Alfred Escher hat sein Denkmal auf dem Bahnhofplatz verdient

Pionier des Monats

Alfred Escher hat sein Denkmal auf dem Bahnhofplatz verdient

Nach einem historischen Bericht über Zürichs Verstrickungen in die Sklaverei, steht Alfred Eschers Statue zur Debatte. Messt den Mann an seinen Taten, nicht an seinen Vorfahren, schreibt Joseph Jung.

Schon damals wurde mit Fake News operiert. Friedrich Locher, der politische Gegner von Alfred Escher, beschreibt, wie er dem Politiker und Wirtschaftsführer sonntags einen Besuch in dessen Villa Belvoir abstattet und ihm die Leviten liest. Die Sklavenfrage ist dabei zentral: Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt, so Locher. Denn die Sklaven, aus deren Schweiss und Blut dieser Palast gebaut ist, modern längst in fremder Erde, während ihre Herren das Leben geniessen.

So steht es in einer Schmähschrift, die Locher 1867 veröffentlichte. Der Besuch allerdings hat nie stattgefunden. Locher, ein Winkeladvokat und Demagoge, wollte mit seinen Pamphleten das ganze liberale System zu Fall bringen. Er hätte sich kaum vorstellen können, dass seine Unwahrheiten mehr als 150 Jahre später nochmals derart für Furore sorgen sollten.

Alfred Eschers Vater Heinrich hatte als 13-Jähriger das Elternhaus mit leeren Taschen verlassen und war in die Welt hinaus gezogen. Mitten in den Stürmen der französischen Revolution kam er nach Paris. Im Bankhaus Hottinguer machte er Karriere und war auch in London und hauptsächlich in den USA tätig. Bei Hottinguer baute sich Heinrich Escher ein Vermögen auf. 1814 kehrte er als Millionär in die Schweiz zurück. Als Rentner verwaltete er fortan das eigene Portefeuille, engagierte sich gemeinnützig und legte eine Insektensammlung von Weltruf an. Mit Sklaverei hatte er nichts zu tun.

Tatsächlich aber waren Vorfahren von Alfred Escher in die Sklaverei verstrickt. Der Grossvater hatte Ende des 18. Jahrhunderts mit seiner eigenen Bank in den Sklavenhandel investiert. Später ging er Konkurs und auch viele Zürcher verloren Geld. Und ab den 1820er Jahren machten Alfred Eschers zwei liederliche Onkel Fritz und Ferdinand von sich reden, die in Russland gescheitert waren und schliesslich nach Kuba ins Exil gingen. Dort betrieben sie eine Kaffeeplantage und hielten – wie wir heute wissen – über 80 Sklaven. Die zwei waren Taugenichtse, Alfred Eschers Vater musste ihnen immer wieder aus der Patsche helfen.

1845 starb Fritz Escher auf Kuba und Heinrich beerbte ihn. Nun zeigte sich, dass auch konservative Gegner der Eschers den Sklavereivorwurf als politischen Hebel zu nutzen versuchten: Der damalige Zürcher Stadtschreiber verunglimpfte Heinrich Escher als einstigen Sklavenhändler und Sklavenhalter. Zusammen mit seinem Sohn Alfred reichte Heinrich Klage ein. Der Prozess beschäftigte schliesslich das Obergericht. Ausdrücklich wurde Heinrich Escher schon 1846 vom Vorwurf des Sklavenbesitzes und Sklavenhandels entlastet. Heinrich setzte einen Verwalter ein, der die Plantage verkaufen sollte. Sohn Alfred unterstützte ihn, indem er in seinem Netzwerk nach Kontaktpersonen mit Kuba-Erfahrung suchte. Einen Gewinn erzielte Heinrich Escher nicht. Die Schulden von Fritz übertrafen das Geerbte. Heinrich Escher versteuerte vor und nach Antritt der Erbschaft rund 800000 Franken. Damit gehörte er wohl zu den reichen Zürchern, nicht jedoch zu den reichsten.

Die Angriffswellen, die über Vater Heinrich und Sohn Alfred Escher herein-brachen, waren politisch motiviert. Bedenken gegenüber Sklavenhaltung keimten vor Mitte des 19. Jahrhunderts in Zürich wie in der übrigen Schweiz erst langsam. Dies dokumentieren 1864 etwa Bundesrat und Parlament als es um die Sklavenfrage in Brasilien ging.

1853 starb Heinrich Escher, und Sohn Alfred erbte den grössten Teil seines Vermögens. Wenn man lesen muss, wie kürzlich zwei Historiker aus Harvard in dieser Zeitung [NZZaS] schrieben, Sklavengeld aus Kuba habe das Schweizer Schienennetz samt Gotthardbahn mitfinanziert, so ist das haar-sträubende Geschichtsklitterung. Zunächst finanzierten massgeblich aus-ländische Banken den privaten Bahnbau in der Schweiz, bis 1856 die Schweizerische Kreditanstalt ihre wichtige Rolle als Eisenbahnbank übernahm. Kapitalmässig beherrschte Alfred Escher keine der von ihm mitgegründeten Firmen. Das Aktienkapital dieser Finanz- und Eisenbahnunternehmen bewegte sich in ganz anderen Dimensionen als sein eigenes Vermögen. Bei der SKA verfügte Präsident Escher wie jeder andere Verwaltungsrat über 312 Gründungsaktien und damit über rund ein Prozent des Aktienkapitals. Die grosse Mehrheit wurde von ausländischen Investoren gehalten. Allein die Credit-Anstalt in Leipzig kontrollierte
50 Prozent des Kapitals.

Im gigantischen Meer seiner Aufgaben fehlte Escher bald schon für private Investitionen schlicht die Zeit. Die Modernisierung der Schweiz war ihm wichtiger, dafür setzte er seine Kraft ein. Nach seinem Tod 1882 ging sein Vermögen an seine Tochter Lydia über, nach deren Freitod 1891 an den Bund.

Alfred Escher ist nicht für die Handlungen seiner Vorfahren verantwortlich. An seinen eigenen Taten soll man ihn messen. Dafür hat er sein Denkmal auf dem Zürcher Bahnhofplatz verdient.

 

Mehr über Alfred Escher erfahren Sie im Pionierband 114 «Alfred Escher. Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer».