    Band 106, Drucken – Backen – Forschen, von Hans Commondo

    Pionierinnen der modernen Schweiz

    Ein grosszügig bebilderter Band stellt rund dreissig Frauen vor, die mit ihrem selbstbestimmten Lebensstil die weibliche Emanzipation der Schweiz vorangetrieben haben

    Die Frauen dieses Landes haben lange kämpfen müssen, um in den Besitz der gleichen politischen Rechte wie die Männer zu gelangen; ökonomisch, etwa hinsichtlich des Lohns, sind sie diesen noch immer nicht gleichgestellt. Hätten sich die Frauen im 20. Jahrhundert nicht über die weltanschaulichen und sozialen Grenzen hinweg zusammengeschlossen, wäre die Gleichberechtigung wohl nicht zustande gekommen.

    Wirtschaft, Kultur, Recht

    Ein von Avenir Suisse herausgegebenes Buch würdigt nun rund dreissig «Pionierinnen», die mit ihrem «freiheitlichen» und selbstbestimmten Leben den Weg zur «modernen Schweiz» geebnet hätten, je mit einem knappen Porträt. Ergänzt werden diese mit einem Dutzend Fotografien beruflich erfolgreicher Frauen von heute. Im Vordergrund stehen also nicht wie üblich politische Kämpferinnen – eine Bundesrätin sucht man vergebens –, sondern Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Juristinnen meist bürgerlicher Herkunft.

    Die beiden Herausgeberinnen des reichlich bebilderten Buchs, Verena Parzer Epp, Redaktorin bei Avenir Suisse, und NZZ-Redaktorin Claudia Wirz, sind bei der Auswahl der Frauen grosszügig vorgegangen. Neben Marie Heim-Vögtlin, Emilie Kempin-Spyri, Iris von Roten und Marthe Gosteli etwa, die man zu den Klassikerinnen der Emanzipation zählen kann, würdigen sie auch Ursula Andress, Elisabeth von Wetzikon, im 13. Jahrhundert Fürstäbtissin des Zürcher Fraumünsters, als es schlicht keine Vorstellung von «individueller Freiheit» gab, Regula Engel-Egli, die ihrem Mann, einem Söldner Napoleons, quer über die Schlachtfelder Europas folgte (allerdings in Uniform), und die fast zur gleichen Zeit äusserst erfolgreiche Malerin Angelika Kaufmann.

    Die breite Palette hat den Nachteil, dass der Titel des Buchs strapaziert wird. Einigen der Porträtierten dürfte die «moderne Schweiz» mit ihren Individualrechten ziemlich egal gewesen sein, zum Beispiel einer Meta von Salis, die zwar eine Frauenrechtlerin, aber auch eine aristokratische Antidemokratin war. Der Vorteil der breiten Auswahl: Die zum Teil überraschenden Porträts mit ihren höchst unterschiedlichen, zum Teil mutig nonkonformen Lebenswegen verleihen dem Buch eine frische Note. Dazu tragen besonders Claudia Wirz‘ pointierte Texte bei, die inhaltlich wie stilistisch herausragen.

    Individuen in der Geschichte

    Einleitend kritisieren die Herausgeberinnen die heutige Geschlechterforschung, weil sie die Geschichte und besonders jene der bürgerlichen Pionierinnen zu wenig berücksichtige. Tatsächlich fehlt der Sozialforschung oft das Bewusstsein dafür, wie langwierig und verschlungen historische Prozesse sind. Dass die Gleichstellung der Geschlechter sich nicht einfach einführen lässt, zeigen gerade die Kämpfe der – von der Geschlechtergeschichte schon länger und bestens erforschten – bürgerlichen Frauenbewegung. Der Vorwurf fällt indes teilweise auf die Herausgeberinnen zurück: Der kollektive Aspekt der historischen Emanzipation kommt in den Individualporträts zu kurz. Allein hätten die Frauen der Schweiz – und schon gar nicht die aus den Unterschichten – ihre Freiheiten nicht erringen können.

  • Pistor treibt die Branche voran
    29.01.2016, Neue Luzerner Zeitung, über
    100 Jahre Pistor, von Maurizio Minetti

    Pistor treibt die Branche voran

    Immer mehr Bäckereien müssen schliessen. Der Zulieferer Pistor kann trotzdem zulegen. Wie geht das auf?

    Der Trend ist nicht neu: Traditionelle Bäckereien, die nicht bereit sind, ihr Geschäftsmodell an neue Gegebenheiten anzupassen, sterben aus. Ungefähr 50 Bäckereien verliere man pro Jahr als Kunden, sagte gestern Markus Lötscher, CEO des Rothenburger Bäckereien-Zulieferers Pistor. Seine Kunden sehen sich zunehmender Konkurrenz von Supermärkten oder Tankstellen ausgesetzt.

    Gastro-Umsatz gesteigert
    Und trotzdem schafft es Pistor, beim Umsatz zuzulegen. Im vergangenen Jahr setzte die Einkaufsgenossenschaft mit 478 Mitarbeitenden 622 Millionen Franken um und damit 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das macht Pistor hinter Coop zum schweizweit zweitgrössten Lebensmittelgrossisten. Der Umsatz mit Bäckereien sank dabei aber um 2,4 Prozent auf 374 Millionen Franken. CEO Lötscher zeigt sich zuversichtlich, den Umsatz mit Bäckereien künftig halten zu können; Illusionen macht er sich aber nicht: «Wir müssen uns auf ein Nullwachstum einstellen.» Oder anders gesagt: In einem rückläufigen Markt ist selbst Stagnation ein Erfolg. Während Pistor im traditionellen Geschäft schrumpft, konnte das Unternehmen in der Gastronomie zulegen. Hier wuchs der Umsatz im Jahresvergleich um 7,5 Prozent auf 248 Millionen Franken. Laut Lötscher ist Pistor insbesondere im Bereich von Altersheimen und Spitälern stark – in diesen Bereichen gebe es künftig viel Wachstumspotenzial. Angesichts der Tatsache, dass der Gastro-Bereich wachse und das Geschäft mit Bäckereien schrumpfe, könne er sich gut vorstellen, dass dereinst beide Bereiche gleich viel Umsatz zur Gruppe beisteuern.

    Müesli in der «Beck»
    Künftig könnte es immer weniger Sinn machen, die beiden Geschäftsbereiche zu unterscheiden. Denn Bäckereien sind heute auch Gastro-Betriebe. Sandwiches, Birchermüesli oder ganze Menüs: Bäckereien haben in den letzten Jahren gelernt, ihr Sortiment auszuweiten und sich so erfolgreich neu zu positionieren. Pistor habe massgeblich dazu beigetragen, den Wandel voranzutreiben, sagte gestern Damian Hänggi, der mit seiner gleichnamigen Bäckerei in Rothenburg Genossenschafter und Kunde von Pistor ist. «Pistor hat schon früh erkannt, dass im Gastro-Bereich die Zukunft der Bäckereien liegen kann. Vor 20 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, Birchermüesli zu verkaufen – heute ist es eine Selbstverständlichkeit», sagte Hänggi gestern. In der Bäckerbranche bleibt der Preisdruck derweil gross. Insbesondere Betriebe in der Grenzregion müssen ihre Preise nach unten anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Pistor hat nicht den Ruf, der günstigste Anbieter zu sein. «Wir sind nicht Preisführer, das stimmt», sagt CEO Markus Lötscher. Das wolle man auch nicht sein. «Wir sehen uns als Logistikpartner und Berater für unsere Kunden», so Lötscher. Pistor-Mitarbeiter Pan Jampatong macht im Warenumschlagscenter in Rothenburg eine Lieferung fertig.

    Buch zum 100-Jahr-Jubiläum

    Pistor mit Sitz in Rothenburg beliefert Bäckereien und Gastro-Betriebe mit Halbfabrikaten, Frischprodukten und Rohstoffen. Letztes Jahr lieferte das Unternehmen mit über 80 Camions 105 100 Tonnen Ware aus. Gegründet wurde die Einkaufsgenossenschaft vom Schweizerischen Bäcker- und Konditorenverband am 27. Juni 1916 im Restaurant Hirschen in Zug. Luzern setzte sich schon bald als Firmenstandort gegen Zürich und Bern durch. Seit 1983 ist Pistor in Rothenburgstationiert.

    Eine Firma wie eine Rockband
    Zum 100-Jahr-Firmenjubiläum plant Pistor dieses Jahr diverse Anlässe wie die erste Pistor-Expo auf dem Luzerner Messegelände Anfang Juni. Ausserdem hat der Wirtschaftshistoriker Bernhard Ruetz ein Jahr lang in den Archiven von Pistor gewühlt und eine 127 Seiten dicke Firmenchronik verfasst. Im Buch «Vom Lieferanten zum Logistikdienstleister» (ISBN 978-3-909059-68-3) geht Ruetz auf die wichtigsten Meilensteine ein und erklärt, warum Pistor seiner Meinung nach Analogien zur Rockband Status Quo aufweist: Es geht um Konstanz, Verlässlichkeit und Professionalität.

  • Schweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet
    26.08.2013, Tages-Anzeiger Blog,, über
    Band 100, Schweizer Erfolgsgeschichten, von Tobias Straumann

    Schweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet

    Zum Wohlstand eines Landes tragen alle bei, aber eine Gruppe sticht dabei besonders hervor: die Unternehmerinnen und Unternehmer. Die politischen Rahmenbedingungen können noch so ideal und die Belegschaft noch so motiviert sein, die Wirtschaft entwickelt sich nur, wenn es immer wieder Leute gibt, die etwas riskieren und Innovationen zum Erfolg führen.

    Die schweizerische Unternehmensgeschichte wird seit 1955 vom Verein für wirtschaftshistorische Studien dokumentiert. Die historischen Porträts reichen von den Mönchen des Mittelalters und den Textil- und Uhrenindustriellen des 16. und 17. Jahrhunderts bis zum Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und dem Filmpionier Heinrich Fueter im 20. Jahrhundert.

    Mittlerweile sind 99 Bände erschienen und 272 Personen porträtiert worden. (hier eine Übersicht über alle Porträts) Für wirtschaftshistorisch Interessierte ist die Reihe eine wahre Fundgrube. Im Gegensatz zu akademischen Geschichtsbüchern, die grossen Wert auf die Beschreibung von überpersönlichen Kräften legen, kann man hier nachverfolgen, wie einzelne Personen Geschichte geschrieben haben.

    Der hundertste Band, von Joseph Jung herausgegeben, versucht nun, gemeinsame Merkmale der 272 porträtierten Schweizer Pioniere herauszuarbeiten. Die historische Auswertung ist aufschlussreich. Am bemerkenswertesten ist zweifellos, dass die meisten grossen Unternehmen, die heute im Swiss Market Index (SMI) aufgeführt sind, im jungen Bundesstaat (von 1848 bis Ende der 1860er-Jahre) gegründet wurden. Jung spricht von einem «wirtschaftsliberalen Zeitfenster», in dem die «Voraussetzungen für den heutigen Erfolg» geschaffen wurden.

    Es war die Zeit des Eisenbahnbaus, der ETH-Gründung und des „Systems Escher“. Wie kein anderer vor oder nach ihm dominierte der Zürcher Alfred Escher (1819-1882) Politik und Wirtschaft. Es gab keine direkte Demokratie und keine Verbände, kein Verbot gegen Ämterkumulation und keine Karenzfristen. Die Wirtschaftsliberalen hatten freie Bahn. Ende der 1860er Jahre kam diese Epoche an ihr Ende. Die „Demokraten“ opponierten mit Erfolg gegen das „System Escher“ und setzten die direkte Demokratie durch, zuerst in einigen Kantonen, dann auf Bundesebene. Auch die Gründung von staatlichen Kantonalbanken war ein wichtiges Anliegen, das die Demokraten mit Erfolg durchsetzten. 1874 kam es zu einer grossen Verfassungsrevision auf eidgenössischer Ebene. Jung: „Die politische Kultur in der Schweiz hatte sich grundlegend geändert.“ Es ist die politische Schweiz, die wir heute kennen.

    Diese hohe Konzentration von Gründungen in den 1850er- und 1860er-Jahren bringt es automatisch mit sich, dass der Anteil von reformierten Männern besonders hoch war, Zürich als Standort für Unternehmensgründungen dominierte und viele Unternehmer Politiker waren und im Militär Karriere machten. Im jungen Bundesparlament waren liberale Abgeordnete, die in der Wirtschaft tätig waren, sogar in der Mehrheit. Heute bilden sie nur noch eine kleine Gruppe.

    Unternehmenspionierinnen gab es durchaus, etwa Susanna Orelli-Rinderknecht (1845–1939), die massgeblich an der Gründung des Zürcher Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl (heute ZFV-Unternehmungen) beteiligt war. Aber ihr Anteil war lange Zeit sehr klein. Auch das hat sich mittlerweile geändert.

    Von zeitloser Gültigkeit dürften hingegen folgende Ergebnisse sein: Die Pioniere stammten aus allen sozialen Schichten, waren nicht selten Einwanderer, genossen meist eine gute Ausbildung (d.h. mindestens eine Berufslehre) und begannen ihren Erfolgsweg in jungen Jahren. 35 Prozent gründeten ihr Unternehmen, als sie zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, und 41 Prozent, als sie zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. Ein Pionier hat sein Unternehmen sogar im Alter von 16 Jahren gegründet: Armand Dufaux (1883-1941). Zusammen mit seinem älteren Bruder entwickelte er einen leichten Explosionsmotor, der wie eine Tasche an eine Fahrrad an ein Velo montiert werde konnte („Motosacoche“).

    Fazit: Die Gründung von Pionierunternehmen ist nicht nur einigen wenigen Privilegierten gelungen. Im Prinzip haben alle eine Chance, wenn sie sich gut ausbilden lassen und früh genug anfangen.

  • Die Solothurner Hightech-Waffen-Erfinder des 18. Jahrhunderts
    08.01.2017, Schweiz am Sonntag, über Waffentechniker
    107, Bei Kaisern und Königen. Waffentechniker und Strategen von Weltruf von Fränzi Zwahlen-Saner

    Die Solothurner Hightech-Waffen-Erfinder des 18. Jahrhunderts